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kobinet-nachrichten
27.12.2003 - 07:30
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Münster (kobinet) Für einen barrierefreien Deutschlandtourismus gibt es nach Ansicht von Dr. Peter Neumann große Steigerungspotenziale. Im kobinet-Interview erläutert er, was der Branche entgeht und wie es um die Chancen für Investitionen auf diesem Markt steht. kobinet-nachrichten: In einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zu den Defiziten im barrierefreien Tourismus haben Sie auf verpasste Chancen in diesem Marktsegment hingewiesen. Was entgeht der Branche? Peter Neumann: In unserer Untersuchung für das BMWA ging es um die Ermittlung der konkreten ökonomischen Impulse bei der Verwirklichung eines barrierefreien Tourismus für Alle in Deutschland. Die Studie weist nach, dass durch Schaffung besserer barrierefreier Angebote entlang der gesamten touristischen Servicekette eine zusätzliche Nachfrage im Tourismus entstehen würde. Unsere Untersuchung verweist auf bereits vorhandene gute Beispiele, dennoch sind im Deutschlandtourismus große Steigerungspotenziale vorhanden. So rufen derzeit Reisen von Menschen mit Behinderungen für den Deutschlandtourismus einen Nettoumsatz von etwa 2,5 Milliarden Euro bei mindestens 65.000 Vollzeitarbeitsplätzen hervor. Bei Herstellung einer umfassenden Barrierefreiheit könnten zusätzliche wirtschaftliche Impulse von bis zu 5 Milliarden Euro mit 90.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen erzielt werden. kobinet-nachrichten: Ein spürbarer Wachstumsschub wäre möglich ... Peter Neumann: ... ja, das zeigt, was der Tourismusbranche momentan finanziell entgeht. Und bei diesen Zahlen sind noch nicht einmal die Begleitpersonen behinderter Reisender und ausländische Gäste mit Behinderungen berücksichtigt. Dazu kommt noch der stetig wachsende Kundenkreis der älteren Menschen. Durch die demographische Entwicklung wird das Urlauberpotenzial, das Wert auf barrierefreie Destinationen in Deutschland legt, in den nächsten Jahren beständig wachsen. Darin liegen die Chancen für die Regionen und die Anbieter. Die Studie zeigt zudem ganz klar, dass sich durch einen barrierefreien Tourismus für Alle Wettbewerbsvorteile und ein positives Image erzielen lassen, das über die eigentliche Zielgruppe hinaus wirkt. Barrierefreie Angebote lohnen sich im gesamten Bereich der touristischen Servicekette, von der Buchung, den Verkehrsmitteln, der Beherbergung, den Freizeit- und Kultureinrichtungen bis hin zur Pflege und Assistenz. kobinet-nachrichten: Warum geht es in Deutschland so langsam voran, die Zeichen der Zeit zu erkennen und mit barrierefreien Angeboten eine Lücke für einen immer größer werdenden Kundenkreis zu schließen? Peter Neumann: In unserer Studie haben wir eine Reihe von Hemmnissen beschrieben, die dafür angeführt werden, dass Investitionen in barrierefreie Angebote bislang unterbleiben, obwohl sie sich durchaus rechnen könnten. Ich fasse die wichtigsten einmal zusammen (ohne Rangfolge): 1) Eine Auseinandersetzung mit den Themen Behinderung und Alter wird in der Gesellschaft vermieden 2) Die Anbieter vermuten, dass nicht-behinderte Gäste Vorbehalte gegenüber behinderten Gästen haben 3) Das Ausmaß und Wachstumspotenzial des Marktes wird unterschätzt 4) Das ökonomisch attraktive Reiseverhalten der Zielgruppe ist unbekannt 5) Die Anforderungen der Zielgruppe, Regelungen und Kennzeichnungen sind unbekannt oder unklar 6) Die notwendigen Kosten werden überschätzt und nicht alle Deckungsbeiträge zugerechnet 7) Einzelne barrierefreie Angebote sind vorhanden, aber geschlossenen touristische Serviceketten fehlen 8) Komplementäre Investitionen fehlen im öffentlichen und privaten Bereich 9) Gesamtkonzepte zur Entwicklung barrierefreier Angebote in einer Region sowie übergeordnete Steuerung, Vernetzung und Vermarktung fehlen kobinet-nachrichten: Wie soll die Studie weiter verbreitet werden und möglicherweise für einen positiven Wandel sorgen? Peter Neumann: Wir stellen in unserer Studie Barrierefreiheit als Ziel gesellschaftlichen Handelns und als Möglichkeit zur Erschließung neuer ökonomischer Segmente im Tourismus heraus. Für viele Anbieter im Tourismus, für die Gäste und Urlaubsbetreuung die Existenzgrundlage bildet, sind die jetzt erstmals vorliegenden Erkenntnisse von großer Bedeutung. Jetzt sind vor allem die Tourismus-Regionen gefordert. Dort müssen die Dinge auf den Weg gebracht werden. Bei allen Bemühungen ist zu berücksichtigen, dass eine Vernetzung mit der gesamten touristischen Servicekette unabdingbar ist. Nur wenn alle Bausteine in einander greifen, wird sich der Erfolg einstellen. Die Definitionen von touristischen Mindestkriterien für die einzelnen Bausteine der touristischen Servicekette, die wir für die Studie entwickelt haben, sollen «den Einstieg» in die Entwicklung einer barrierefreien Zukunft erleichtern. Die neue ADAC-Planungshilfe «Barrierefreier Tourismus für Alle» und anderes Material kann dabei konkrete Hilfestellung bieten. kobinet-nachrichten: Neben den baulichen Barrieren muss auch an den «mentalen» Barrieren gearbeitet werden ... Peter Neumann: ... ja unbedingt. Das ist zum einen eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Zum anderen aber auch eine Frage von Schulung und Qualifizierung. Hier empfehlen wir ein deutschlandweit möglichst einheitliches Qualifizierungs- und Schulungsprogramm für die Akteure im Tourismusbereich und konkrete Maßnahmen zur Sensibilisierung und Mobilisierung der touristischen Leistungsträger sowie der Handwerker und Architekten. Barrierefreiheit kann so zu einem Markenzeichen im Deutschlandtourismus werden. Es bleibt zu betonen, dass die zentrale Botschaft der Studie, «Barrierefreiheit lohnt sich - für Alle», an die touristischen Leistungsträger herangetragen werden muss. Dazu sollte die Studie eine große Verbreitung finden und eine starke Überzeugungsarbeit auf allen Ebenen geleistet werden. Dabei gilt es vor allem positive Ansätze im Tourismus zu verstärken und nicht negative Ansätze an den Pranger zu stellen. Erste Verbesserungen sollten nicht mit der Messlatte vollkommener Barrierefreiheit entwertet werden. (Das Gespräch führte Franz Schmahl) Die Kurzfassung der von NEUMANNCONSULT gemeinsam mit den Instituten für Geographie und Verkehrswissenschaft der Uni Münster und der Tourismusberatungsgesellschaft Reppel+Lorenz erarbeiteten Studie ist online abrufbar unter dieser URL. Die Langfassung wird voraussichtlich im ersten Quartal 2004 in der Reihe Münstersche Geographische Arbeiten und kann über neumann@neumann-consult.com bezogen werden.
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