![]()
Druckversion
kobinet-nachrichten
02.11.2006 - 13:26
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Jena (kobinet) "Will die Bahn nur noch reiche Kunden?" Diese Frage stellt sich Michael Spörke von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) angesichts der Ankündigung der Deutschen Bahn, 20 Millionen Euro jährlich für die Verbesserung des Service und Komforts für KundInnen der 1. Klasse zu investieren. Rollstuhlfahrer müssten darum kämpfen, überhaupt befördert zu werden. Gegenüber den kobinet-nachrichten zeigte sich der Rollstuhlnutzer aus Jena empört darüber, dass der Abbau von Serviceleistungen an Bahnhöfen zum Ein- und Ausstieg von RollstuhlnutzerInnen zunehmend mit dem Argument von nötigen Einsparungen betrieben wird. "Andererseits lese ich nun, dass die Deutsche Bahn jährlich 20 Millionen Euro investieren will, um den Service für 1. Klasse Kunden zu verbessern und anscheinend sogar in der Lage ist, diesen am Bahnsteig die Koffer zu tragen und beim Einstieg behilflich zu sein. Da kann ich mich nur wundern und fragen, ob die Bahn zukünftig nur noch reiche Kunden will", so Michael Spörke. Gerade in den letzten Monaten hat es verstärkt Probleme mit der Beförderung von RollstuhlnutzerInnen gegeben, weil an einigen Bahnhöfen wie in Jena, Weimar oder Erfurt der Service für RollstuhlnutzerInnen zum Teil schon um 19.00 Uhr eingestellt oder morgens später begonnen wird. "Mit dieser Maßnahme hat sich die Deutsche Bahn selbst entlarvt und deutlich gemacht, dass das vorgeschobene Argument von nötigen Einsparungen nur vorgeschoben und Ausdruck einer entsprechenden Prioritätensetzung der Deutschen Bahn ist. Auf jeden Fall geben wir behinderte Menschen uns nicht damit zufrieden, dass 1. Klasse-Kunden die Koffer nachgetragen werden, während wir darum betteln müssen, überhaupt in die Züge zu kommen. Nicht dass ich den 1. Klasse Reisenden nicht den Service gönne, wenn es am anderen Ende aber ein Abdriften der Deutschen Bahn ins 3. Klasse-Niveau für behinderte Menschen gibt, steht dies in keinem Verhältnis", so Michael Spörke. Der Rollstuhlnutzer hofft, dass vonseiten der Bundesregierung endlich eine Initiative zur Beseitigung der Mißstände bei der Deutschen Bahn kommt, denn deren Vorgehen könne nicht im Geiste des Behindertengleichstellungsgesetzes sein. omp
Stefan Krusche schrieb am 06.11.2006, 09:12
Hallo Michael,
natürlich sind die Servicemängel beim Einstieg von Rollstuhlfahrers scharf zu kritisieren.
Allerdings darf man ruhig in Kobinet auch mal darüber berichten, dass Rollstuhlfahrer, die ein ICE-Ticket der 2. Klasse gekauft haben, schon seit Wochen und Monaten ohne jeden Aufschlag weitgehend in der 1. Klasse befördert werden. Das liegt daran, dass die ICE-Züge der 2. Generation sukzessive modernisiert werden werden und im Rahmen des Eisenbahnprogramms für mobilitätsbehinderte Menschen bis Ende 2008 sämtliche bisherigen Rollstuhlfahrerplätze nur noch in den umgebauten Waggons mit der Nr. 9 sich befinden werden, die künftig zur 1. Klasse gehören. Anita Grießer und ich nutzen jedes Wochenende den ICE zwischen Mannheim und Kassel-Wilhelmshöhe und genießen regelrecht den Komfort der 1. Klasse-Waggons, ohne dafür einen extra Zuschlag zahlen zu müssen. Da noch nicht alle Züge modernisiert sind, kann es immer schon mal wieder vorkommen, dass man einen noch nicht modernisierten ICE erwischt, wo der Platz für Rollstuhlfahrer erheblich schmaler ist und es vor allem an den Wochenenden durch die vielen Pendler extrem eng wird. Aber das ist inzwischen bereits die Ausnahme.
Die 20 Millionen Euro für die 1. Klasse jährlich kommen daher indirekt auch anderen behinderten Menschen zugute, auch wenn das sicher nicht unbedingt die Hauptzielgrupper der DB AG ist.
Trotzdem darf man das ruhig mal erwähnen, dass die Bahn hier sehr zuvorkommend ist.
Ich bin schon seit Jahrzehnten Bahnkunde und im Großen und Ganzen mit dem Bahnservice sehr zufrieden.
Stefan Krusche
Christine Nicolai schrieb am 05.11.2006, 16:00
Toll, was sich die Bahn da erlaubt!! Ich möchte auf Behindertenausweis nach Frankfurt/Main fahren, aber leider gibt's die Verbindung im Nahverkehr Halle/S. - Erfurt - Eisenach - Bebra - Fulda nicht mehr!
