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20.05.2006 - 12:03

Von Sorgenkindern und familiärer Atmosphäre.

Kassel (kobinet) Heute war ein ganz normaler Samstagmorgen für kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul - bis dieser die Kasseler Lokalzeitung aufgeschlagen hat. Berichte mit Überschriften "Hilfe für Sorgenkinder" und "Wie in einer Familie" über ein Altenheim brachten dann aber das Blut des Behindertenrechtlers zum Kochen. Er kramte dafür sogar den alten Button mit der Aufschrift "Wer ist hier ein Sorgenkind" hervor, den die Behindertenbewegung im Kampf für die Namensänderung der ehemaligen Aktion Sorgenkind zu Aktion Mensch eingesetzt hat. elba Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul Kann es sein, dass wir in der Behindertenarbeit und -politik immer wieder von vorne anfangen müssen? Kann es sein, dass wir es mit unserem Engagement für Menschenwürde, Selbstbestimmung und gleichberechtigter Teilhabe mit einer neven ending story zu tun haben? Dieser Eindruck hat sich bei mir auf jeden Fall beim heutigen Lesen der Kasseler Lokalzeitung Hessisch Niedersächsische Allgemeine (HNA) förmlich verfestigt. Denn wenn ich an einem entspannten Samstagmorgen in dieser Zeitung die Überschrift "Hilfe für Sorgenkinder" zu einem Artikel über eine Hausmesse eines neuen Sanitätshauses lesen muss, was soll ich dann denken? Wenn ich dann mißgestimmt weiterblättere und einen Artikel über ein Altenheim für 48 Personen im Landkreis Kassel mit der Überschrift "Wie in einer Familie" finde, in dem derartige Einrichtungen maßlos verschönigt werden, laufe ich Gefahr, in eine ernsthafte Krise zu geraten oder, was sehr gegen meine Natur ist, aggresiv zu werden. Vor allem, wenn ich diese Woche erst in Brüssel beim Treffen der Europäischen Koalition für ein Leben behinderter Menschen in der Gemeinde von Standards in Schweden und Neuseeland gehört habe, wo Einrichtungen aufgelöst und maximal vier bis 5 behinderte Menschen in Gruppen zusammen leben. Wie gut, dass es da den Nachrichtendienst kobinet-nachrichten gibt, für den ich ehrenamtlich schreiben und damit einen Beitrag zur eigenen Krebsvorsorge leisten kann, indem ich Dampf über diese Verärgerung am Morgen ablassen kann. Als eine langjährig engagierte Frau aus dem Kasseler Schwerhörigenbund vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung berichtete, dass viele der Dinge, über die wir heute in der Behindertenarbeit diskutieren, bereits in den 70er Jahren auf der Tagesordnung standen und man immer wieder von vorne anfangen müsse, hatte ich als energiegeladener Jungspunt die Hoffnung, dass es uns mit unserem Engagement für die Gleichstellung Behinderter nicht so ergehen müsse. Erste Erfolge beim Abbau von Barrieren, bei der Schaffung und langsam, aber sicher, fortschreitenden Umsetzung von Gleichstellungsgesetzen und letztendlich die Namensänderung der ehemaligen Aktion Sorgenkind in Aktion Mensch Anfang 2000, gaben mir die richtige Zuversicht, dass wir einen nachhaltigeren Einfluss auf unsere Gesellschaft in Sachen Behindertenfragen haben würden. Wenn nun in der HNA aber über die Hausmesse im Nicolai Vital Resort in Kassel mit der Überschrift "Hilfe für Sorgenkinder" das "Sorgenkind-Images" wieder in die Medien und in die Köpfe kriecht, bringt das die Realität zu Tage, dass dieses Image bei vielen wohl nie richtig vertrieben worden ist. Ob die Verbreitung dieses Image das Sanitätshaus, die Zeitung oder vielleicht sogar beide verbockt haben, war heute noch nicht herauszukriegen. Wie auch immer, es ist zutiefst ärgerlich, an einem entspannten Samstagmorgen wieder in der Zeitung von behinderten Menschen als ‚Sorgenkindern' lesen zu müssen. Wenn behinderte Menschen jetzt wieder in einer Zeitung als "Sorgenkinder" bezeichnet werden, ist das ein Schlag gegen unsere Würde und dafür eine zünftige Entschuldigung fällig. Denn diejenigen, die Eltern von behinderten Kindern und behinderten Menschen die "Sorgen" machen, sind vorrangig Menschen, die es immer noch nicht kapiert haben, dass wir gleichberechtigte BürgerInnen sind. Und genau deshalb ist der Schritt zum zweiten Artikel über die angeblich so "familiäre" Atmosphäre des neu geplanten Altenheims der Arbeiterwohlfahrt (AWO) gar nicht so weit. Denn wenn behinderte und ältere Menschen als "Sorgenkinder", "Pflegefälle" oder wie auch immer degradiert werden und dadurch die "Helfer" gleichzeitig in ihrem Edelmut förmlich in den Himmel wachsen, ist die Verbindung zum eigenen Leben und was man für sich als Standard betrachtet, weitgehend abgebrochen. Das "Die" und "Wir" ist dann allgegenwärtig und dann ist es auch anscheinend gar kein Problem mehr, Lebensbedingungen anderer Menschen schön zu reden und schön zu schreiben, die man für sich nie und nimmer akzeptieren würde. So kommen dann Überschriften wie "Wie in einer Familie" zustande. Die Unterüberschrift "Awo-Geschäftsführer Michael Schmidt stellte Konzept für Altenheim vor" macht dann deutlich, worum es geht - unter anderem auch um Geschäfte für einen Wohlfahrtsverband. "Riechen, sehen und umhergehen kann man im Sinnesgarten. In den Hausgemeinschaften, in denen die alten Menschen leben, geht es familiär zu", wird dann der Artikel angeleiert, so dass einem fast das Herz aufgeht, bis man dann einige Zeilen später liest: "48 Plätze in vier Hausgemeinschaften sind für Dörnhagen geplant." Und später erfährt man dann auch, dass die Awo in Nordhessen 16 Einrichtungen mit 1.500 Plätzen betreibt. Während die wenigen kritischen Geister der Behindertenbewegung nun vielleicht rufen: "Sauerei", "Anstalt", "Marsch aus den Institutionen - Reißt die Mauern nieder", höre ich schon die Stimmen vieler "unbefangener" BürgerInnen: "Das ist doch toll, kleine Hausgemeinschaften und nicht mehr das Großheim, ich weiß gar nicht, was ihr schon wieder zu kritisieren habt". Und genau das hört man oft und das ist auch das fatale in unserer Gesellschaft. Gedanken darüber, dass die Unterstützung, die in sogenannten "Altenheimen" gewährt werden können, auch zu Hause gewährt werden könnten, wo man sich wirklich "heimisch" fühlen kann, spielen hier wohl kaum eine Rolle. Die klare Ansage der ExpertInnen bei der Tagung zum Recht auf ein Leben in der Gemeinde, an der ich diese Woche in Brüssel teilgenommen habe, wonach es keinerlei Grund gibt, behinderte und ältere Menschen in Sondereinrichtungen unterzubrigen, sind hierzulande noch weit weg. Deshalb rufe ich heute einfach einmal Herrn Schmidt von der Awo, dem Schreiberling des Sorgenkind-Artikels, dem des Altenheim-Artikels und all denjenigen, die anscheinend keine Vision davon haben, dass die meisten behinderten und älteren Menschen wie alle anderen auch, in ihren eigenen Wohnungen leben und dort unterstützt werden wollen und können zu: Zieht doch selbst in die Behinderten- und Altenheime ein, lasst die anderen Menschen aber in Ruhe - und wenn ihr nicht fähig oder willens seid, andere Dienstleistungen zu entwickeln oder Artikel zu schreiben, in denen behinderte Menschen mit Respekt behandelt werden, lasst es einfach - aber um Himmels Willen lasst uns in Ruhe! 

 
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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Jan Kirchhoff schrieb am 19.09.2006, 22:19

OS-Prothese

Ich selbst fühle mich gar nicht behindert, obwohl mir ein Bein fehlt. Das Leben läßt sich mit entsprechend guter prothestischer Versorgung leicht bewältigen. Leider bin ich in den letzten Jahren auf den großspurigen Versprechungen eines Herrn Kretschmer hereingefallen. Sämtliche Prothesenschäfte die gebaut wurden waren äußerst schmerzhaft, untragbar und haben letztendlich zu schweren depressionen geführt. Herr Kretschmer arbeitet derzeit bei Nicolai Vital Resort Berlin. Bei wem kann ich denn nun meine Rechte für entgangene Lebensjahre und ertragene Schmerzen stellen? Ach, und eh ich es vergesse, zahlt mir Nicolai auch die Rehabilitationen für die Schäden die durch "super" Schäfte entstanden sind?

Marion Borgell Sanitätshaus Nicolai Vital Resort schrieb am 21.07.2006, 12:17

Pressebericht Hausmesse Nicolai Vital Resort

Sehr geehrte Damen und Herren,

zu unserer großen Hausmesse am 19.5.06 war die Presse natürlich auch eingeladen und hat einen Bericht über unser Sanitätshaus Nicolai Vital Resort gebracht mit einer Überschrift, welche wir in keiner Weise:
1. vorgegeben haben
2. beeinflussen konnten
3. einverstanden sind.

Von Herrn Otmar Miles-Paul erreicht uns die erste Seite eines Briefes, der Brief hörte mitten im Text auf und es gab keine Abschluß. Wir haben ihn zurück gefaxt und um den Rest gebeten.

Wir betreuen in Kassel und Umgebung 260 behinderte Kinder, viele Erwachsene und leisten eine sehr gute Arbeit!

Wir engagieren uns für soziale Projekte, verteilen z.B. keine Weihnachtsgeschenke/Provisionen an Kassen, Pflegedienste, Ärzte u.s.w. sondern spenden regelmäßig in Zusammenarbeit mit dem Verein "Zahnärzte helfen Kindern in Not e.V." (siehe auch Presseberichte) Hilfsmittel u.a. ins Ausland.
Wir arbeiten mit dem fab e.V. zusammen und bieten z.B. den Schulen an, mit ihren Klassen unseren Rollstuhlparcour zu buchen (kostenlos), damit die Kinder sensibilisiert werden.

Wir sind sehr traurig, daß immer wieder unser Name Nicolai Vital Resort in Zusammenhang mit dieser Presseüberschrift genannt wird!!!

Mit freundlichem Gruß

Marion Borgell
Bereichsleitung Nordhessen
www-vitalresort-online.de

Ottmar Miles-Paul schrieb am 23.05.2006, 17:41

Das gibt mir Hoffnung

Sehr geehrte Frau Eppinger,

das freut mich, dass Sie als Redakteurin meine Einschätzung unterstützen und dies vor allem in diese Sparte tragen.

Für uns ist es nicht immer leicht, JournalistInnen unsere Sicht der Dinge zu verdeutlichen, umso wohlklingender ist es, dass Sie da eine gute Einstellung dazu haben.

Herzliche Grüße
Ottmar Miles-Paul

Ute Eppinger schrieb am 23.05.2006, 09:37

Wer ist da behindert?

Lieber Ottmar Miles-Paul,
Ich kann Ihren Kommentar nur vollinhaltlich unterstützen. Ich selbst bin nicht-behindert, habe nach dem Abi in einer Einrichtung für geistig-behinderte Menschen gearbeitet und schon damals festgestellt, daß Behinderung relativ ist. Gerade von "Nicht-Behinderten" habe ich damals als Reaktion auf "Behinderte" viel Intoleranz, Ignoranz, Ablehnung erfahren. Dazu gehört für mich auch der diskriminierende Begriff "Sorgenkind". Die Bezeichnung ist eine Frechheit und charakterisiert meiner Meinung nach den, der sie verwendet.

Da ich selbst Redakteurin bin, ärgert mich die Verwendung dieses Begriffs in einer Zeitung, die ja meinungsbildend ist, natürlich besonders )C:

Viele Grüße

Ute Eppinger

Peter Kahle schrieb am 20.05.2006, 22:53

Peter Kahle

Wir sind keine Sorgenkinder,sondern Menschen mit Würde. Das muss entlich begriffen werden. Darum das Antidiskriminierungsgesetzt .Also,Dalli dalli

Manfred Keitel schrieb am 20.05.2006, 13:38

HÖRT DAS DENN NIE AUF?!

Hallo Ottmar,

ja, genau so: "Zieht doch selbst in die Behinderten- und Altenheime ein, lasst die anderen Menschen aber in Ruhe - und wenn ihr nicht fähig oder willens seid, andere Dienstleistungen zu entwickeln oder Artikel zu schreiben, in denen behinderte Menschen mit Respekt behandelt werden, lasst es einfach - aber um Himmels Willen lasst uns in Ruhe!" Dieses Zitat spricht mir aus der Seele.

Dabei denke ich manchmal auch, daß die ewig Gestrigen weniger werden, um dann das Schönreden großer Organisationen wie der AWO, der ASB und dergleichen präsentiert zu bekommen, die die sattsam bekannten Menschenrechtsverletzungen dann bestenfalls in einem etwas anderen Licht präsentieren. Und daß, obwohl sie auch ohne große Eingenständigkeit oder Initiative entwickeln zu müssen längst die Fakten präsentiert bekamen, aber offensichtlich handelt es sich bei der "Wohl"fahrt um "eine große Familie".

Grüße
Manfred Keitel

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