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29.12.2003 - 08:08

Mahnbrief zum Jahresende.

Bayreuth (kobinet) Bundeskanzler Gerhard Schröder und andere deutsche Politiker erhielten zum Jahresende emails von Bernd Hänsel aus Bayreuth. Der unterhalb seines 4. Halswirbel Gelähmte warnte davor, den Zivildienst ohne soziale Alternative für eine selbstbestimmte Lebensführung zu kürzen oder gar abzuschaffen. «Bei einer weiteren Verkürzung oder gar Abschaffung des Zivildienstes ohne soziale Alternative wäre eine selbstbestimmte Lebensführung in Verbindung mit Berufstätigkeit nicht mehr zu verwirklichen», schreibt der Bayreuther Psychotherapeut, der sein eigenes Leben mit Assistenz als eine heute bedrohte Erfolgsstory betrachtet. Im Alter von 17 Jahren als Oberschüler wurde Hänsel durch einen Verkehrsunfall querschnittgelähmt. Diagnose nach dem Unfall: Abhängigkeit vom Elektrorollstuhl, nicht ohne fremde Hilfe das Bett verlassen oder die Toilette aufsuchen können, sich nicht ohne fremde Hilfe waschen und ankleiden können, Unterstützung brauchen beim Essen und Trinken … «In den allermeisten Fällen bedeutet ein solcher Schicksalsschlag den Endpunkt einer Lebensgeschichte. Was kann jetzt noch geschehen? Das Leben scheint gelaufen. Für die Eltern bin ich wieder wie ein Kleinkind», fasst der Mann seine damalige Ausgangslage zusammen. Die ersten Wochen und Monaten in der Reha-Klinik bedeuteten eine mühselige Tortur mit zahlreichen Rückschlägen. «Es ist als wollte ein Verschütteter sich hervorwühlen mit einer einzigen Hand aus einer haushohen Lawine aus Schlamm und Felsen. Doch der Wille steht fest und unbeugsam. Die Schule soll weiter besucht, das Abitur erreicht werden. Nach acht Monaten Klinikaufenthalt werde ich nach Hause entlassen», erinnert sich der Bayer in seiner mail an den deutschen Regierungschef. Zum Studium ging er nach Regensburg, eine der ganz wenigen Universitäten, an der damals Schwerbehinderte studieren konnten. Im Studentenwohnheim wurde er von Zivildienstleistenden betreut. «Diese Hilfe wird sich im weiteren Verlauf als wertvoll und unverzichtbar erweisen. Wie bei jeder Begegnung von Menschen, entwickelt sich ein Geben und Nehmen. Ich bekomme Hilfe und Unterstützung bei den Verrichtungen des Alltags und die jungen Assistenten lernen für ihr weiteres Leben. Aus einigen werden auch Freunde fürs Leben», so Hänsel. Noch während des Studiums zog er in eine Wohngemeinschaft um. Ambulante Hilfen und Assistenz sind die Grundlage selbstbestimmter Lebensführung geworden. Nach dem Studium nimmt er in einer Bayreuther Klinik eine Arbeitsstelle als Diplom-Psychologe an und absolviert Weiterbildungen in Verhaltenstherapie und Neuropsychologie. «Man kann es wirklich eine Erfolgsstory nennen. Für mich. Für alle, die mich tatkräftig unterstützt haben oder es noch tun. Und für ein soziales System, das derartige Unterstützung möglich macht. Ende gut, alles gut? Eher wohl Ende und bald alles vorbei», resümiert der inzwischen verheiratete Assistenznehmer. In Zeiten des sozialen Abbaus und der Kürzungen fällt es ihm immer schwerer, die ambulante Hilfe zu organisieren. Er befürchtet, allen sozialen Diensten, die auf den Schultern der Zivis aufbauen, drohe der Kollaps. «Was aber, wenn die Hilfe auch nur einen Tag ausbliebe? Es käme einer Katastrophe gleich. Wenn frühmorgens nicht der Helfer an der Tür klingelt, muss ich im Bett liegen bleiben. Es ist kein Mensch da, um mir zur Toilette zu helfen. Niemand duscht mich. Niemand zieht mich an. Ich komme nicht in meinen Rollstuhl. Niemand gibt mir Kaffee. Ich bekomme kein Frühstück. Ich muss in meinem Bett liegen bleiben. Wenn ich alleine zu Hause bin, weil meine Frau zur Arbeit ist, kann ich nicht einmal mehr zum Telefon greifen, um das Rote Kreuz oder sonst jemanden zu alarmieren. Ich bin dazu verdammt liegen zu bleiben. Stundenlang, im schlimmsten Fall tagelang. Wenn jemand an der Wohnungstür klingelt, kann ich sie vom Bett aus nicht einmal öffnen. Die Kollegen in der Klinik würden sich vielleicht fragen, ob ich mich krank gemeldet hätte. Mit der Zeit bilden sich dann gerötete Stellen auf der Haut», so ein Ausschnitt aus Hänsels Alptraum. An Politiker wendet er sich mit dem alarmierenden Wort: «Ich bin dazu verdammt, dass jeden Tag eine fremde Person zu mir kommt und all das für mich macht, was ich selbst nicht kann. Ohne diese Hilfe ist meine Existenz, mein ganzer Lebensweg hinfällig. Sie würde verlöschen, als hätte es sie nie gegeben. Die Erfolgsstory wäre zu Ende, nicht nur die meine, sondern auch die vieler anderer in vergleichbarer Lage. Die Probleme, die dadurch entstehen würden, mag man sich gar nicht ausmalen ... Deshalb muss jetzt etwas geschehen!» sch  

