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kobinet-nachrichten 22.01.2007 - 07:55
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Raus aus dem Heim - für alle

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Hollenbach (kobinet) Kürzlich machte Maria Milz Schlagzeilen. Die 100-Jährige zog nach sechs Wochen in einem "Heim" wieder zurück in ihr Haus. Warum die Berichterstattung zum Nachdenken, aber auch zum Handeln motivieren sollte, erklärt Elke Bartz, die Vorsitzende des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen, in einem Interview mit den kobinet-nachrichten.

kobinet: Kürzlich zog Maria Milz aus einem Altenheim zurück in ihr Haus. Elke Bartz, was halten Sie davon?

Elke Bartz: Das finde ich natürlich toll. Aber …

kobinet: Aber?

Elke Bartz: Nun ja, ich habe mal "gegooglet" und gesehen, dass nicht nur die Medien in Deutschland darüber berichtet haben, sondern in etlichen Sprachen in mehreren Ländern.

kobinet: Gefällt Ihnen das nicht?

Elke Bartz: Natürlich ist es gut, wenn über Deutschlands Grenzen hinaus dargestellt wird, dass es selbst sehr alte Menschen nicht lange in einer Einrichtung aushalten und nicht nur unter anderen alten Menschen leben wollen. Maria Milz hat sich ja laut der Zeitungsberichte sehr deutlich darüber geäußert, wie entwürdigt sie das Verhalten einer Pflegerin empfunden hat, die sie wegen ihres Schlafverhaltens dumm angesprochen hat. Der Auszug war nichts anderes als die Verteidigung ihrer Selbstbestimmung und des Rechtes auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit, also eines Grundrechtes. Ich habe in der Zwischenzeit mit etlichen Menschen über den Auszug gesprochen. Deren Reaktionen reichten vom Schmunzeln, über Bewunderung bis zum totalen Verständnis. Aber genau das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

kobinet: Warum?

Elke Bartz: Hier ist eine 100-Jährige nach sechs Wochen zurück in ihr Haus gezogen. Und das ist sehr gut so. Ich denke, das würden viele andere, alte und noch nicht ganz so alte Menschen ebenfalls gerne tun. Doch den allermeisten ist das nicht möglich, egal wie schrecklich sie das Leben im "Heim" empfinden.

kobinet: Warum ziehen die dann nicht ebenfalls aus?

Elke Bartz: Weil sie es in der Regel nicht können. Die Medien haben zwar über den Auszug berichtet, nicht aber, ob oder in welchem Umfang die alte Dame auf Hilfe angewiesen ist. Wer nämlich auf umfangreiche Hilfen beispielsweise in Pflegestufe II oder III angewiesen ist, hat kaum noch Chancen auszuziehen und die Hilfen ambulant zu organisieren. Das "Heim" ist nämlich - zumindest auf den ersten Blick - dann meistens die für den Sozialhilfeträger kostengünstigere Lösung. Hinzu kommt, dass wer ins "Heim" zieht, seine Wohnung auflöst, bzw. auflösen muss, da sie dann ja nicht mehr gebraucht wird. Das heißt, ein Rückzug in die eigene Wohnung ist gar nicht mehr möglich.

kobinet: Was denken Sie, warum Maria Milz der Auszug gelungen ist?

Elke Bartz: Das kann verschiedene Gründe haben: Entweder hat sie genügend Einkommen oder Vermögen, dass sie die "Heim-"kosten ohne den Sozialhilfeträger bezahlen konnte. Dann kann dieser sie auch nicht zum Verbleib im "Heim" durch Verweigerung der Kostenübernahme für eine ambulante Versorgung zwingen. Oder das Haus gehört nicht ihr sondern Verwandten, die sie wieder bei sich aufgenommen haben. Und sie braucht dazu vielleicht nur wenig Hilfe, die sie auch außerhalb eines "Heimes" unproblematisch organisieren kann.

kobinet Ein Ausnahmefall also?

Elke Bartz: Leider ja. Die meisten, vor allem alte Menschen, verlassen die "Heime" meistens nur in einer schmalen, langen Kiste mit einem Auto, an dessen Seitenscheiben Palmwedel zu sehen sind. Sie haben aus den zuvor genannten Gründen fast keine Chance, wieder zurückzuziehen, es sei denn sie bekommen tatkräftige Unterstützung durch dritte.

kobinet: Muss sich das ändern?

Elke Bartz Natürlich. Es darf nicht sein, dass jungen aber auch alten Menschen das Leben mitten in der Gemeinde verweigert wird, nur weil sie auf personelle Hilfen angewiesen sind. Nicht umsonst führen wird die Kampagne "Marsch aus den Institutionen- Reißt die Mauern nieder durch". Diese Kampagne hat das Ziel, dass niemand mehr in einem "Heim" leben muss und dass mittelfristig alle "Heime" verschwunden sind. Wir brauchen ambulante Angebote, damit Maria Milz als eine von wenigen ihr Recht wahrnehmen und in ihrer Wohnung leben kann.

 


kobinet: Der "Marsch aus den Institutionen … " ist nicht mehr die einzige bundesweite Aktion. Hat ForseA Konkurrenz bekommen?

Elke Bartz: Nein, auf keinen Fall. Wir sind keine Konkurrenz für die von Silvia Schmidt, der behindertenpolitischen Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion ins Leben gerufene Initiative "Daheim statt Heim". Vielmehr ergänzen wir uns und kooperieren. Ich habe mich gleich als eine der Erstunterstützerinnen auf die Liste setzen lassen. Wir können gar nicht genug Aktivitäten mit dem gemeinsamen Ziel haben. Wichtig ist die Zusammenarbeit.

kobinet: Wie geht es nun weiter?

Elke Bartz: Nun alles, was dem Erreichen unserer Ziele dient, ist hoch willkommen. Wichtig ist es unter anderem, positive Beispiele zu benennen, bei denen alten und behinderten Menschen geholfen wurde aus "Heimen" auszuziehen oder erst gar nicht einziehen zu müssen. Damit müssen wir den Zweiflern, die immer noch meinen, es müsste "Heime" geben, beweisen dass es auch anders geht. Außerdem müssen wir all diejenigen, beispielsweise durch Vernetzung, Beratung und Möglichkeiten zum Informationsaustausch unterstützen, die fantasievolle, ambulante und menschenwürdige Angebote schaffen wollen.

kobinet: Ich danke für das Gespräch.

Das Interview führte Ottmar Miles-Paul.
 

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