
Igersheim (kobinet) Entgegen aller Wünsche und Bedürfnisse nach ambulanten Strukturen, soll bereits im Januar der Spatenstich für ein neues Pflegeheim im baden-württembergischen Igersheim getätigt werden.
Mit "Jetzt werden Nägel mit Köpfen gemacht: Der Startschuss für das neue Pflegezentrum in Igersheim auf dem ehemaligen Hock-Gelände soll noch im Januar erfolgen...", beginnt der heutige Artikel der Fränkischen Nachrichten. Waren in dem, mit beschönigendem Begriff bezeichneten, "Pflegezentrum" ursprünglich 88 Zimmer mit 102 Betten vorgesehen, sollen es nun 102 Zimmer mit 114 Betten werden.
Bereits am 7. September hatte Silvia Schmidt (MdB), Initiatorin der Bundesinitiative "Daheim statt Heim", ihr Bedauern darüber geäußert, dass statt in ambulante, wieder einmal eine in stationäre Versorgung investiert würde. In einem Brief an Schmidt vom 18. September wies Igersheims Bürgermeister Manfred Schaffert die Verantwortung für den geplanten Bau von sich. Er schrieb unter anderem: "… bezugnehmend auf Ihr Schreiben vom 7.09.07 teile ich Ihnen mit, dass in Igersheim von einer Investorengruppe ein Pflegeheim ohne jegliche öffentliche Förderung gebaut wird. Die Gemeinde Igersheim ist nicht Trägerin dieser Baumaßnahme… Es handelt sich hier um ein integriertes Konzept bestehend aus behindertengerechten Eigenheimen, Wohnungen und Pflegeheimplätzen. Wir sind der Meinung, dass dieses mit der Gemeinde abgestimmte Konzept durchaus zukunftsweisend ist, zumal hier Alt und Jung nebeneinander und miteinander leben können. Auch messen wir dem Grundsatz, ,ambulant vor stationär' in Igersheim die ihm gebührende Bedeutung zu. Allerdings wird es sicherlich immer einen gewissen Prozentsatz von Pflegefällen geben, bei denen eine Unterbringung in einem Pflegeheim unumgänglich ist…".
Dazu Elke Bartz, Vorsitzende des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA e.V.): "Wenn es für die künftigen 'Geldbeschaffer', nämlich die Insassen des 'Pflegezentrums' nicht bitterer Ernst wäre, könnte man über den Brief des Igersheimer Bürgermeister nur den Kopf schütteln. Hat er sich nie gefragt, warum ein - oder hier sogar mehrere - private Investoren auf einen Markt drängen, der angeblich ein Zuschussgeschäft ist? Es ist ganz schön einfach, die Verantwortung für ein Aussonderungsgetto von sich zu weisen, weil man ja schließlich nicht selbst baut". Andere Städte, wie beispielsweise Kassel, hätten bewiesen, dass die Stadtverwaltung sehr wohl Einfluss darauf nehmen kann, ob auf ihrem Territorium neue "Heime" gebaut werden oder nicht.
"Und Schaffert macht - vermutlich unbewusst - deutlich, was er denkt, denn er schreibt in seinem Brief nicht von alten und pflegebedürftigen Menschen. Nein, für ihn sind es 'Pflegefälle'. Das mag umgangssprachlich sein, entmenschlicht und versachlicht aber die betroffenen Menschen", sagt Bartz. "Außerdem frage ich mich was 'die gebührende Bedeutung' von 'ambulant vor stationär' ist. Das kann alles oder nichts bedeuten. Herr Schafferts Äußerungen bestätigen mir wieder einmal mehr, dass es kompromisslos heißen muss 'ambulant statt stationär'". Sie sei gespannt, ob der Bürgermeister nicht einer der "Spatenstecher" des von ihm nicht zu verantwortenden "Pflegezentrums" sein wird. hjr