
München (kobinet) 10.000 Euro hat heute Abend ein Elternpaar für einen Platz in einer integrativen Schule einem anderen geboten. Noch ist das (hoffentlich) keine Realität, sondern nur eine Szene in der Fernsehserie "Lindenstraße". Kurz nach einem WM-Spiel bekommen die Fernseheltern Hans und Anna Beimer Besuch von einem Ehepaar. Dieses ist mit ihrer kleinen Tochter Nathalie vor kurzem nach München gezogen. Nathalie lebt wie der jüngste Beimer-Sohn Martin, liebevoll "Mürfel" genannt, mit dem Down-Syndrom. Beimers, die davon ausgehen, dass die Neu-Münchner lediglich Kontakt zwecks Austausches über Angebote für behinderte Kinder suchen, sind schockiert. Es stellt sich heraus, dass Nathalie´s Eltern ihre Tochter in dieselbe integrative Schule gehen lassen wollen, in der "Mürfel" schon seit langem angemeldet ist und in deren Nähe sie wohnen. Die Sache hat nur einen Haken: Es ist kein Platz mehr frei in der Luisenschule, die in der "Lindenstraße" als beste ihrer Art gepriesen wird. Und weil Nathalies finanzstarke Eltern das Beste für ihre Tochter wollen, bieten sie den Beimers 10.000 Euro, wenn sie "Mürfels" Platz Nathalie überlassen. Während zunächst die Empörung bei den ständig finanziell klammen Beimer-Eltern überwiegt, beginnt Anna Beimer zu überlegen. Schließlich gibt es noch drei weitere Kinder, denen die 10.000 Euro ebenfalls für deren Ausbildung zugute kommen könnten. Können es die Eltern verantworten, wegen des Schulplatzes ihres Jüngsten auf die einmalige Chance für die drei anderen Kinder zu verzichten? Mit dieser Fragestellung endete die heutige Sendung. Kommentar von kobinet-Redakteurin Elke Bartz Es mag sein, dass das Szenario besonders bei nicht behinderten Zuschauerinnen und Zuschauern als aus der Fantasie des Regisseurs entsprungene Effekthascherei empfunden wird. "Doch nicht bei uns, wo doch behinderte Kinder bestens gefördert werden". Irrtum gerade bei uns, und in Zukunft möglicherweise sogar verstärkt. Ist doch die gemeinsame Beschulung von behinderten und nicht behinderten Kindern immer noch eher die Ausnahme als die Regel. Müssen Eltern - je nach Bundesland mehr oder weniger - oft gegen Widerstände kämpfen, wenn sie ihre Kinder nicht dem Aussonderungssystem ausliefern, sondern sie mitten in der Gemeinschaft lernen und aufwachsen lassen wollen. Mag sein, dass das Lindenstraßen-Szenario dramaturgischen Hintergrund hat, um eine Problematik "zuschauergerecht" und leichter nachvollziehbar zu präsentieren. Mag aber auch sein, dass die Macher der Lindenstraße von einer solchen oder ähnlichen Situation erfahren und sie schauspielerisch dargestellt haben. Und wenn "im wahren Leben" noch keine "Ablöseprämie" für einen Schulplatz bezahlt worden ist, kann das in Zukunft durchaus geschehen. Wenn die Föderalismusreform nicht gestoppt, bzw. die entsprechenden Teile geändert werden, gehen immer mehr Zuständigkeitsbereiche in Länder- und kommunale Hoheiten über. Und das wird auch Auswirkungen auf die ambulante Förderung und Versorgung behinderter Menschen haben. Dann können womöglich nur noch reiche Eltern die notwendige Schulbegleitung für ihre Kinder bezahlen, während finanzschwache mit dem Aussonderungssystem vorlieb nehmen müssen, weil die zuständigen Leistungsträger die Kostenübernahme verweigern. Es ist spannend zu sehen, wie die Lindenstraße weiter mit dem Thema umgeht. Es ist aber noch spannender und vor allem beunruhigender, wie sich die Lebensrealität behinderter Menschen angesichts der Föderalismusreform entwickeln wird.
Dipl.-Soz.Arb. Uwe Heineker schrieb am 06.07.2006, 08:58
... die Vernunft, dieses "Angebot" auszuschlagen - der Familienzusammenhalt und Integrationswille war stärker ...
