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10.12.2003 - 09:00

Kein Unterricht für pflegebedürftige Kinder.

Wiesbaden (kobinet) Die Wiesbadener Johann Hinrich Wichernschule für praktisch Bildbare kommt nicht zur Ruhe. Nach zehn Jahren hartem Kampf der Eltern und Lehrer wurde dieses Jahr endlich grünes Licht für den Neubau einer zweiten Schule wegen der chronischen Überbelegung der Schule gegeben. Gleichzeitig mussten einige Eltern feststellen, dass es mit dem Grundrecht auf Bildung nicht weit her ist. Im Herbst wurde nämlich nach Informationen der Wiesbadener Radiosendung ganz Normal verfügt, dass Lehrkräfte keine Sondenernährung durchführen dürfen. Und dies, obwohl die Gabe von Nahrung über eine Ernährungssonde (PEG) keiner speziellen Ausbildung bedarf.

Tatsächlich setzte man nach Informationen der Redaktion der Radiosendung diese Verfügung des Schulamtes von heute auf morgen um und verabreichte den betroffenen Kindern weder Nahrung noch Flüssigkeiten über den ganzen Tag. Hier kam es zu lebhaften Diskussionen bei der das staatliche Schulamt nicht bereit war, einzulenken. Lehrkräfte, die über Jahre hinweg diese Tätigkeit ausübten, dürfen das nun nicht mehr, bzw. sind nicht mehr durch ihren Arbeitgeber abgesichert. Eine Maßnahme die normalerweise keine Gefahren beinhaltet und von Laien ausgeübt werden darf.

Jetzt meldete sich das Schulamt mit einer neuen Maßnahme wieder: ärztlich verordnete Medikamente dürfen demnach nicht mehr von Lehrkräften den Schülern gereicht werden. Notfallmedikamente für Schüler, zum Beispiel mit einem Krampfleiden, dürfen in der Schule weder gelagert, noch im Notfall verabreicht werden. Das bedeutet, dass diesen Kindern ihr Recht auf Bildung genommen wird. Für die Kinder, die ihre Medikamente nicht erhalten oder für die die Medikamente im Notfall nicht schnellstens zur Verfügung stehen, bedeutet dies Lebensgefahr. Bei den täglichen Medikamenten handelt es sich zum Beispiel um Mittel für Krampfleiden und Hyperaktivität ohne deren regelmäßige Gabe eine schulische Förderung oft gar nicht möglich ist.

Durch diese Weisungen des Schulamtes wird nach Einschätzung der Redaktion der Radiosendung ein Weg eröffnet der schlimmes erahnen lässt. Sollte das Schulamt darauf bestehen, dass Lehrkräfte keine pflegerischen Maßnahmen durchführen dürfen, stellt sich die Frage, ab wann auch «Wickelkindern» das Wechseln einer Windel verweigert wird - und was ist mit Schülern die Hilfe bei der Nahrungsaufnahme benötigen. Auch dies sind pflegerische Maßnahmen, die tagtäglich auf einer Schule für praktisch Bildbare durchgeführt werden müssen und mit ein Grund sind, dass es diese Schulen überhaupt gibt. Bei einer genaueren Betrachtung der Situation an der Wichernschule in Wiesbaden frage man sich, warum eine solche Schule keine Pflegekräfte hat. Seit den 80´er Jahren sind die Anforderungen an solche Schulen stark gewachsen. Das Behinderungsbild der Schüler hat sich durch Fortschritte in der Medizin grundlegend geändert. Die Erkenntnisse in der Behindertenpädagogik führen zu viel mehr Fördermöglichkeiten, so dass Menschen mit Behinderungen, die noch vor zehn Jahren kaum eine Chance auf ein selbstständiges Leben hatten, heute durch die Schulen soweit gefördert werden könnten, dass sie eigenständig leben können. omp
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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Tatjana Lane schrieb am 11.12.2003, 19:48

Kinder werden in Ihrer Entwicklung behindert

Ich bin Mutter eines 9-jährigen schwer geistig behinderten Kindes. Mein Sohn besucht trotz seiner Behinderung seit knapp 2,5 Jahren eine Schule für praktisch bildbare Schüler. Möglich machen das Medikamente, die meinem Sohn ermöglichen einem speziellen Unterricht zu folgen und ihm bei der Entwicklung helfen. Nun von heute auf morgen ist dieses gefährdet. Mit den Worten meines Sohnes möchte ich Ihnen unsere Situation schildern:

