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kobinet-nachrichten
23.03.2006 - 07:59
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Leipzig (kobinet) In der vergangenen Woche stellten die "Hauschild-Schwestern" in der Sendung "Ein Fall für Escher" das Arbeitgebermodell vor. Es gab viel Resonanz - und die war nicht nur positiv. Etliche Menschen mit Behinderungen interessierten sich nach der Sendung für das Arbeitgebermodell und fanden es einfach nur toll, wie sich die Hauschild-Schwestern ihre Rechte erkämpft hatten. Eine Zuschauerin bot sich als Assistentin an. Und eine E-Mail ging ein, die darstellt, wie sich behinderte Menschen mit Assistenzbedarf zu benehmen hätten. elba Aus der E-Mail: ... möchte hier auch nicht meinen "geistigen Müll" abladen, aber doch einige Anmerkungen machen, die mich an der Sendung sehr gestört haben. Dieses Modell kostet den Steuerzahler 15.000,-- €/Mt. Nun ist mir bekannt, daß Heimplätze nicht so "angenehm" sind, aber deutlich weniger kosten - und auch hier geht an den Staat der "Lohnanteil" ja wieder zurück. Aber es ist nicht das Geld, welches hier aufgewandt wird, was mich an der Sendung so gestört hat (obwohl ja wir, die arbeitenden Menschen dafür aufkommen müssen, und Sie - leider wegen Ihrer Krankheit - sicherlich noch nichts zum Brutto-Sozialprodukt jemals beigetragen haben), sondern die Tatsache, daß - das für Sie "normaler täglicher Bedarf ist - Sie keine "Luxusleistungen beantragt hätten - Sie nur eine "normale Lebensweise für sich in Anspruch nehmen, die auch nichtbehinderten Menschen für sich in Anspruch nehmen - das nichts Besonderes ist! Alles Zitate aus der o. g. Sendung! Und dies sehe ich anders. Ich hätte erwartet, daß Sie einmal nur sagen würden, wie dankbar Sie dem Staat und damit den Steuerzahlern sind, daß Sie trotz Ihrer Behinderung ein so gutes Leben haben. Gerade in Zeiten von Hartz IV und Billigjobs mit einem Lohn von brutto 3,50 €/Std. wäre dies für mich eine Selbstverständlichkeit gewesen, denn ich halte es für eine Luxusleistung, rund um die Uhr betreut zu werden! Viele in Altenheimen und Krankenhäusern (meine Tochter ist Krankenschwester und auch auch schon in Altenheimen gearbeitet) vermissen dies nicht nur schmerzlich, sie hungern sogar, weil niemand Zeit für sie hat. Ich persönlich kenne auch einen Mann, der MS hat, aber trotzdem arbeitet - sogar in der Geschäftsführung. Er kann allerdings noch mühsam am Stock gehen, Reisen übernehmen Kollegen. Sicher ist dies in Ihrem Zustand nicht möglich, aber bitte, etwas mehr Dankbarkeit - gerade in Zeiten wie diesen - stehen auch Menschen mit Ihrem Schicksal gut zu Gesicht ...
Lothar Kempf schrieb am 24.03.2006, 21:37
Ich möchte hier auf einen ebenfalls wichtigen, in den Leserbriefen noch nicht angesprochenen Punkt hinweisen. Es scheint hier gundsätzlich um den Wert des Menschen ansich zu gehen. Es gibt Kulturen, da ist der Helfende dankbar, daß er helfen konnte und die Möglichkeit bekam, sich menschlich zu zeigen. Einem Kind gebührt ja auch alle Hilfe, obwohl es noch nie einen roten Heller mit Arbeit verdient hatte.
Wer alles in Geldwert umrechnet, wird vielleicht nie einen ehrlich dankbaren Blick für seine Hilfe ernten. Es ist die Scham, sich jemals selbst als der Hilfe bedürftig vorzustellen, es ist die Angst, ein in eigener Vorstellung "wertloses Leben" leben zu müssen.
Jeder Mensch hat einen Wert ansich, und muß ihn sich nicht erst verdienen.
Manfred Keitel schrieb am 24.03.2006, 12:41
Offesichtlich muss sich der Leserbriefschreiber endlich informieren, denn "Heime" sind nicht bloß "nicht so angenehm" sondern bewirken Beschneidungen von elementaren Grundrechten und zwingen die Mitarbeiter dort, unter krankmachenden Bedingungen zu arbeiten.
Ich bezweifele, daß der oder die Schreiberin Danbarkeit gezeigt und Männchen gemacht hat, weil er/sie ganz selbstverständlich großzügige Leistungen genießt. Nicht nur von Steuerzahlern, sogar von Privatpersonen mit ihrem erarbeiteten Vermögen, die Sehbehinderten, Bewegungsbeeinträchtigten,
Gehörlosen, Menschen mit Lernschwierigkeiten und anderen Leuten mit Beeinträchtigung oft nicht einmal im Ansatz zur Verfügung stehen. Ich unterstelle einmal, daß der Schreiber selbst nicht behindert wird, d.h. keine Beinträchtigung hat.
Es ist makaber, die Opfer von Hartz 4 und dem Gesundheitswesen als Argumentationshilfe zu benutzen, um sie gegen beeinträchtige Leute zu verwenden, statt sich für alle Geschädigten stark zu machen und ihnen konstruktiv (!), auf gesunde Art, bei der Durchsetzung von Rechten den Rücken zu stärken.
Tatsächlich empfinde ich als Rollstuhlnutzer mit geringerem Assistenz(!)bedarf Dankbarkeit. Den Hauschild-Schwestern gegenüber, die trotz dieser Impertinenz, wie sie im Leserbrief zum Ausdruck kommt, ihren Weg gegangen sind und wie andere auch Alltag erleben! Macht weiter so, ich freue mich für Euch! Ihr erleichterte es anderen, ein menschenwürdiges Leben zu führen! Das sind wichtige Schritte in eine wünschenswerte Gesellschaft!
Michael Knuffmann schrieb am 24.03.2006, 09:30
Gerade wir Menschen mit hohen Assistenzbedarf müssen nicht jedesmal dankbar sein. Sondern wir werden zur Dankbarkeit gezwungen, weil man es uns nicht anders beibringen wollte. Also werden wir es am besten Wissen, zu wem und zu welcher Zeit wir
dankbar sind. Und das ein Mensch mit hohen Assistenzbedarf ein Luxusleben ausübt, kommt nicht von ungefähr. Das ist hartes kämpfen und hat mit Dankbarkeit in keinster Weise
zutun.
Michael Knuffmann
Simone Stolz schrieb am 23.03.2006, 21:35
Der obige Leserbrief bestätigt ein mal wieder auf erschreckende Art und Weise, dass nach wie vor klischeehaftes Denken in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist. Behinderte Menschen sollen am Besten leicht zu handhaben sein, keinen eigenen Willen und auch keine eigenen Bedürfnisse haben - mit einem Wort: eine Marionette darstellen.
Ich selbst würde liebend gerne trotz meiner Behinderung meinen Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten. Trotz massiver Bewerbungsversuche habe ich bis heute noch keinen Arbeitsplatz gefunden. Dies lag vorwiegend an meiner Behinderung.
Ich glaube, wie Behinderte müssen noch lange kämpfen um gleichberechtigt in dieser Gesellschaft behandelt zu werden. Es ist ein langer Weg - packen wir's an!
Jens Börner schrieb am 23.03.2006, 15:04
Wer schreibt solche Mail und mit welchem Verständnis geht ER oder SIE hier heran.
Ich glaube nicht, das diesem Menschen der Begriff "behindert" verständlich ist.
Er hat bestimmt noch nicht erlebt, wie es ist für jede Tätigkeit jemanden um Hilfe zu bitten.
Wie kommt dieser Mensch überhaupt dazu über den Beitrag von behinderten Menschen zum Bruttosozialprodukt zu sprechen. Ich bin der Meinung, das die Arbeits- und Leistungsbereitschaft von behinderten Arbeitnehmern höher ist, damit sie für sich sagen können: "Ich kann das auch."
Uwe Heineker schrieb am 23.03.2006, 11:54
... dass immer noch negatige gesellschaftlich Einstellungen gegenüber behinderten Menschen an der Tagesordnung sind.
Aufklärung allein aber reicht bei weitem nicht aus.
Auch behinderte Menschen müssen ihren Part zu einem ausgewogenen Verhältnis beitragen, indem SIE die soziale Interaktion steuern.
Dies wiederum setzt voraus, dass entsprechende soziale Kompetenzen vorhanden sein müssen, die eben nicht in aussondernden Einrichtungen erlernt werden können.
Um - last not least - mehr im Straßenbild bzw. Öffentlichkeit "präsent" zu sein, bedarf es barrierefreier Mobilitäts- und Umweltbedingungen.
Dies alles macht deutlich: wir als aktive Behindertenbewegung haben noch viel "vor der Brust" ...
Ihsan Özdil schrieb am 23.03.2006, 11:03
Schön „männchen machen“ und dankbar sein!
Nach meiner Meinung gibt es gegen solches denken nur eins Aufklärung!
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