 
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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Bernd Hänsel schrieb am 31.12.2003, 11:27

Ergänzung zum Mahnbrief zum Jahresende

Ich plädiere nicht für eine Aufrechterhaltung des Zivildienstes unter allen Umständen. Die Dauer des Zivildienstes ist (mit realen 8 Monaten Einsatzdauer + Urlaub + Lehrgang) bereits jetzt nicht mehr geeignet, eine kontinuierliche Organisation persönlicher Assistenz sicherzustellen. Bereits jetzt werden überall Mischmodelle eingerichtet. Die Bedingungen kann ein Assistenznutzer mit Anbietern vor Ort aushandeln – oder auch nicht !?
Das Schicksal vieler behinderter Menschen mit Assistenzbedarf ist zum Leidwesen der Assistenznutzer derzeit immer noch an die Aufrechterhaltung der Wehr- bzw. Zivildienstpflicht gebunden. Jede Änderung in diesem Bereich hat weitreichende Nachteile in der persönlichen Lebensführung von Menschen mit Assistenzbedarf.
Eine Entkoppelung der Abhängigkeit von der Wehrpflicht ist dringend geboten durch die Schaffung von Möglichkeiten zur Absicherung des behinderungsbedingten Assistenzbedarfs. Dabei sollten die Assistenznutzer mehr als bisher in die Lage versetzt werden, selbst zu bestimmen, wie sie ihre persönliche Hilfe organisieren möchten.
Es sollte Ziel einer modernen Sozialpolitik sein, die Freiheit zur persönlichen Lebensgestaltung zu sichern durch den Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile. Diese sind gerade für Menschen mit Behinderungen, die in ihrer Selbsthilfe eingeschränkt sind immer noch gegeben, wenn es um die persönliche Lebensgestaltung und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geht.
Darum meine Vorschläge an die politischen Vertreter:
Nutzung freiwerdender Mittel zur Schaffung regulärer Arbeitsplätze
Leistungsgesetz anstatt Pflegeversicherung
Ich plädiere für die Einführung eines gesetzlich geregelten Nachteilsausgleichs in Form eines Leistungsgesetzes für Personen mit behinderungsbedingtem Assistenzbedarf. Dadurch sollen Betroffene die Form ihrer Assistenz selbst wählen können, d.h. auch Assistenzpersonen selbst anstellen und bezahlen können.
Meine Vorschläge liegen inhaltlich auf einer Linie mit einem Thesenpapier von Herrn Finke, SPD, Landesbeauftragter für Behinderte in Niedersachsen, aus dem Jahre 1999.
Bisher ziehe ich das Fazit, dass die Probleme assistenznutzender Menschen bei den politischen Funktionsträgern entfernt bekannt sein mögen, jedoch keine sonderlich hohe politische Priorität genießen. Dies hat mich bewogen meinen Brief an die kobinet-nachrichten zu schicken in der Hoffnung, dass möglichst viele betroffene assistenznutzende Leser motiviert werden, in ähnlicher Form die politisch Verantwortlichen auf die reale Bedrohung des Wegfalls einer Lebensgrundlage hinzuweisen.

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