
Brüssel (kobinet) "Das Recht auf ein Leben in der Gemeinde", unter diesem Motto fand gestern in Brüssel die erste internationale Tagung einer neuen europäischen Koalition für das Leben behinderter Menschen in der Gemeinde statt. Gut 90 Menschen aus verschiedenen Ländern Europas, den USA und Neuseeland, von verschiedenen Organisationen behinderter Menschen und VertreterInnen von Regierungen beschäftigten sich während der Tagung intensiv mit der Frage, wie ein Wechsel von der bisher weit verbreiteten Unterstützung behinderter Menschen in Sondereinrichtungen zu einem Leben behinderter Menschen in der Gemeinde vollzogen werden kann. Ingrid Körner, die angehende Präsidentin von Inclusion Europe machte bereits bei der Begrüßung deutlich, welche Einschnitte behinderte Menschen im Hinblick auf ihre Lebensqualität in Einrichtungen oftmals hinnehmen müssen. "Viele behinderte Menschen, die in Einrichtungen leben, können nicht einmal wählen, welche Kleidung sie tragen. Das würde mich so ärgerlich machen, wenn ich nicht wählen könnte, was ich anziehen kann", führte die Mutter einer behinderten Tochter aus Hamburg aus. Die Erfahrungen aus den USA und aus Schweden mit der Auflösung von Sondereinrichtungen und mit der Schaffung von alternativen Angeboten für behinderte Menschen für ein Leben in der Gemeinde waren dann auch das Salz in der Suppe dieser internationalen Tagung. Steven Eidelman von der University of Delaware machte zum Beispiel deutlich, dass es keinerlei Gründe gäbe, warum behinderte Menschen in Sondereinrichtungen leben müssten. Eidelman hat selbst an der Auflösung verschiedener Einrichtungen in den USA mitgewirkt und den Aufbau ambulanter Angebote voran getrieben und weiß daher, dass es lediglich eine Frage der politischen Entscheidungen und Rahmenbedingungen ist, ob behinderte Menschen in Einrichtungen leben müssen. Dies wurde von Kent Ericsson von der University of Uppsala aus Schweden bestätigt. Ericcson hat am Prozess der Auflösung von vier Behinderteneinrichtungen in Schweden mitgewirkt und betonte dabei besonders, dass es vorrangig nicht lediglich darum gehe, eine Einrichtung aufzulösen, sondern darum, dass sich eine Gemeinde darauf einstellt, dass behinderte Menschen dort leben können und unterstützt werden. Die Gemeinde müsse sich öffnen und die Alternativen müssten aufgebaut werden. Ericsson betonte auch, dass der Begriff der Deinstitutionalisierung nicht der richtige sei. Erstens sei er viel zu schwer auszusprechen, zweitens könne man dabei viel zu viele Schreibfehler machen und drittens gehe es nicht um die Institutionen, sondern um die Menschen. Daher plädierte Ericsson mit Unterstützung vieler TeilnehmerInnen dafür, das Recht auf ein Leben behinderter Menschen in der Gemeinde in den Vordergrund der Debatte zu stellen. Die Bedürfnisse und die Rechte behinderter Menschen müssten im Vordergrund stehen und nicht die Dienstleistungen oder Einrichtungen, denn diese seien letztendlich für die Betroffenen da und müssten sich nach deren Bedürfnisse ausrichten. Einigkeit bestand auch darin, dass es beim Recht auf ein Leben in der Gemeinde nicht nur um ein Recht derjenigen handelt, die einen geringeren Unterstützungsbedarf haben. "Wir müssen bei denjenigen mit dem höchsten Unterstützungsbedarf anfangen und ihnen den Übergang von der Einrichtung in die Gemeinde ermöglichen. Wenn uns das gelingt, haben wir gute Chancen, dass uns dies bei allen anderen behinderten Menschen auch gelingen wird", so Kent Ericsson. John Evans vom European Network on Independent Living, der Dachorganisation der Selbstbestimmt Leben Bewegung behinderter Menschen in Europa, betonte in seinem Schlusswort das historische Moment dieser ersten Tagung der neuen Koalition für ein Leben behinderter Menschen in der Gemeinde. "Als wir vor 25 Jahren begannen, ein selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen einzufordern, dachten viele, wir seien verrückt geworden. Wenn wir heute eine europäische Koalition für ein Leben behinderter Menschen in der Gemeinde formieren, sind wir wahrscheinlich auch ziemlich verrückt. Aber das muss man wohl sein, wenn man gegen die Dominanz von Sondereinrichtungen in vielen Ländern angeht. Wie damals bin ich aber auch heute sehr zuversichtlich, dass wir Erfolg haben werden und dafür war diese Tagung der beste Start", erklärte John Evans. Die neue European Coalition for Community Living - ECCL bietet die Möglichkeit der Einzelmitgliedschaft und der Mitgliedschaft für Organisationen und will zukünftig den Austausch und die Lobby für das Recht behinderter Menschen auf ein Leben in der Gemeinde fördern. Nähere Infos gibt's im Internet unter www.community-living.info, leider aber bisher nur in Englisch. omp