
Von kobinet-Korrespondent Franz Schmahl
Berlin (kobinet) Vor etwa einem Jahr entschied der frühere PDS-Landtagsabgeordnete Uwe Adamczyk in Meerane nach einem Brandanschlag, die sächsische Stadt für immer zu verlassen. Neonazis, die schon hinter vorangegangenen Attacken gegen den Kommunalpolitiker vermutet waren, verunglimpften den mehrfach Behinderten darauf mit üblen Tiraden (kobinet 15.10.06). Der 45-Jährige lebt heute in Zwickau und hat weiter zu kämpfen.
Der letzte Anschlag auf das Haus Adamczyks in Meerane wird ein Fall für das Landgericht Chemnitz. Nach zwei Verhandlungstagen hat das Jugendschöffengericht des Amtsgerichtes Hohenstein-Ernstthal kürzlich den Fall an die höhere Instanz verwiesen, da es sich um ein Tötungsdelikt handeln könnte. Die Staatsanwaltschaft hatte einen 19-Jährigen zunächst nur wegen schwerer Brandstiftung angeklagt. "Der Angeklagte ist verdächtig, dass er ein Ausbreiten des Feuers billigend in Kauf genommen hat. Er wusste, dass sich in dem Gebäude Personen befanden, die zur Rettung auf fremde Hilfe angewiesen sind", begründete die Richterin ihre Entscheidung. Ohne die Hilfe von Freunden hätte der schwer behinderte Rollstuhlfahrer verbrennen können. Auch zwei weitere Mieter waren in höchster Gefahr.
Zum Gerichtsverfahren in Hohenstein-Ernstthal musste sich Adamczyk von einem Freund im Auto hinfahren lassen, da die Deutsche Bahn nach Auskunft ihrer Mobilitätsservicezentrale eine barrierefreie Beförderung von Zwickau nach Hohenstein-Ernstthal nicht gewährleisten kann. Seit Jahresbeginn fährt der Hartz-IV-Empfänger nicht mehr mit dem Auto und ist auf die Bahn wie die anderen öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Ihm wurde von der Bahn der Vorschlag gemacht, einen anderen Ankunftsbahnhof zu wählen und von dort aus dann mit Bus oder Taxi oder Behindertenfahrdienst nach Hohenstein-Ernstthal zu fahren. "Das empfand ich dann schon ein wenig dreist", meinte Adamczyk in einer Mail an kobinet.
Vor dem neuen Prozess, der möglicherweise erst 2008 in Chemnitz stattfindet, tun sich neue Schwierigkeiten auf. Der Linke kennt sie aus ehrenamtlicher Tätigkeit, die ihn als Mitglied des Landesvorstands im Sozialverband VdK oft nach Chemnitz ruft. Für den Bahnhof in Zwickau gilt eine zeitliche Begrenzung (ich muss in der Woche bis 19:00 auf dem Bahnhof ankommen, am Wochenende sogar bis 18.00 Uhr und früh könnte ich nicht vor 8.00 Uhr fahren, da sonst kein Personal vorhanden sei). Auch der Hauptbahnhof Chemnitz ist nach Auskunft der Mobilitätszentrale nicht mehr sicher, Ein- und Aussteigen an den Bahnsteigen 11, 12 und 13 nicht möglich. Adamczyk konnte deswegen im September an der Landesvorstandssitzung des VdK in Chemnitz nicht teilnehmen und fühlt sich letztendlich an der Ausübung seiner ehrenamtlichen Tätigkeit durch die Deutsche Bahn behindert.
Uwe Adamczyk schrieb am 12.10.2007, 13:15
Was die sächsischen Kommunen bzw. Landkreise betrifft - da schaut man zuerst auf den eigenen Geldbeutel. Und das Sächsische Gleichstellungsgesetz appeliert ja auch nur an die Vernunft in den Kommunen und Landkreisen für eine barriefreiheit in ihren Örtlichkeiten einzutreten. Durchaus gibt es sicher auch positive Ansätze, aber diese scheinen sich eher unter den KolegInnen Bürgermeister, Oberbürgermeister und Landräten oder im Sächs. Städtetag und Landkreistag nur mangelhaft rumzusprechen. Die Bedürfnisse insbesondere der Menschen mit Behinderungen kosten ja Geld, und da man dieses angeblich nicht hat kann man sich auch nicht dafür einsetzen. Mag für manchen vielleicht nicht zutreffen, aber letzendlich habe ich dieses auch so noch in Erinnerung aus den Stellungnahmen zum damaligen Gesetzentwurf der PDS und SPD im Sächs. Landtag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.
Ihre Idee von Arbeitskreisen finde ich gut, vielleicht bringt es ja zusätzlich etwas wenn man vor Ort in den Lankreisen solche Arbeitskreise mit etablieren kann. Die Deutsche Bahn ist nur ein Problem was wir haben, noch viel schlimmer sieht es aus beim Busverkehr, vielleicht auch bei den Strassenbahnen und im Bereich der lokalen Behindertenfahrdienste. Gern würde ich mit Ihnen Kontakt aufnehmen Herr Kohlhaas was Ihren Arbeitskreis in Ostsachsen betrifft.
