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kobinet-nachrichten 12.11.2005 - 16:22
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Satt und sauber reicht nicht

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Coburg (kobinet) Die Kampagne "Marsch aus den Institutionen - Reißt die Mauern nieder" hat in Coburg Station gemacht. Behinderte wollen mehr als nur eine "Satt und Sauber-Versorgung".

Rund 40 Interessierte fanden den Weg ins Coburger Kongresszentrum Rosengarten, um sich über die praktischen und rechtlichen Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens mit Behinderung zu informieren. Der Einladung der Behindertenselbsthilfe Coburg gefolgt waren Elke Bartz und Ottmar Miles-Paul vom Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA e.V.), die die Kampagne initiiert und koordiniert hatten. Auf dem Podium nahm Susann Biedefeld, SPD-Landtagsabgeordnete, an der Diskussion teil.

"Behinderte wollen wie alle anderen auch am Leben in der Gemeinschaft teilhaben", erklärte Ihsan Özdil, Vorsitzender der Behindertenselbsthilfe, die einen ambulanten Dienst betreibt, in seiner Einführung. Der Dienst stellt schwerstbehinderten Frauen und Männern, die in Wohngemeinschaften leben, seine Leistungen rund um die Uhr zur Verfügung. Die Beschränkung auf "Satt und Sauber-Leistungen" reiche nicht aus, um ein menschenwürdiges und selbstbestimmes Leben zu führen. Er schilderte, wie schwierig es ist, bedarfsdeckende Leistungen in Coburg finanziert zu bekommen. Sein Dienst habe zwar seit Jahren die notwendigen Hilfen erbracht. Das sei aber nur möglich gewesen weil "die Mitarbeiter mitgezogen haben". Der örtliche Sozialhilfeträger orientiere sich jedoch fast ausschließlich an den MDK-Gutachten und berücksichtige kaum, dass diese nicht ausreichen würden.
 


Das bestätigte die ForseA-Vorsitzende Elke Bartz in ihrem Vortrag. "Die Pflegeversicherung ist schließlich in Art und Umfang nur eine Teilkaskoversicherung". Außerdem berichtete sie, dass in Deutschland derzeit ca. 2500 auf Assistenz angewiesene Menschen ihre Hilfeleistungen über das Arbeitgebermodell sichern. Andere würden ambulante Dienste bevorzugen. "Wichtig ist es Wahlmöglichkeiten zu haben, wie es im SGB IX gesetzlich verankert ist", meinte Bartz. Es dürfe nicht sein, dass behinderte Menschen aus Kostengründen in stationären Versorgungen gehalten oder darauf verweisen würden.

Ihsan Özdil hatte zuvor dargestellt, was selbstbestimmte Assistenz bedeute, nämlich selbst zu bestimmen, wer, wann, welche Hilfen wie erbringe. "Ich habe mir bei Ihsan Özdils Ausführung vorgestellt, hier würden nicht lauter behinderte Menschen sitzen, sondern er wäre versehentlich in einer Veranstaltung von Nichtbehinderten ‚gelandet' und hätte dort erzählt, was Selbstbestimmung beinhaltet. Vermutlich hätten ihm die Zuhörer nicht folgen können, denn für sie ist es eine Selbstverständlichkeit zu entscheiden, was sie essen, wie oft sie auf die Toilette und wann sie ins Bett gehen."

Susann Biedefeld stellte dar, welche gesetzlichen Änderungen es in der "Behindertenpolitik" zwischen 1998 dem Herbst 2005 gegeben hätte. Dabei verwies sie auf das Bundesgleichstellungsgesetz und das SGB IX als wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Teilhabe. Außerdem sicherte sie den Teilnehmenden zu, im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch den Einzelnen bei auftretenden Problemen helfen zu wollen.


Eine Teilnehmerin schilderte ihre Erlebnisse aus der Kurzzeitpflege in einer stationären Behinderteneinrichtung. Sie wird normalerweise von ihrer Großmutter rund um die Uhr versorgt. Wegen eines Krankenhausaufenthaltes der Großmutter musste sie für einige Wochen in diese Einrichtung. "Wenn ich auf die Toilette musste, hieß es oft, ich wäre nur Gast. Erst kämen die Dauerbewohner an die Reihe. Ich müsste meine Ansprüche eben zurückschrauben". Noch immer unter diesen Eindrücken stehend war ihr klar, niemals in eine Einrichtung ziehen zu wollen. da ihre Großmutter sie aus Altersgründen nicht mehr länger versorgen kann, will sie demnächst ein Wochenende in einer Wohngruppe "probewohnen". Dann kann sie entscheiden, ob das ihre künftige Wohn- und Lebensform sein soll.

Ottmar Miles-Paul war an diesem Nachmittag als Moderator stark gefordert, da die zahlreichen Wortmeldungen und Nachfragen der Teilnehmenden das große Interesse am Thema bewiesen. Auch für ihn war das ein weiteres Indiz dafür, dass der "Marsch aus den Institutionen" weiter fortgeführt werden muss. hjr
 

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