Kassel (kobinet) Vom 1. - 4. Mai kommen in Kassel ca. 200 Menschen mit Lernschwierigkeiten im Rahmen der Tagung «Unsere Geschichte(n)» im Rahmen des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen zusammen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Stefan Göthling, dem Bundesgeschäftsführer des Netzwerk People First Deutschland über dessen Erwartungen an die vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung geförderte Tagung.
Ottmar Miles-Paul: Herr Göthling, was erhoffen Sie sich von der Tagung?
Stefan Göthling: Ich erhoffe mir von der Tagung ganz viel, da sich viele neue Leute, die wir zum Teil noch gar nicht kennen, angemeldet haben. So hoffe ich, dass sich die Leute auf der Tagung und bei uns wohl fühlen. Dass sie viel Neues lernen und erleben sowie die People First Bewegung stärken werden.
Ottmar Miles-Paul: Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?
Stefan Göthling: Wir erwarten rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und konnten leider nicht alle Anmeldungen annehmen. Die Räume werden jetzt schon aus allen Nähten platzen. Daher ist es uns auch so wichtig, dass über die Tagung aktuell im Internet unter www.people1.de/2003/tagung/berichtet wird.
Ottmar Miles-Paul: Was ist Ihnen bei dieser Tagung besonders wichtig?
Stefan Göthling: Die Tagung ist deshalb sehr wichtig, weil dies unsere erste große Tagung als eigenständiger Verein Netzwerk People First Deutschland ist. Wir wissen genau, dass viele auf uns schauen und gespannt sind, wie das bei uns läuft. Denn es passiert ja nicht jeden Tag, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre eigene Tagung durchführen. Doch wir wollen für uns selbst sprechen ganz im Sinne des Europäischen Jahres, so dass nichts über uns ohne uns passiert. Deshalb sind wir auch froh, diese Tagung im Rahmen des Europäischen Jahres durchführen zu können.
Ottmar Miles-Paul: Was müsste Ihrer Ansicht nach im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen getan werden, damit sich die Situation für Menschen mit Lernschwierigkeiten verbessert?
Stefan Göthling: Der Begriff «geistig Behinderte» muss abgeschafft werden. Das ist eine große Forderung von uns, denn durch diesen Begriff werden wir abgewertet. Mit der Tagung haben wir die Möglichkeit, diese Diskriminierung in der Öffentlichkeit darzustellen und deutlich zu machen, dass wir lieber Menschen mit Lernschwierigkeiten genannt werden wollen. Am Samstag, den 3. Mai führen wir darüber hinaus eine Kundgebung vor dem Kasseler Rathaus unter dem Motto «Reißt die Mauern nieder». Mit dieser Aktion wollen wir im Rahmen der Aktion Grundgesetz zeigen, dass es menschenunwürdig ist, wenn behinderte Menschen, die mit ihren Rollies ohnehin mehr Platz brauchen, zum Teil auf 12 qm Wohnfläche eingepfercht sind und in großen Einrichtungen leben müssen. Oft leben hier die Leute noch ihr Leben lang in Zwei, Drei- und zum Teil sogar in Vierbettzimmern. Wir müssen für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen, so dass auch Menschen mit einem höheren Unterstützungsbedarf selbstbestimmt wohnen können.
(Das Interview führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul)