
Berlin/Hollenbach (kobinet) Gestern Abend berichtete das ARD-Magazin Kontraste über die Situation von Kindern und Jugendlichen, die ihre chronisch kranken und behinderten Eltern pflegen. Bei kobinet-Redakteurin Elke Bartz hat der Bericht widersprüchliche Gefühle geweckt (kobinet 17.1.07). elba
Kommentar von kobinet-Redakteurin Elke Bartz
Es ist ein für viele unbekanntes Thema, das durch den Kontraste-Bericht endlich ein stückweit an die Öffentlichkeit geholt wurde: Die Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen, die ihre chronisch kranken und behinderten Eltern pflegen. Der Bericht zeigte deutlich, mit welchen physischen aber auch emotionalen Belastungen es einhergeht, wenn nicht die Kinder sondern die Eltern diejenigen sind, die Hilfe benötigen.
Ebenso deutlich wurde es, dass die pflegenden Kinder und Jugendlichen häufig mit ihren Sorgen und Ängsten völlig allein gelassen werden, teilweise auch, weil sie sich niemandem anvertrauen (können). Ihre Eltern wollen sie nicht damit belasten. Je nach Mentalität äußert sich diese Einsamkeit in vollständiges Zurückziehen oder Aggressionen sowie mit Leistungsabfall in der Schule. Dazu kommen das Wissen, dass es keine Heilung gibt und die Ängste, den Vater oder die Mutter durch die fortschreitende Erkrankung zu verlieren.
Es wird unmissverständlich klar, dass den betroffenen Kindern und Jugendlichen ein Teil ihrer Kindheit gestohlen wird, weil sie gezwungen sind, viel zu früh nicht nur Verantwortung für sich, sondern auch für ihre Eltern zu übernehmen. Und auch für die Eltern ist es unendlich schwer, die Hilfe ihrer Kinder anzunehmen und zu wissen was sie ihnen zumuten.
Doch dann stellt sich die Frage, warum es - zumindest vermeintlich - niemanden gibt, der die betroffenen Familien berät und ihnen Hilfsangebote macht. Niemand scheint hier zu vermitteln, dass über persönliche Assistenz oder Hilfsdienste Entlastung für alle Beteiligten erfolgen könnte. Mangelnde Beratung kann da eine Ursache sein. Eine andere aber mag sein, dass alles, was über die unzureichenden Leistungen der Pflegeversicherung hinausgeht, einkommens- und vermögensabhängig ist. Das heißt also auswählen zu müssen, ob die Hilfe der Kinder und Jugendlichen weiter in Anspruch genommen wird, oder ob die gesamte Familie ihr Leben auf Sozialhilfeniveau fristen muss. Und selbst wenn letzteres zu Lebzeiten der Eltern in Kauf genommen wird, kann nach deren Tod das Leben der zurückbleibenden Kinder mit einer großen Hypothek belastet sein. Denn wenn die Sozialhilfeleistungen entsprechend hoch waren, müssen die Kinder unter Umständen diese Leistungen noch jahrelang zurückzahlen.
Es war wichtig, diesen Beitrag zu senden. Doch hätte er noch sehr viel besser auf einzelne Aspekte (siehe oben) eingehen müssen. So dargestellt, kann er als "Wasser auf die Mühlen" der Jugendämter missbraucht werden. Häufig wenden sich nämlich behinderte und chronisch kranke Eltern nicht mit der Bitte um Hilfe an die Behörden, weil sie befürchten, dass man ihnen sonst ihre Kinder wegnimmt, da man ihnen unterstellt, ihrem Erziehungsauftrag nicht gerecht zu werden.
Diese Ängste der Eltern sind nicht unbegründet. Denn obwohl Recht und Rechtsprechung eindeutig vorschreiben, dass erst alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sein müssen, bevor Eltern und Kinder voneinander getrennt werden, nehmen Jugendämter, unter dem Vorwand des Kindeswohls, die Kinder oft viel zu früh aus ihren Familien heraus. Die Unterbringung in einer Pflegefamilie mag ja kostengünstiger sein als umfangreiche Assistenz. Ist sie deshalb aber menschenwürdiger?
Und zu Zeiten, in denen die Medien das Thema Vernachlässigung von Kindern - sicher zu Recht - aufgegriffen haben, kann man davon ausgehen, dass die Jugendämter unter der Angst Fehler zu begehen, noch schneller überreagieren.
So bleibt nur, das Thema nicht "im Sande verlaufen" zu lassen, sondern es sachlich darzustellen und Beratung und Hilfen zu leisten, damit sich die Lebenssituationen sowohl der Kinder und Jugendlichen als auch der Eltern verbessern.
elisabeth Wirthensohn schrieb am 20.01.2008, 15:38
Es kommt vor, dass Jugendämter chronisch kranke, behinderte Eltern "versuchen diese zu pathologisieren", Ihnen "Defizite vorhalten" "eingeschränktes Elternverhalten", bis hin zu dem Versuch, Therapeuten ins Gespräch bei der Behörde "einzuladen", weil sich das Verhalten der behinderrten Eltern auf das Kind übertragen würden. Zum Glück ist der Therapeut Arbeitgeber/Auftraggeber der behinderten Eltern.
Es ist für behinderte Eltern schon belastend z.B. auf "die Inanspruchnahme von einer sozialhilferechtlich finanzierten Haushaltshilfe" angewiesen zu,zu sein.
"Elternassistenz" über Eingliederungshilfe/Jugendhilfe zu erstreiten, ist sehr "Kräfte verzehrend".
Selbst Familienrichter neigen dazu, behinderten Eltern nicht das alleinige Sorgerecht zugestehen zu wollen, bieten den Eltern an, eher deren Kind in "Heimerziehung abzugeben", bis hin zur Anwendung von Druckmitteln....
Dies ist meine persönliche Erfahrung als alleinstehende behinderte, chronisch kranke Mutter.....
Grüsse, Elisabeth Wirthensohn
Kerstin Blochberger schrieb am 18.01.2008, 20:06
Dank dir Elke,
du sprichst das aus, was ich in der Sendung gern untergebracht hätte. Ich hoffe auch, dass dass Thema nicht wieder schnelle im Sande verläuft. Deshalb die Bitte an alle Betroffenen Eltern und Kinder, trotz der angst, die ich gut verstehen kann: Macht auf euch aufmerksam, stellt Anträge auch wenn das Kraft kostet, die so kostbar ist. Kinder deren Eltern sich persönliche Assistenz erstritten haben, belastet die Situation nicht so schwer. Sie können von ihren Eltern dadurch auch lernen, dass man Hilfen von "Fremden" annehmen kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Die Einkommensgrenzen sind tatsächlich für viele Eltern ein Hinderniss, Anträge zu stellen. Und die Kraft und Zeit geht dabei mitunter viel verloren, gerade wenn man mit kleinen Kindern den Alltag bewältigen muss, ist jeder Behördenweg einer zuviel.
Gruß Kerstin