Ich brauche, damit ich in die Schule gehen kann zwei Medikamente, die mir helfen ruhiger zu werden, damit ich überhaupt in der Lage bin mich trotz meiner geistigen Behinderung ein wenig zu konzentrieren. Das klappt auch alles sehr gut. Morgens um 7:00 Uhr gibt mir meine Mama und um 12:00 Uhr mittags geben mir meine Lehrer die Medizin. Nachmittags um 15:00 Uhr bekomme ich im Hort nochmals ein Medikament und abends um 19:00 Uhr vor dem Schlafen bekomme ich auch noch einmal das Medikament. Wochenlang musste ich dafür ins Krankenhaus, damit die Ärzte ganz genau festlegen konnten, wie viel und wann ich die Medizin benötige. Seit Jahren gibt es keine Probleme, und ich habe in meiner Entwicklung viele Fortschritte gemacht.

Jetzt hat die Schule meiner Mama gesagt, das ich in der Schule keine Medikamente mehr bekommen darf. Aber wenn meine Lehrer mir die Medizin nicht mehr geben dürfen, wer gibt sie mir dann? Darf ich ab Montag nicht mehr in die Schule gehen?

Meine Mama weiß nicht wie sie das lösen soll. Und ich bin nicht alleine. Anderen Schulfreunden geht es auch so. Manche benötigen wie ich jeden Tag zur gleichen Uhrzeit ihre Medikamente, manche im Notfall, wenn es ihnen ganz schlecht geht. Aber unsere Lehrer dürfen auch im Notfall keine Medikamente mehr geben. Insgesamt betrifft das an unserer Schule knapp 10% der Schüler.

Unsere Kinderärzte haben der Schule für jedes Medikament eine genaue Anleitung gegeben, eine Gefahr besteht nicht, nur wenn wir unsere Medizin nicht erhalten. Meine Mama würde in die Schule kommen und mir jeden Tag meine Medizin geben, aber wie soll sie das machen, sie muss arbeiten, wenn ich in der Schule bin. Meine Lehrer verstehen das auch nicht, aber wenn es ihnen untersagt wird, können sie sich nicht widersetzen.

Zu meiner Oma kommt immer eine Pflegerin nach hause, die hilft meiner Oma ihre Medizin zu nehmen. Ich dachte vielleicht kommt zu uns dann auch eine Krankenschwester, die mir und meinen Schulfreunden die Medikamente gibt, aber dafür will keiner Geld ausgeben, und die Verantwortlichen wollen erst im Februar darüber beraten, ob und wie man uns helfen will.

Dabei gäbe es so viel für eine Krankenschwester zu tun. In den Sommerferien hat man einigen meiner Schulfreunde schon nichts zu essen und trinken geben wollen, weil diese nicht selber essen, sondern durch die Sonde ernährt werden. Viele von uns machen auch noch in die Hose und müssen gewindelt werden.

Wird man uns zu Ostern sagen, das wir das Ei das wir in die Hose setzen selber bereinigen müssen? Eine Krankenschwester an unserer Schule hätte den ganzen Tag genug zu tun. In den Schulen auf die die körperbehinderten Kinder gehen ist das alles kein Problem, da gibt es zwei Krankenschwestern, aber bei uns den geistig Behinderten verändert man nichts. Na ja, warum auch, wir verstehen es ja sowieso nicht. Und neu sind diese Probleme für uns auch nicht. Über 10 Jahre kämpften unsere Lehrer und Eltern für den Neubau einer zweiten Schule, da wir uns die Räumlichkeiten für 65 Schüler mit 119 Schüler teilen müssen. Notwendige Therapien die wir brauchen um an dem Unterricht teilnehmen zu können, wurden uns auch schon vor Jahren gekürzt.

Und ich, ich habe Angst was ab Montag passieren wird. Bekomme ich meine Medizin nicht, verändert sich mein Medikamentenspiegel, das ist nicht nur gefährlich, sondern dann kann ich auch nicht mehr in die Schule gehen. Aber wer betreut und fördert mich dann? Habe ich nur wegen meiner Behinderung kein Recht auf Bildung und Förderung?


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