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11.06.2007 - 07:04

Teuer, demütigend und aus Prinzip unsozial.

Berlin (kobinet) Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert heftig die Zweiklassenmedizin in Deutschland. Kassenpatienten werden benachteiligt. Sie zahlen überproportional für ihre medizinische Versorgung und werden dennoch sehr viel schlechter behandelt als Privatpatienten. Das schreibt der sozialdemokratische Politiker in seinem neuen Buch "Der Zweiklassenstaat", aus dem das Nachrichtenmagazin Spiegel (11.6.07) vorab Auszüge veröffentlichte. Der Bundestagsabgeordnete, der gegen die Gesundheitsreform der großen Koalition stimmte, stellt das Buch am 14. Juni in Berlin vor.

Das entscheidende Versagen der im Frühjahr verabschiedeten Gesundheitsreform ist nach Ansicht von Lauterbach, dass die Zweiklassenmedizin nicht abgebaut, sondern sogar verstärkt wurde. Es sei eine Schande, dass der deutsche Staat die Kluft zwischen Arm und Reich noch vergrößert, statt für einen gerechten Ausgleich zu sorgen.

"Wer glaubt, man könne auch als gesetzlich Versicherter persönlich bei den renommierten Chefärzten einer Universitätsklinik vorsprechen, möge nach der Lektüre dieses Textes den Selbstversuch starten", meint Lauterbach. "Die erste und für 90 Prozent der Anrufer auch letzte Frage des Sekretariats wird lauten, ob man privat versichert sei. Muss man verneinen, ist der Kontakt zum Arzt gescheitert, bevor der zustande kam."

Das System der Zweiklassenmedizin zeigt nach Ansicht des Experten nicht nur enttäuschende Behandlungsergebnisse im internationalen Vergleich, es ist zudem höchst ungerecht finanziert. "Die Beiträge werden fast nur von abhängig Beschäftigten und von Rentnern erbracht. Das sogenannte Solidarsystem wird bei näherer Betrachtung völlig unsolidarisch bezahlt, weil Einkommen aus Kapitalvermögen, Vermietung, Verpachtung und aus selbständiger Tätigkeit nicht oder nur zu einem geringen Teil berücksichtigt werden. Der Staat könnte diese Einkommen entweder direkt für Beiträge heranziehen oder zusätzliche Steuern zur Senkung der Beitragssätze erheben."

Zum Glück gebe es auch Ärzte, so Lauterbach, die nicht von der Zweiklassenmedizin korrumpiert werden und alle Patienten gleich behandeln. Die Zweiklassenmedizin bestrafe aber ausgerechnet die Ärzte, die das größte soziale Engagement mitbringen und bewusst in schwierigen Städten oder Armenvierteln arbeiten. Ärzte, die in den Stadtteilen praktizieren, in denen es viele Problempatienten und wenig Privatversicherte gibt, seien in jeder Beziehung die Verlierer des Systems.

"Chancenlos in die falsche Familie geboren, nach schlechter Bildung arbeitslos und auf Hilfe des Staates angewiesen, bald schon unnötig erkrankt, dann arm und früh gestorben - das klingt wie ein schlechtes Drehbuch. Es ist aber zunehmend die Wirklichkeit für all jene Menschen, die ohne jedes Privileg in Deutschland geboren werden. Der Staat schafft eine Klasse systematischer Verlierer". Dies ist das bittere Fazit in Karl Lauterbachs neuem Buch, so der Rowohlt Berlin Verlag, wo "Der Zweiklassenstaat" erscheint. sch

224 S., HC
Euro 14,90 / sFr 27,30
ISBN 978-3-87134-579-1
 

 
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