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02.02.2006 - 08:50

30 Jahre Rollstuhl - ein Jubiläum.

Hollenbach (kobinet) Heute jährt sich der Unfall von Elke Bartz, der Vorsitzenden des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA e.V.), zum 30sten Mal. Seither ist sie querschnittsgelähmt. Vieles hat sich seither in der "Behindertenpolitik" geändert. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit der Rollstuhlnutzerin. kobinet-nachrichten: Elke Bartz, heute vor 30 Jahren hatten Sie einen schweren Autounfall. Seither sind Sie halswirbelgelähmt, auf einen Rollstuhl und rund um die Uhr auf Assistenz angewiesen. Ein Grund zum feiern oder eher zum trauern? Elke Bartz: Hm, eher zum erinnern, würde ich sagen. Zum trauern aber auf keinen Fall. Wenn ich mich allerdings zwischen trauern und feiern entscheiden müsste, käme letzteres eher infrage. kobinet-nachrichten: Sind sie da sicher? Schließlich dürfte es doch ein gravierender Einschnitt ins Leben sein, wenn man zunächst nicht behindert war, verheiratet und mitten im Berufsleben stand. Elke Bartz: Natürlich ist es ein tiefer Einschnitt; und natürlich habe ich mich erst mit der Situation arrangieren müssen. Ohne Behinderung wäre manches vielleicht einfacher gewesen, denn bis heute muss ich vieles erst mühsam erkämpfen. Aber ob ich glücklicher wäre, wage ich zu bezweifeln. In den 30 Jahren meines "Rollstuhllebens" habe ich so viel erreicht, so viele tolle Menschen kennen gelernt. Warum sollte ich da traurig oder unglücklich sein? Und Nichtbehinderte haben keine Option auf Glück und Zufriedenheit. kobinet-nachrichten: Sie sind als Vorsitzende des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA) in der "Behindertenarbeit" aktiv. Haben Sie das Gefühl, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas geändert hat? Elke Bartz: Ich denke schon. Aber das reicht noch längst nicht aus. kobinet-nachrichten: Was heißt das? Elke Bartz: Nun, als ich damals von einem Tag auf den anderen bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens auf Hilfe angewiesen war, gab es nur die Möglichkeiten, entweder von der Familie versorgt zu werden oder aber ab ins "Heim". Da mein damaliger Mann nicht gerade ein geborener Pfleger war und ich nicht mehr zurück in die Herkunftsfamilie konnte und wollte, bin ich direkt vom Krankenhaus mit dem Krankenwagen ins "Heim" gekommen. kobinet-nachrichten: Da sind Sie aber schon lange nicht mehr?! Elke Bartz: Nein, natürlich nicht. Nach fünf Jahren zähen Ringens hatte ich es geschafft, mit meinem jetzigen - ebenfalls behinderten - Mann in unser eigenes Haus zu ziehen. kobinet-nachrichten: Fünf Jahre Heimerfahrung also. Wie konnten Sie dann ausziehen, wo sie doch auf Assistenz angewiesen sind? War das schwierig? Elke Bartz: Ja, die fünf Jahre wirken insofern nach, dass ich nie wieder in eine Einrichtung gehen werde, egal wie "gut" sie ist. "Heim" bleibt "Heim". Zunächst hatte ich nach meinem Auszug neun Jahre lang Zivildienstleistende. Seit 15 Jahren lebe ich mit dem Arbeitgebermodell mit dem ich meine Assistenz selbst organisiere. kobinet-nachrichten: War das einfach zu erreichen? Elke Bartz: Nein, besonders die Kostenübernahme für das Arbeitgebermodell durchzusetzen hat mehr als drei Jahre gedauert. Wir mussten schließlich bis vor das Verwaltungsgericht ziehen, da meinem Sozialhilfeträger die Kosten zu hoch waren. kobinet-nachrichten: Lässt sich das Arbeitgebermodell heute leichter umsetzen? Elke Bartz: Das lässt sich nur mit einem klaren "Jein" beantworten. Die Gesetze haben sich zwar insofern positiv geändert, dass "ambulant vor stationär" festgeschrieben wurde. Doch was die Verwaltungen, sprich die Rehaträger, daraus machen, ist teilweise schlimm. Sobald die ambulante Versorgung mit höheren Kosten als die stationäre verbunden ist, verweisen nach wie vor viele Rehaträger auf die vermeintlich billigere. Oft bedeutet das für die betroffenen Menschen, sich auf langwierige Rechtsverfahren einlassen zu müssen. Allerdings gibt es auch positive Beispiele, bei denen das Arbeitgebermodell schon im Antragsverfahren bewilligt wurde, selbst wenn es bei umfangreichem Hilfebedarf mit hohen Kosten verbunden war. kobinet-nachrichten: Gab es sonst Änderungen in den vergangenen Jahren? Elke Bartz: Natürlich! Selbst wenn wir längst nicht am Ziel sind, hat es auch Fortschritte gegeben. Ich möchte nur die Ergänzung des Grundgesetzes, das Bundesgleichstellungsgesetz und das SGB IX nennen. Heute gibt es eine größere Barrierefreiheit als damals. Viele behinderte Menschen haben ihr Selbstbewusstsein und ihr Selbstwertgefühl entdeckt und lassen sich nicht mehr mit Almosen abspeisen, sondern kämpfen vehement für ihre Rechte. kobinet-nachrichten: Was sind Ihre Wünsche für die nächsten 30 Jahre? Elke Bartz: Ob ich noch 30 Jahre lebe, weiß ich natürlich nicht. Dann wäre ich 80. Meine Versicherung, die teilweise für meine unfallbedingten Folgekosten aufkommen muss, wäre wahrscheinlich entsetzt. Schließlich habe ich die damals prophezeiten 12 Jahre Lebenserwartung schon bei weitem überschritten. Aber Spaß beiseite: ich hoffe, dass in 30 Jahren niemand mehr in einem "Heim" leben muss. Ich hoffe, dass Barrierefreiheit bis dahin für alle Menschen Selbstverständlichkeit geworden ist. Und ich hoffe, dass alle Menschen mit Behinderungen chancengleich am Leben in der Gemeinschaft teilhaben können, dass Leistungen, die sie erhalten als Nachteilsausgleiche und nicht als gnädige Almosen gewährt werden. Was ich dazu tun kann, werde ich tun. kobinet-nachrichten: Danke für das Gespräch. 

 
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