
Von kobinet-Korrespondent Keyvan Dahesch
Bad Kissingen (kobinet) Judith Faltl ärgert sich, dass oft blinde Menschen nicht selbst, sondern ihre Begleiter angesprochen werden.
"Wenn man uns fragt, antworten wir gerne, was wir möchten und wie wir im Leben zurecht kommen", sagt die 38-jährige Software-Entwicklerin. Mit nur 2 Prozent Sehvermögen geboren, erblindete sie mit 12 Jahren. Von den Anstrengungen im Beruf und Ehrenamt erholt sich die mittelgroße Frau mit den langen dunklen Haaren beim Klettern in den Bergen, Ski- und Tandem-Fahren. Um Leistungen, Kreativität, Wünsche und Probleme sehgeschädigter Menschen in Beruf und Freizeit zu dokumentieren, hatte der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) unter dem Motto "Gemeinsam weitersehen" im öffentlichen Teil seiner am Samstag zu Ende gegangenen Landestagung mehrere Talkrunden anberaumt. Über ihre Erlebnisse plauderten die als Beispiele ausgewählten Frauen und Männer mit Eberhard Schellenberger vom Bayerischen Rundfunk.
"U.a. bereite ich die Reden des Landrates vor und recherchiere die nötigen Fakten auch im Internet", berichtete Christian Dellert. Seit Geburt hochgradig sehbehindert, arbeitet der 25 Jahre alte Verwaltungswirt beim Landratsamt Mittelfranken. Ehrenamtlich redigiert und moderiert er das Jugend-Hörmagazin des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes (BBSB) auf Tonkassette. Bei der Berufswahl merkte er, wie eingeschränkt die Möglichkeiten für stark sehgeschädigte Menschen sind. Regina Böttscher, die durch Netzhautzerstörung seit 1985 nicht mehr sehen kann, leitet seit 17 Jahren in Passau einen Stammtisch für blinde oder sehbehinderte Menschen. Mit eigenem Verhalten ermutigt die 72jährige Mutter zweier Töchter und sieben Enkelkinder die neu zu diesem Handicap gekommenen Frauen und Männer. "Mein Mann, mit dem ich seit 55 Jahren verheiratet bin, war mir eine wertvolle Stütze", betonte Regina Böttscher.
Das Würzburger Elternpaar Andrea und Erwin Schmitt - er fast blind, sie sehbehindert - bekam von Freunden und Nachbarn Hilfe bei der Betreuung des Sohnes Daniel. Die Frage, wann er die Behinderung der Eltern bemerkt habe, beantwortete er: "Wahrscheinlich mit vier jahren, weil mein Vater mich nicht gleich entdeckte, wenn ich mich versteckt hatte." Doch hatte der heute 14 Jahre alte Junge es schwer, seinen gut hörenden Vater hinters Licht zu führen, schmunzelte Daniel. Heike Thoma aus Lauenstein kam völlig aus der Fassung, als sie von der angeborenen Blindheit ihres Sohnes Rafael erfuhr. "Aber nach einr Woche Aufmunterung durch Verwandte war alles vergessen", berichtete sie. Heute freuen sich Vater, Mutter und die ältere sehende Schwester, wenn der achtjährige Rafael am Wochenende von der Blindenschule in Nürnberg nach Hause kommt. Lieber wäre es Ihnen, wenn der aufgeweckte Junge im Heimatort eine Allgemeine Schule besuchen könnte.
BBSB-Chefin Judith Faltl besuchte die Blindenschule in Nürnberg. Vor dem Abschluss mittlere Reife Fachrichtung Wirtschaft war sie ein Jahr Austausch-Schülerin am Overbroockscool in Philadelphia (USA). Nach einer Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau in der Stiftung Rehabilitation in Heidelberg arbeitete sie vier Jahre bei der Programmservice GmbH der Stiftung Pfennigparade in München. Seit 1996 ist sie bei der Firma MSG-Systems AG tätig: "Ich arbeite hauptsächlich beim Kunden, habe aber auch die Möglichkeit, alle Systeme über DSL von zu Hause aus zu bedienen", sagte Faltl, die oft zum Produktionsbeginn um 4.30 Uhr ins Geschehen eingreifen muss.
Der Geschäftsführer des BBSB Christian Seuß bemängelte, dass es nicht genügend Spezialpädagogen zur Unterstützung sehgeschädigter Kinder an den Allgemeinen Schulen gebe. An die bayerische Landesregierung appellierte der in der Jugend erblindete Jurist, die Bayerische Blindenhörbücherei in München bei der Digitalisierung ihres Buchbestandes finanziell zu unterstützen. Die wiedergewählte Landesvorsitzende Judith Faltl hob die bundesweit einmaligen Hilfen in Bayern für sehgeschädigte Menschen hervor. "Unsere ambulanten Rehadienste bringen erbllindeten Menschen bei, wie sie mit der neuen Situation fertig werden können." Die Sozialdienste führen blinde und sehbehinderte Frauen und Männer durch den Dschungel der Vorschriften. "75 Prozent der nötigen Mittel für diesen Service gibt die Landesregierung, den Rest bringen wir selbst auf", erklärte Faltl.
Blinde oder sehbehinderter Menschen haben nach Angaben von Sozialstaatssekretärin Melanie Huml (CSU) nur geringe Chancen, eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt zu finden. "Die jahrelange Erfahrung zeigt, dass die Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt in vielen Fällen schwierig ist", sagte Melani Huml. Der Freistaat bemühe sich mit der Aktion "Job 4000" gemeinsam mit kommunalen Behindertenbeauftragten und Arbeitsagenturen verstärkt um Stellen für Menschen mit Behinderungen. omp