Mit freundlichen Grüßen
Uwe Adamczyk
Uwe Adamczyk schrieb am 12.10.2007, 13:13
Ja Herr Peter Kohlhaas ich gebe Ihnen in Ihrer Aussage grundsätzlich Recht. Das dokumentieren von Problemen im Bereich Mobilität (und so verstand ich meinen Beitrag) hier auf KOBINET ist eine Seite und auch eine sehr wichtige Seite um Öffentlichkeit zu informieren und auch zu sensibilisieren.
Die andere Seite ist die Tätigkeit vor Ort. Ich weiß daß der VdK in Sachsen in einem ehrenamtlichen Gremium vertreten ist wo es um Probleme bei der DB geht. Die Problematik Probleme in der Mobilität werden auch bei uns im Landesvorstand durchaus besprochen - ich gebe persönlich durchaus zu vielleicht nicht immer ausgiebig und ergebnisorientiert - aber es ist auch nicht immer für jeden ganz einfach. Ich denke manchmal fehlt es uns auch darann das wir zu wenig von den Problemen vor Ort informiert werden, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß man am überzeugendsten argumentieren kann wenn man Beispielfälle diskutiert oder aus der eigenen Betroffenheit heraus argumentiert.
Auch ich bin es leid mir ständig die Ausreden von den Mitarbeitern der Mobilitätszentrale bzw. der Mitarbeiter bei der DB gefallen lassen zu müssen. Es sind für mich nur Ausreden wenn man erklärt, sie können ja nichts dafür wenn von oben die Stellen gestrichen werden, oder wenn zu wenig finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ich selbst entgegne diesen Leuten auch immer in dem ich ihnen auch einfach sage, wenn sie bei der DB arbeiten dann tragen sie auch selbst mit Verantwortung und können sich nicht nur auf ihr abhängiges Arbeitsrechtsverhältnis berufen. Ich selbst habe bisher nicht erleben können, das sich die Mobilitätszentrale oder andere vorallem im Servicebereich tätige Mitarbeiter auf die Seite der Menschen mit Mobilitätbeeinträchtigungen stellen und gemeinsam mit den Betroffenen für Barrierefreiheit kämpfen sondern immer abgewiegelt wurde auf die sogenannten Verantwortlichen bei der DB. Auch Vertreter der Gewerkschaften habe ich leider auch noch nicht dazu hören können, ich weiß nicht mal ob diese vielleicht KOBINET nichteinmal kennen.
ENDE TEIL 1
Peter Kohlhaas schrieb am 11.10.2007, 16:41
Zu dem angesprochenen Thema Bahn.
An alle: Lesen Sie doch aufmerksam Kobinet durch, auch die Leserbriefe.
Man kann doch mitbekommen, wie schwierig das Verhältnis zu mobiltätseingeschränkten Kunden ist.
Sicher ist es nicht einfach für so einen großen Konzern, für die Bahn "kleinere" Probleme, sprich kleinere Bahnhöfe, zu erkennen und auch darauf richtig zu reagieren. Nehmen Sie nur die "Ausreden",
wie zu hohe Kosten, kein Personal, keine Technik und schließlich das Eisenbahner-Bundesamt.
Frage: Was macht der BAR, der Stadtetag, unsere Kommunal-, Landes-, oder Bundespolitiker, Behindertenverbände und -Vereine - auf jeden Fall zuwenig.
Lösung ist nicht unbedingt die Antidiskriminierungsstelle, sondern einen offiziellen und schlagkräftigen bundesweiten Arbeitskreis, der sich ausschließlich mit den Bahn-, evtl. ÖPNV-Problemen und einbezogen die Verkehrsverbünde, intensiv beschäftigt, für die DB mit entsprechenden Ansprechpartnern wie z.B. Frau Engel.
Herrn Uwe Adamczyk bitte ich da er ja im LV-Vorstand ist, hier ebenfalls in diese Richtung zu marschieren, d.h. beim LV den Bereich Mobilität, bzw. Barrierefreiheit, mehr zu aktivieren, wie wir das mit dem VdK Arbeitskreis Mobiltät Ostsachsen nun machen.
Jede Einzelperson ist doch ein "Würstchen", besonders für die Bahn.
Verein ohne Barrieren e.V.
Peter Kohlhaas
ursula lehmann schrieb am 11.10.2007, 00:03
es kommt leider nicht bei den Verantwortlichen an, wenn wir unsere Ausgrenzungen nur unter uns kritisieren und diskutieren. Ich möchte alle Geschädigten ermutigen, Eingaben bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu machen und die behindertenpolitischen Sprecher aller Fraktionen davon in Kenntnis zu setzen. Da muss Bewegung rein, in Deutschland wurde schon einmal Schlimmes verschwiegen. Hebt den Arsch hoch, macht den Schnabel auf und stellt Öffentlichkeit her.
herzliche Grüße USCHI