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kobinet-nachrichten
02.05.2003 - 14:12
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org
Wien (kobinet) Österreichische SchülerInnen recherchieren die Lebensgeschichten jener
80.000 Menschen aus Österreich, die dem Holocaust der
Nationalsozialisten zum Opfer fielen: Juden, politisch Verfolgte, Roma
und Sinti, Behinderte, Homosexuelle, Gläubige ... Als Höhepunkt des Projekts treffen die SchülerInnen am 5. Mai 2003, dem nationalen Gedenktag für die Opfer des
Nationalsozialismus, auf dem Wiener Heldenplatz zusammen.
Sie befestigen ihren «Brief an das Opfer» an einem weißen Luftballon.
Die Farbe Weiß bedeutet im jüdischen Kulturverständnis «dem Vergessen
entreißen». 80.000 Luftballons tragen die Geschichte weiter. Ein Brief
in den Himmel. A Letter To The Stars.
Einer dieser Briefe wurde von drei Schülerinnen der Klasse 4C des
Gymnasiums St. Johann/Salzburg geschrieben. Sie berichten von Hansi
Thaler, der am 12. Juni 1937 in St. Johann geboren wurde. Mit eineinhalb
Jahren erkrankte er an einer Gehirnhaut- und Rippenfellentzündung. «Es
war geradezu ein Wunder, dass er überlebte, denn damals gab es kein
Penicillin und keine Antibiotika. Als Folge dieser schweren Erkrankung
verlor Hansi sein Gehör. «Er war gehörlos, aber nicht stumm», kann man
den Brief entnehmen.
Er konnte keine Gebärdensprache erlernen und hatte auch Gleichgewichts-
und Wahrnehmungsstörungen. «Weil er den Unterschied zwischen einer
ebenen und geneigten Fläche nicht wahrnehmen konnte, musste man dauernd
auf ihn aufpassen. Ab diesem Zeitpunkt war Hansi ein behindertes Kind»,
halten die Schülerinnen fest.
Im Rahmen der NS-Vernichtungsprogramme kam an die Ärzte die
Aufforderung, Kinder mit Behinderungen zu melden. Der Medizinalrat von
St. Johann meldete Hansi als behindert. Daraufhin kam im Auftrag des
Reichsstatthalters von Salzburg der Bescheid, das Kind Johann Thaler zur
Behandlung in die Klinik «Am Spiegelgrund» einweisen zu müssen,
unterschrieben von Dr. Illing, dem damaligen Leiter vom Spiegelgrund.
Bedrückend werden die weiteren Vorgänge geschildert: «Am 25. August 1942
wurde Hansi Thaler abgeholt und nach Wien transportiert. Sein Vater
nahm sich daraufhin einen Fronturlaub, kam von Russland nach Hause und
schrieb am 6. September 1942 an die Anstalt einen Brief mit der Bitte,
ihn bald ausführlich über den Zustand seines Sohnes zu informieren. Drei
Tage später traf die Sterbeurkunde von Hansi ein.»
Hansi Thaler war eines jener Opfer, die zwischen dem 25. August 1940 und
dem 3. Juni 1945 am Spiegelgrund umkamen. Wie die vielen anderen Kinder
wurde er in einem eiskalten Raum untergebracht, kaum ernährt und mit
Luminal (ein Mittel, das die Lungenfunktion schwächt) behandelt, bis er
jämmerlich verhungert und an Lungenentzündung gestorben ist.
60 Jahre später - im April 2002 - wurden seine letzten sterblichen
Überreste in einem Wiener Ehrengrab beigesetzt. «Hansi Thaler gehörte zu
jenen Opfern, denen ihre Gehirne entnommen, in Reagenzgläsern
aufbewahrt und für die medizinische Forschung - auch nach 1945 -
verwendet wurden», halten die Schülerinnen die Vorgänge nach dem Krieg
fest, die sie «zutiefst berührt» haben.
«Es ist schrecklich, was während des 2. Weltkrieges mit Menschen
passiert ist und wir können uns nicht vorstellen, dass die damaligen
Ärzte bzw. Leute mit behinderten Menschen so grausam umgehen konnten»,
berichteten die Schülerinnen. Besonderen Dank sprechen Sie dem Bruder
des Opfers aus, der «einen sehr persönlichen und ergreifenden Eindruck
über Hansis Leiden vermittelte». lad
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