Saarbrücken (kobinet) "Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht", unter diesem Motto nimmt der 96. Katholikentag heute in Saarbrücken seine inhaltliche Arbeit auf.
Nach der gestrigen Eröffnungsfeier geht es heute mit einem zentralen Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt weiter. Dazu wird heute auch viel Prominenz erwartet, so zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel. Gestern wurde bereits die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit erhoben. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) Hans Joachim Meyer übte dabei vor allem auch einem Bericht der tagesschau zufolge Kritik an Auswüchsen des Kapitalismus. Die Gestaltung der Gesellschaft könne nicht dem "blinden Wirken des Wettbewerbs" überlassen werden, wird der ZdK-Präsident im Online-Angebot der tagesschau zitiert.
Papst Benedikt XVI. hat die Laien dazu aufgerufen, die Welt nach christlichen Maßstäben mitzugestalten. Die "Zivilisation der Liebe" müsse sich heute vor allem gegen eine "Kultur des Todes" behaupten. Insgesamt sind bis Sonntag mehr als 1.000 Veranstaltungen geplant und 40.000 TeilnehmerInnen werden erwartet.
Der Koordinator der Kampagne "Marsch aus den Institutionen - Reißt die Mauern nieder", Ottmar Miles-Paul, forderte die katholische Kirche und deren MitarbeiterInnen in den verschiedenen Bereichen angesichts des Katholikentages in Saarbrücken auf, auch einmal selbstkritisch auf das eigene Verhalten zu blicken. "Wer Solidarität und Gerechtigkeit lauthals fordert und auf seine Fahnen schreibt, muss sich auch selbst fragen, wo man mit seinen eigenen Angeboten und Aktivitäten steht. Viele Barrieren vor und in Kirchen und Gemeindehäusern und wenig Bereitschaft daran grundlegend etwas zu ändern sind die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die oftmals erdrückende 'Fürsorge' und Ausgrenzung, die durch die vielen katholischen Einrichtungen für behinderte Menschen praktiziert wird. Anstatt mit Volldampf Alternativen für ein Leben behinderter Menschen in der Gemeinde aufzubauen und für ein gleichberechtigtes und gerechtes Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten zu wirken, erhält die katholische Kirchen noch viele Mauern von Großeinrichtungen für behinderte Menschen aufrecht und baut ständig neue. Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun und Liebe stelle ich mir ehrlich gesagt auch anders vor", kritisiert Ottmar Miles-Paul das immer noch weitverbreitete Wirken der katholischen Kirche.
Behinderte Menschen wollten echte Chancen in der Gesellschaft haben und den Alltag möglichst gleichberechtigt mit anderen Menschen in der Gemeinde teilen, anstatt in Sonderwelten "betreut" und "behütet" zu werden. Diese Einrichtungen blockierten viel Geld und sinnvolle Entwicklungen, die in anderen Ländern längst gegriffen hätten. "In Brüssel habe ich letzte Woche erst wieder von einer neuseeländischen Vertreterin eines Behindertenverbandes gehört, dass dieses Jahr auch noch die letzten 130 Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung, die noch in Behinderteneinrichtungen leben müssen, in ihre eigene Wohnungen bzw. in kleine Gruppen mit maximal fünf Personen ziehen werden. Warum soll das dann nicht bei uns gehen?", fragt sich Miles-Paul. elba