Helga Burgwinkel schrieb am 27.06.2006, 17:34
Offensichtlich ging bei der Übertragung meines Leserbriefes ein wichtiger Teil der Überschrift verloren:Stehen müßte da: .... unmoralisch ist die Politik!
Helga Burgwinkel schrieb am 27.06.2006, 17:25
Seit der medialen Geburt dieses jüngsten Beimlersprösslings mit Down-Syndrom sehen wir mit Freude wie n einer Fernsehserie Integration statt Ausgrenzung "vorgelebt" wird! Das unmoralische Angebot der aktuellen Folgen allerdings, wäre in Bundesländern, mit "immerhin ein bißchen" Integration,dramaturgisch vielleicht nachvollziehbar, im "integrationsresisstenten" Bayern hingegen leider nicht. Hier hat der Drehort Köln offensichtlich den Blick auf den Handlungsort München getrübt?! Helga Burgwinkel
Gemeinsam leben - gemeinsam lernen e.V.
Landesarbeitsgemeinschaft Hessen
Dipl.-Soz.Arb. Uwe Heineker schrieb am 26.06.2006, 21:01
... sollte dem Lindenstrassen-Chefautor Hans W. Geißendörfer zugespielt werden, um einige der genannten Fakten im weiteren Verlauf der Serie später noch mit einfließen zu lassen ...
Sibylle Hausmanns schrieb am 26.06.2006, 16:25
Es hört sich so an, als gäbe es in Bayern oder sonstwo fix und fertige "Plätze" für Kinder mit Behinderungen an staatlichen Regelschulen. Dies ist nicht der Fall - schon gar nicht in Bayern und für Kinder mit "Förderschwerpunkt geistige Entwicklung", wie das schuloffiziell neuerdings heißt. Bundesweit besuchen immer weniger dieser Kinder die Regelschule. Sollte es einer Familie gelungen sein, ihr Kind mit einem Down-Syndrom an einer Regelschule zu platzieren, so ist das immer eine auf dieses Kind bezogene Einzelfallentscheidung. Wenn also diese Familie ihre Chance nicht wahrnimmt, wird entweder gar kein Kind mit Behinderung aufgenommen, oder die Behörde trifft eine Entscheidung zugunsten eines anderen Kindes. Platzverkaufen ist also nicht. Das Hauen und Stechen um gemeinsame Beschulung spielt sich auf anderen Ebenen ab. Da müssen Eltern in Bayern nachweisen, dass ihr Kind zu "aktiver Teilhabe" fähig ist - was immer das sein mag. Da muss eine Schule gefunden werden, die bereit ist, das Kind aufzunehmen. Da muss die Behörde überzeugt werden, dass ein Minimum an Lehrerstunden von einer Sonderschule an die Regelschule abgeordnet werden. Da müssen sich Eltern um die Schulbegleitung ihrer Kinder kümmern. Und an jeder dieser Stationen wird schon mal der Daumen nach unten gehalten und es kommt zu politischen und/oder juristischen Auseinandersetzungen. Mir persönlich ist keine Familie bekannt, der es auch nur im Traum einfiele, den einmal ergatterten Zugang zur Regelschule für Geld zu verhökern - selbst wenn das ginge.
Was die Föderalismusreform betrifft, so verschärft sich die Situation in doppelter Weise: Zunächst gibt der Bund auch noch die letzte Restverantwortlichkeit für Bildung an die Länder ab. Damit hat sie keine Möglichkeit mehr, in diesem Bereich eingegangene internationale Verpflichtungen z. B. nach der UN-Kinderrechtskonvention oder der Erklärung von Salamanca auch selbst umzusetzen. De facto war die vornehme Zurückhaltung hier aber bisher auch schon groß. Zum anderen soll, wie Frau Bartz schreibt, die Zuständigkeit für die Eingliederungshilfe an die Länder gehn, was befürchten lässt, dass die aktuelle Kassenlage zum Maßstab für mögliche Hilfen wird und nicht der festgestellte Bedarf. Schulbegleitung wäre dann womöglich Luxus.
Ich fürchte nur, dass alle diese komplexen Zusammenhänge in einer Serie wie der Linderstraße überhaupt nicht darstellbar sind.
Sibylle Hausmanns für die Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben - gemeinsam lernen