
Kassel (kobinet) Ein Gedenkbuch mit den Namen aller rund 15.000 Menschen, die von 1941 bis 1945 den "Euthanasie"-Verbrechen des NS-Regimes in Hadamar zum Opfer fielen, ist heute der Verbandsversammlung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV) in einer Gedenkstunde vorgestellt worden. "Die Täter hatten nicht nur die physische Vernichtung kranker, behinderter und sozial benachteiligter Menschen im Sinn, sie sollten sofort nach ihrem Tod vergessen werden und damit auch die an ihnen begangenen Verbrechen", sagte Kurt-Wilhelm Sauerwein, Präsident der Verbandsversammlung, vor den Abgeordneten. Durch das Gedenkbuch wolle der Landeswohlfahrtsverband seinen Beitrag dazu leisten, die Erinnerung an die Opfer zu bewahren und ihnen ihre Würde zurückzugeben. Mit der heutigen Vorstellung des Gedenkbuches sei der im März 2002 durch das Hessische Sozialparlament gefasste Beschluss erfüllt, der neben dem Gedenkbuch die Einrichtung einer Datenbank "Opferliste" vorsieht, die Angehörigen und Heimatgemeinden, aber auch Gedenkinitiativen und Wissenschaftlern zur Verfügung steht. LWV-Landesdirektor Uwe Brückmann erinnerte daran, dass der LWV bereits 1953 mit einer Gedenktafel in Hadamar, dem ältesten Mahnmal für NS-"Euthanasie"-Verbrechen in Deutschland, begonnen habe, sich der Vergangenheit in seinen Einrichtungen anzunehmen. In den Jahrzehnten danach habe der Verband in nahezu allen Einrichtungen Mahnmale und Orte des Gedenkens errichtet. Durch sein Leitbild seien die Mitglieder der Selbstverwaltungsgremien wie auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu steter und kritischer Reflexion der Vergangenheit aufgefordert, sagte der LWV-Chef, daraus ergäbe sich ein dauerhafter Auftrag zur Aufklärung. Die geschichtswissenschaftliche und pädagogische Arbeit des LWV-Archivs und besonders der Gedenkstätte Hadamar versuche daher vor allem jungen Menschen fundierte und nachhaltig wirkende Antworten zu diesem Kapitel unserer Geschichte zu vermitteln. Für das Projekt "Opferliste/Gedenkbuch" seien Patientenakten, die im Bundesarchiv Berlin und der Gedenkstätte verwahrt werden, Hauptkrankenbuch und Sterbeverzeichnisbuch der ehemaligen Anstalt Hadamar für die Jahre 1944/45 sowie Transportlisten und Abgangsbücher der ehemaligen Zwischenanstalten ausgewertet worden, erläuterte Privatdozent Dr. Georg Lilienthal, Leiter der Gedenkstätte. Anschließend haben GedenkstättenmitarbeiterInnen Namen und Daten aller rund 15.000 Opfer der damaligen Landesheilanstalt in einer Datenbank erfasst. Anfragen nach Aufklärung von Opferschicksalen könnten nun schneller und ergebnissicherer beantwortet werden. Begleitend zur Vorstellung des Gedenkbuches wird im Lichthof des Ständehauses eine kleine Ausstellung gezeigt, die unter dem Titel "Lebensspuren" einen Eindruck vom Schicksal der NS-"Euthanasie"-Opfer gibt. Gezeigt werden u. a. ein Original-"Trostbrief", wie er an Familienangehörige versandt wurde, Patientenakten, Arbeitsbücher, Essensmarken von ermordeten Patienten, Pässe von ermordeten russischen Zwangsarbeitern, Auszüge aus Anfragen von Angehörigen und das Besucherbuch der Gedenkstätte aus dem letzten Jahr. Die Ausstellung ist bis auf Weiteres während der Dienstzeiten des LWV zu sehen. omp
Berthold Hammer schrieb am 21.10.2006, 23:51
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte gerne etwas zum Schicksal meines Onkels Alfred Hammer erfahren.Dieser wurde als Kind Opfer der Euthanasie in Hadamar.Es würde mich freuen wenn mir jemand etwas über die Klinikeinweisung und seinen Tod
schreiben könnte.Bisher ist es mir
gelungen die Todesumstände von
zwei meiner Onkels in Rußland zu
ermitteln.Bei den Euthanasieopfern
konnte mir bisher keiner helfen.
Alfred Hammer war etwa 12 Jahre
alt.Er wohnte in Steineroth WW.
Kirchstr.6 Er war taubstumm in
Folge einer falsch behandelten Hirnhautentzündung.
Ich finde es toll
wenn sich Menschen mit unserer
Vergangenheit auseinandersetzen.
Die Gefahr ist groß die damaligen Zuständebaldwiederzubekommen.
Die Unwissenheit der Jugend wird heute von den "Rattenfängern" genutzt.
Nur Wissen kann uns schützen.
Rudi Richter schrieb am 06.04.2006, 18:02
Ja, das sehe ich auch so, dass der Betrieb einer "Sondereinrichtung" in unmittelbarer Nähe einer ehemaligen Tötungseinrichtung nicht stillschweigend hingenommen werden sollte. Ohne die genauen Details zu wissen, glaube ich, dass es in Hadamar auch einen relativ nahtlosen Übergang von der Tötungsanstalt während der NS-Zeit zur Sondereinrichtung nach der NS-Zeit gegeben hat.
Hier fehlt uns in Deutschland die nötige Sensibilität, dass Ausgrenzung ein Teil des Tötungssystems war und dass wir heute noch viel zu viele Menschenrechtsverletzungen in den bestehenden Aussonderungssystemen akzeptieren. Deshalb tut hier nicht nur Geschichtsaufarbeitung Not, sondern auch klare Konsequenzen für die Gegenwart. Und da hat der LWV Hessen mit seinen vielen stationären Plätzen und erst langsam aufkommenden ambulanten Alternativen noch einen langen Weg zu gehen.
Rudi Richter
Pandelis Chatzievgeniou schrieb am 05.04.2006, 15:17
Es ist sehr begrüßenswert, wenn der LWV Hessen endlich ein Gedenkbuch für die Menschen herausbringt, die während der NS-Zeit in Hadamar umgebracht wurden. Es wuude endlich Zeit. Empärend finde ich es aber, daß in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte in Hadamar eine forensische Klinik steht. Eine solsche Einrichtung ausgerechnet an einem Ort zu bauen wo wahrscheinlich früher solche Menschen umgebracht wurden zeugt schon von mangelnder Sensibilität. Wären Sie etwa auf die Idee gekommen ein Altenheim für jüdische Menschen in unmittelbarer Nähe einer KZ-Gedenkstätte zu bauen?