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kobinet-nachrichten
15.02.2006 - 11:40
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Kassel (kobinet) Uwe Frevert vom Vorstand der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland kritisiert den Ausbau einer Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe in Thüringen, der morgen gefeiert werden soll. Statt in Beton zu investieren, durch den behinderte Menschen ausgegrenzt werden, sollten endlich neue Wege der Integration und unterstützten Beschäftigung beschritten werden. Nach Informationen des Online-Nachrichtendienstes RegioWeb weiht die Lebenshilfe für geistig Behinderte Altenburg e.V. am 16. Februar den bereits Ende Dezember fertig gestellten Anbau der Werkstatt für behinderte Menschen "Pleißenaue" in Windischleuba in Thüringen ein. Der Anbau schafft dem Bericht zufolge Raum für 42 zusätzliche Plätze, davon 36 im Arbeits- und sechs im Berufsbildungsbereich. Damit vergrößert sich die Kapazität auf 210 Plätze. An den Gesamtkosten in Höhe von knapp 1,2 Millionen Euro beteiligte sich das Thüringer Sozialministerium RegioWeb zufolge mit rund 415.000 Euro. "Die Erweiterung dieser Werkstatt für behinderte Menschen ist ein erneuter Beweis für die Phantasielosigkeit der traditionellen 'Behindertenhilfe'. Diese setzt nach wie vor auf Aussonderung und Beton anstatt auf neue kreative Ideen zur Unterstützung und Beschäftigung behinderter Menschen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern eine krasse Fehlinvestition", erklärte Uwe Frevert vom Vorstand der ISL. Fast täglich würden in Deutschland neue Anstalten für behinderte Menschen oder Werkstätten mit höchst aussonderndem Charakter eingeweiht und mit großen Worten gefeiert. "In Wirklichkeit wird damit die massive Aussonderung behinderter Menschen für weitere Jahrzehnte festgeschrieben und die Entwicklung von Alternativen aufgehalten. Denn das Geld kann nur einmal ausgegeben werden und wenn es erst mal im Beton steckt, ist dieses auch wieder schwer für Alternativen loszueisen. "Bedauerlich ist dabei vor allem auch die Rolle der Lebenshilfe. Diese tritt einerseits als Interessenvertretung von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung und ihren Eltern auf. Andererseits ist die Lebenshilfe aber schon lange Träger von vielen aussondernden Einrichtungen und hat damit zum Teil ganz andere Interessen im Kopf als die der Betroffenen. Diese unsäglich Konstellation ist mit dafür verantwortlich, dass es uns in Deutschland bisher nicht gelungen ist, einen eindeutigen Umschwung zu integrierten Angeboten zu schaffen", so Uwe Frevert. omp
Peter Braun schrieb am 15.02.2006, 21:26
In einem Artikel „Heimkinder-Schicksale“ von Peter Wensierske am 11. Februar in SPIEGEL ONLINE http:://spiegel.de/panorama/0,1518,400215,00.html zeigt der Autor die menschenverachtenden Verhältnisse in deutschen Anstalten in der Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre auf.
Über eine Millionen Menschen sind von ihrem Heimschicksal noch heute traumatisiert!
Die Separierung und Sonderbehandlung von Menschen haben in Deutschland eine unselige Tradition und noch heute stehen Erniedrigung und Freiheitsberaubung tagtäglich auf der Heimtagesordnung.
Genauso wie vor 40 Jahren werden immer noch Menschen separiert und sonderbehandelt besonders gerne werden Menschen mit Behinderungen in Sondereinrichtungen weggesperrt, dabei ist der Trend zum Ausbau von Anstalten und Sondereinrichtungen ungebrochen. Obwohl immer wieder vom Paradigmenwechsel gesprochen und seit 40 Jahren das „Normalisierungsprinzips“ im theoretischen Diskurs der SozialarbeiterInnen und SozialpolitikerInnen abgehandelt werden, hat dies am Deutschen Anstaltswesen und Anstaltsdenken nichts geändert. Genauso wie in den sechziger Jahren sind die Anstalten zu 80 % in konfessioneller Hand von DIAKONIE und Caritas!
Für sie scheint nicht das Grundgesetz zu gelten § 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar..“ oder gar § 2 „Jeder hat das Recht auf die Entfaltung seiner Persönlichkeit,...“ sondern das Heimgesetz, die kirchlichen Dogmen oder im Zweifelsfall was die Heimwärter anordnen!
Tagtäglich werden den Heiminsassen in Deutschland die Menschenrechte vorenthalten.
Trotzdem hat der Ausbau von Anstalten in Deutschland noch immer Hochkonjunktur!
Die Anzahl der Heimplätze für Menschen mit sogenannten Behinderungen wurde von
1991 bis 2001 um 55 % erhöht, von 103 000 auf 160 000 Plätze.
Besonderen Zuwachs gab es seit der Wende in den Neuen Bundesländern, hier wurden in nur 8 Jahren über 6,4 Milliarden DM in den Heimausbau gesteckt. Investitionen und Zuschüsse von bis zu 90 % waren üblich. Davon profitieren überwiegend die Wohlfahrtslobby.
Mit Landes-, Bundes- und Kommunalgeldern wurden überwiegend Alten- und Pflegeheime ausgebaut. Damit gibt es insgesamt in Deutschland mittlerweile über 800 000 Heimplätze, in denen täglich 400 000 sedierende Maßnahmen in Form von Verabreichung von Beruhigungsmitteln, Fixierungen an Bett, Rollstuhl und ähnlichem vorgenommen werden?
Darüber hinaus wurden alleine in Mecklenburg und Vorpommern 6000 Werkstattplätze in sogenannten "geschützten Werkstätten" geschaffen, was regelmäßig von der Sozialministerin als Erfolg vermeldet wird, wenngleich die Menschen mit Behinderungen dort noch immer keine Arbeitnehmerrechte besitzen und für ein Taschengeld schuften müssen.
Obwohl es in DDR – Zeiten „geschützte Werkstattabteilungen“ in volkseigenen Betrieben gab, hat LINKE Politik heute keine Probleme, die unselige Anstaltstradition in Deutschland fortzusetzen.
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