![]()
Druckversion
kobinet-nachrichten
05.12.2003 - 11:55
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Berlin (kobinet) Bundespräsident Johannes Rau hat heute in Berlin beim Kongress «Differenz anerkennen - Ethik und Behinderung» vor gravierenden Auswirkungen des technischen Fortschritts bei modernen Diagnosemöglichkeiten auf den Umgang mit Behinderungen gewarnt. Viele Menschen seien fasziniert von den Möglichkeiten der Genanalyse und der Gentechnik. «Wenn wir darüber sprechen, welche Möglichkeiten wir nutzen sollen und welche nicht, dann geht es aber nicht in erster Linie um wissenschaftliche oder technische Fragen. Wir müssen Wertentscheidungen treffen. Wir müssen entscheiden, welche technische Möglichkeit sich mit unseren Werten vereinbaren lässt und welche nicht», erklärte Rau. Wie schwierig und wie notwendig das sei, zeige die immer wieder heftig geführte Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID) und um die Embryonenforschung. «Mit der PID kann bei einer künstlichen Befruchtung ein Embryo auf genetische Schäden untersucht werden. Ich bleibe dabei: Nichts rechtfertigt eine Praxis, die das Tor weit öffnet für biologische Selektion, für eine Zeugung auf Probe», betonte der Bundespräsident. Wenn es erlaubt wäre, Embryonen gentechnisch zu prüfen und jene auszusondern, die genetische Defekte haben, dann wäre es nur noch ein Schritt zu der Frage: Warum haben Sie ein behindertes Kind zur Welt gebracht? Das hätte doch nicht sein müssen. «Müssten Eltern, die ein Kind mit Behinderung ganz bewusst annehmen, sich dann rechtfertigen? Müssten sie sich verteidigen, weil man ihnen die Kosten vorhält, die die Pflege und die Betreuung ihres Kindes verursacht? Wir müssen dafür sorgen, dass diese Fragen gar nicht gestellt werden können. Wir müssen verhindern, dass technische Möglichkeiten genutzt werden, die im Widerspruch zu grundlegenden Wertvorstellungen vom menschlichen Leben stehen.» Der gesellschaftliche Konsens darüber, dass Menschen mit Behinderungen anders sind, aber auf keinen Fall minderwertig, müsse jeden Tag neu mit Leben erfüllt werden. «Wir müssen noch stärker lernen, Menschen mit einer Behinderung nicht in erster Linie oder gar ausschließlich unter dem Blickwinkel dessen zu sehen, was ihnen fehlt oder was sie nicht können», sagte Rau. «In unser Grundgesetz haben wir geschrieben, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Es widerspricht fundamental dem Menschenbild unseres Grundgesetzes, die großen Unterschiede zwischen den Menschen, auch Unterschiede durch Behinderung, zum Maßstab für unterschiedliche Rechte zu machen. Angesichts der Möglichkeiten von Bio- und Gentechnik müssen wir wieder neu aufkommenden biologistischen Vorstellungen widersprechen, die biologische Vielfalt als unvereinbar mit der rechtlichen und politischen Gleichheit aller Menschen darstellen.» Jede und jeder könne das Zusammenleben mitgestalten,«damit wir in einer Gesellschaft leben, die den wissenschaftlichen Fortschritt nutzt, ohne sich ihm auszuliefern, die sich im Alltag bewusst ist, dass Unterschiede zum Leben gehören und dass niemand ausgegrenzt werden darf, weil er anders ist». sch
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten