
Kempten (kobinet) Der in Turin mit Gold und Bronze erfolgreiche Paralympics-Neuling Gerd Gradwohl hat sich nach Rückkehr von den Winterspielen bitter über die Finanznot im deutschen Behindertensport beklagt. Der alpine Rennläufer war bei einem Empfang im Mainzer Berufsförderungswerk begeistert empfangen worden. Auf den Lerchenberg, wo der 46-jährige Sehbehinderte eine Ausbildung zum Physiotherapeuten absolviert, kamen zu einer Feierstunde Amtsträger aller Parteien. "Das ganze Land freut sich mit Ihnen", sagte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen von den regierenden Sozialdemokraten, die am Sonntag in diesem Bundesland wieder die Wahlen gewinnen wollen. In seinem Heimatblatt "Allgäuer Zeitung" äußerte sich der Sportler aus Sonthofen noch kritischer über die bisherige Förderpraxis als während der Spiele die ebenfalls mit Medaillen heimgekehrten Alpinen Gerd Schönfelder und Martin Braxenthaler oder die Nordischen Frank Höfle, Thomas Oelsner und Verena Bentele. Nach dem letzten Wettbewerb gab es für Gradwohl den großen Knall. Die beiden Trainer Martin Lindner und Klaus Folger erklärten vor der Mannschaft ihren Rücktritt. Die Begründung: Der zeitliche Aufwand ließe sich nicht mehr mit den beruflichen Pflichten vereinbaren. Gradwohl kann die Entscheidung nachvollziehen Erst kürzlich sei den Trainern der Tagessatz von ohnehin schon bescheidenen 52 Euro auf 40 Euro gestrichen worden. Als weiteres Beispiel der im Vergleich zu anderen Nationen mangelnden Professionalität im deutschen Behindertensport nannte Gradwohl die Bezahlung seines Begleitläufer, der auch die Ski des deutschen Teams präpariert hat. Während die Sportler anderer Nationen - beispielsweise aus der Ukraine und der Slowakei - unter nahezu optimalen Bedingungen ihrem Sport nachgehen können, liegt nach Meinung Gradwohls in Deutschland vieles im Argen. Vor allem die finanzielle Unterstützung der Behindertensportler sei vollkommen unzureichend. "Ein Rennwochenende im Welt- oder Europacup kostet mich in der Regel rund 600 Euro", rechnet der Oberallgäuer vor. Derzeit wisse er nicht, ob er sich im nächsten Winter seinen Sport noch leisten kann. "Über die Worte von Wolfgang Schäuble, wonach die Politik gute Rahmenbedingungen schaffe, kann ich nur lachen", zitierte ihn die Allgäuer Zeitung. "Es ist doch so, dass sich der Staat mit unseren Medaillen schmückt, ohne großartig etwas für uns zu tun." sch