
Berlin (kobinet) Die neue Behindertenbeauftragte Karin Evers-Meyer will sich verstärkt für selbstbestimmte Lebensformen stark machen. Das erklärte sie in ihrem ersten Interview mit den kobinet-nachrichten, das kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul mit ihr führte. kobinet-nachrichten: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Ernennung zur Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Da viele aus den Behindertenverbänden Sie noch nicht kennen, könnten Sie uns ein paar Worte zu Ihrer Person und Ihrer Beziehung zum Thema Behinderung sagen? Karin Evers-Meyer: Vielen Dank für die netten Glückwünsche. Auch für mich kam die Frage, ob ich mir dieses Amt zutrauen würde, überraschend. Ich habe mich aber entschieden, die Herausforderung anzunehmen. Ich hatte als Landrätin mit der Situation behinderter Menschen auf der kommunalen Ebene zu tun, weiß also durchaus, wo die Probleme liegen. Und durch meinen behinderten Sohn kenne ich auch die Elternperspektive aus eigener Erfahrung. Fachlich werde ich mich in viele Bereiche "hineinfuchsen" müssen, aber auch darauf freue ich mich. Ich bin neugierig und komme mit offenen Augen und Ohren und ohne vorgefertigte Rezepte. Das kann auch von Vorteil sein. kobinet-nachrichten: Nach der äußerst engagierten Ära von Karl Hermann Haack treten Sie ein Amt an, bei dem hohe Erwartungen in Sie gesetzt werden. Wie gedenken Sie, sich den Forderungen und Erwartungen behinderter Menschen und ihrer Verbände anzunähern? Karin Evers-Meyer: Ganz klar: Hermann Haack hat einen unglaublich guten Job gemacht. Ich spreche natürlich auch viel mit ihm und lerne schon dabei immens. Und ich "erbe" von ihm einen Arbeitsstab voller hochkompetenter und hochengagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dies ist ein großes Pfund! Ich habe bereits in meiner ersten Pressemitteilung erklärt, dass ich die gute Zusammenarbeit mit den Verbänden behinderter Menschen, den "Experten in eigener Sache" fortsetzen möchte. Ich werde die ersten Wochen dazu nutzen, sehr viele Gespräche zu führen, mir vieles anzusehen und erst einmal zum großen Teil zuzuhören und natürlich viel, viel zu lesen. kobinet-nachrichten: Mehr als 300 behinderte Menschen und in der Behindertenpolitik Engagierte hatten einen Aufruf für die Ernennung von Hubert Hüppe zum Behindertenbeauftragten unterstützt. Welche Botschaft haben Sie an diejenigen, die gerne Hubert Hüppe zum Beauftragten gehabt hätten? Karin Evers-Meyer: Ich kenne Herrn Hüppe noch nicht persönlich, habe aber bereits erfahren, dass er hochengagiert und sehr kompetent ist. Ich gehe davon aus, dass Herr Hüppe wieder zum behindertenpolitischen Sprecher seiner Fraktion gewählt werden wird und freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihm im Rahmen der großen Koalition. Ich denke, dass der Koalitionsvertrag dafür auch gute Voraussetzungen bietet, gemeinsam Positives für behinderte Menschen zu bewirken. kobinet-nachrichten: Wo liegen Ihre Schwerpunkte in Ihrem zukünftigen Amt und wie halten Sie es mit der Aufnahme behinderter Menschen in das Zivilrechtliche Antidiskriminierungsgesetz? Karin Evers-Meyer: An meinem dritten Tag im Amt habe ich selbstverständlich noch keine fertige Agenda. Ich kann allerdings schon sagen, dass mich die Idee "Ambulant vor stationär" aus verschiedenen Gründen sehr überzeugt. Wobei ich persönlich allerdings den Ausdruck "selbstbestimmte Lebensformen" vorziehe, das hört sich nicht so nach Krankenhaus an. Dann werden wir selbstverständlich gemeinsam über die Schritte sprechen müssen, die nötig sind, um das SGB IX und das Gleichstellungsgesetz noch mehr im Alltag der Menschen ankommen zu lassen. Das Antidiskriminierungsgesetz muss inhaltlich kommen. Und ich bin sehr froh, dass die SPD in den Koalitionsverhandlungen durch ihre konsequente Haltung diese Frage offen gehalten hat. Wenn die CDU/CSU Probleme mit der Bezeichnung hat, können wir darüber reden, nicht aber über den Inhalt, dass nämlich die zivilrechtliche Diskriminierung verhindert bzw. beseitigt werden muss. Natürlich fühle ich mich als Behindertenbeauftragte den behinderten Menschen in diesem Land besonders verpflichtet, aber ich bin trotzdem dafür, dass das Gesetz umfassend angelegt ist und nicht herauskommt, dass man manche Gruppen diskriminieren darf und andere nicht. Das wäre die falsche Botschaft. Ich bin aber sicher, dass dies noch ein hartes Ringen innerhalb der Koalition wird. kobinet-nachrichten: Wir werden also gespannt auf Ihre Tätigkeit sein und wünschen Ihnen dabei viel Erfolg. omp