Müßte da über Würzburg fahren und bezahlen, da dort keine Verkehrsverbünde sind!!
Die IRE waren sehr schön, mit den ICE's kann ich aus Kostengründen nicht fahren! Grüße aus Sachsen!
Annett Heinich schrieb am 05.11.2006, 15:11
Ich bin dankbar über jeden Hinweis bzw. Tatsachenbericht zum Thema Bahn u. Behinderte Menschen. Ich selbst bin rollstuhlnutzende Bahnreisende und habe einschlägige Erfahrungen gesammelt mit denen ich mich nicht abfinden möchte. Wer also weitere Infos für mich hat. Jederzeit gerne!!!!
Frank Winkel schrieb am 03.11.2006, 13:34
Die Idee, die Freifahrt auch auf die 1. Klasse auszudehen ist ein guter Vorschlag.
Wenn die Bahn jetzt einen Umsteigeservice oder Umsteigehilfe für die Reisenden der 1. Klasse einrichtet, dann ist es angebracht, die Freifahrt auf die 1. Klasse auszudehen. So könnte man das Problem lösen.
Der Gesetzgeber sollte dazu jetzt die Gelegenheit nutzen.
Nach meiner Meinung ist die jetzige Freifahrt nicht mehr zeitgemäß, da dies nur für den Nahverkehr gilt. Die Ausdehnung erfolgte damals auf den InterRegio auch deshalb, um die Flexibilität zu verbessern. Man konnte zur damaligen Zeit überhaupt nicht ahnen, dass die InterRegios mal durch InterCity oder ICE ersetzt werden. Eine Ausdehnung auf den InterCity und ggf. ICE wäre sinnvoll, um die Flexibilität wiederherzustellen.
Thorsten Garbe schrieb am 03.11.2006, 07:41
...und zwar, wenn die Bahn AG uns nicht will, aber den 1. Klasse Fahrgästen förmlich Würfelzucker in den .... schieben möchte, was haltet ihr davon, wenn wir uns dafür einsetzen, daß wir alle Beförderung in der 1. Klasse in unserem Schwerbehindertenausweis stehen haben!! ;o)) Das wäre doch nen Gaudi oder? Wenn die Bahn nicht auf die mahnenden Worte aus Berlin hören will, dann hat Berlin die Möglichkeit den Schwerbehindertenausweis dahingehend zu ändern. Und schon muß die Bahn uns sogar die Koffer nachtragen.
Gruß
Thorsten Garbe
Frank Winkel schrieb am 02.11.2006, 21:29
Für die Bahnhöfe Erfurt, Jena und Weimar ist es sehr peinlich, dass der Service eine Umsteigehilfe ab 19:00 Uhr nicht mehr angebietet. Vor allem für Erfurt als Landeshauptstadt, wo die ICE jede Stunde halten.
Für Jena und Weimar ist es ebenfalls peinlich: Auch in diesen Städten halten ab 10.12.2006 stündlich ICE-Züge.
Aber im Berliner Hauptbahnhof auf den oberen Bahnsteigen haben die Reisenden der 1. Klasse zum Glück mehr Pech als die Reisenden der 2. Klasse: Die Reisenden der 1. Klasse müssen nämlich im Regen stehen, da dort keine Überdachung ist. Reisende der 1. Klasse müssen nicht bevorzugt werden.
Waltraud David schrieb am 02.11.2006, 15:25
Wenn ich Die Herrn der Bahn so im Fernsehn reden höre befürchte ich schon länger diese Umkehr, denn es wäre für die Bahn wesentlich billiger, für uns aber, wie auch für andere Reisende günstiger, wenn man Rampen an die Wagen angebracht hätte, aber nein, mein leistet sich lieber die Hublifter warum wohl? So kann man ja zeigen, wie "Hilfsbereit" die Bahn gegenüber den "Behinderten" ist. Wird das nun zurückgefahren, so wird das nicht so bemerkt, denn das andere Bild hat sich schon längst eingebrannt. Nun kann man die Leistung zurückfahren/streichen und da man ja Menschenfreundlich ist, werden keine Leute entlassen, sondern sie werden für die "Sonderdienste" der ersten Klasse ja benötigt!
Ja, es stimmt mich traurig und wenn ich dann mal nicht mehr fahren kann, so sehe ich "URALT AUS!"
Schon jetzt muß ich ja immer zwischen Wohnort und Bahnhof über 30 KM per Taxi zurücklegen um überhaupt weg kommen zu können!
Für mich persönlich würde es einen Verlust der Lebensqualität bedeuten, aber nicht nur für mich, sondern wohl für sehr, sehr viele Behinderte Menschen.
Waltraud David
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten