Berlin (kobinet) Speziell Reisende, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, bleiben bei der Deutschen Bahn oft auf der Strecke. Das Fernsehmagazin "Kontraste" machte vergangene Woche detailliert auf die Schwachpunkte aufmerksam (Bahn fahren mit Hindernissen). Was hat das Bahnprogramm zum barrierefreien Reisen vom Juni 2005 gebracht, fragt heute kobinet. Die Redaktion möchte wissen, ob die Leserinnen und Leser dieses Nachrichtendienstes seitdem besser oder schlechter mit der Deutschen Bahn unterwegs sind.
"Menschen mit Behinderungen stellen für die Deutsche Bahn AG eine bedeutende Kunden- und damit Zielgruppe dar, deren spezifische Bedürfnisse bei der strategischen Ausrichtung, der Produktentwicklung und Serviceimplementierung jetzt und in Zukunft grundsätzlich berücksichtigt werden", heißt es bei dem einstigen Staatsunternehmen, das nach dem Willen von Bahnchef Hartmut Mehdorn möglichst noch 2008 an die Börse gehen soll. Bei dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und im Beisein von Vertretern der Behindertenverbände hatte Mehdorn im Sommer 2005 eine mit viel Vorschusslorbeeren begleitete Mobilitätsoffensive angekündigt (kobinet 24.6.05).
Peter Kohlhaas vom Verein ohne Barrieren in Ostsachsen hat den Damen und Herren der Bahn schon geschrieben, dass sie das Papier, das behinderte Reisende als eine wichtige Kundengruppe bezeichnet, "in die Mülltonne kloppen" könnten. "Was Frau Engel hier an Entgegnung vorbringt, ist die volle Lachnummer, wenn es nicht so traurig wäre", kommentierte der Rollstuhlfahrer aus Neugersdorf deren Antworten auf Fragen der Kontraste-Reporter nach dem Abbau von Servicepersonal auf Bahnhöfen. Und zum Thema Mobilitätsservicezentrale scheint ihm jeder Kommentar überflüssig: Nur bis 20 Uhr erreichbar, Samstag nur bis 16 Uhr, sonntags überhaupt zu. sch
Heinz-Werner Einhoff schrieb am 11.02.2008, 21:32
Ich habe zu 90% positive Erfahrungen bzgl. meiner Bahnreisen gemacht. Da nun auch unser Provinzbahnhof in Lippstadt einen Aufzug hat, kann ich mein "stinke"-Auto immer öfter stehen lassen. Trotzdem gibt´s natürlich noch was zu tun...
Arnd Hellinger schrieb am 11.02.2008, 17:28
Die Aussage Gregor Müllers, bei der DB AG - diese ist übrigens "nur" eine Holding und den operativen Bahnbetrieb teilen sichh ca. 25 Tochterunternehmen - handelr es sich um ein in erster Linie den Regeln des Kapitalmarktes unterworfenes Wirtschaftsunternehmen, greift etwas zu kurz. Dabei stimme ich Hern Müller jedoch insoweit zu, als es im Hoheitsbereich der DB seit etwa 1988 schon deutliche Verbesserungen bezüglich der Barrierefreiheit gegeben hat - wer damals z.B. als Rollstuhlnutzer mit Eilzügen (heute RE) von Bochum nach Bielefeld oder von Mainz nach Mannheim bzw. umgekehrt "reisen" wollte, wurde wie Gepäck befördert, wenn überhaupt...
Für derlei Verbesserungen (neue Doppelstockzüge mt Einstieghilfe, Aufzpge zu Bahnsteigen etc.) bekommen die Unternehmen der DB allerdings öffentliche Investitions-Beihilfen und zwar _zusätzlich_ zu den im SGB IX geregelten Erstattungen für die Gratisbeförderung von Wertmarkeninhabern, Assostenten und Blindenführhunden, die je nach Vorhaben von Bund oder lokalem Verkehrsverbund getragen werden. Wer jetzt aber diese Gelder verteilt, sollte schon - etwa durch das Vorschreiben von Zugbegleitern und/oder Bahnsteigaufsichten - darauf achten, dass die finanzierten Einrichtungen auch jederzeit nutzbar sind. Das schafft bzw. sichert nebenbei auch noch Arbeitsplätze und nützt allen Fahrgästen.
Solange der Bund als Eigentümer von seiner Bahn jedoch nur Rendite und Börsenfähigkeit - im Aufsichtsrat akzeptiert der Vertreter Tiefensees regelmäßig alle Sparpapiere Mehdorns - fordert, muss die DB handeln, wie sie leider handelt. In dieser Situation von der Bahn sofort, überall und jederzeit vollständige Barrierefreiheit zu verlangen, ist ungefähr so, als erwarte man von einem E-Rollstuhlfahrer in einer Stunde 10 km weit zu fahren, obwohl man ihm aus kosstengründen nur einen 6 km/h schnellen Rolli zur Verfügung stellt.
Die Politik muss also der DB diie Vorgabe machen, dass Barrierefreiheit und Kundenservice im Zweifel Vorrang gegenüber Profitstreben haben. Dann darf man aber den Konzern auch nichtt privatisieren wollen und muss bereit sein, Defizite aus Steuermitteln auszugleichen...
Gregor Müller schrieb am 11.02.2008, 14:29
Wieso wird immer nur gemeckert? Anstatt froh zu sein, dass ein Wirtschaftsunternehmen solche Dienste anbietet (gegenüber manchen europäischen Eisenbahnen ist das Top).
Markus Zimmermann schrieb am 11.02.2008, 14:24
Neulich versuchte ich, rechtzeitig Umsteigehilfe über die Mobilitäszentrale elektronisch zu Buchen. Am Ende der umfangreichen Eingabemaske angelangt, kam die Meldung "Probleme bei der Datenverschlüsselung". Also die kostenpflichtige 0180-Nummer angerufen und nachgefragt. Ich wurde an technischen Dienst mit einer neuen 0180-Nummer verwiesen. Dort sei man für Mobilität nicht zuständig und verwies mich zurück. Nachdem die Daten umständlich aufgenommen waren hieß es, bei Umsteigezeiten unter 10 Minuten weigere sich das Personal. ich solle mir Verbindungen suchen, die mehr Umsteigezeit enthielten. Auch mein Hinweis, dass ich gut zu Fuß sei und ggf. das Risiko selbst trüge, halfen nichts - die Hilfe wurde kategorisch abgelehnt - Beschwerde zwecklos. Das sei eben so.
Das bedeutet im Klartext: Behinderte können schnelle Verbindungen nicht nutzen; in einigen Fällen gibt es keine Alternative, es sei denn, man lässt einen Zwei-Stunden-Takt aus. Damit sind Hin- und Rückfahrten - etwa zu Vorstellungsgesprächen - am selben Tag oft nicht mehr möglich. Die Bundesagentur für Arbeit wird sich über die zusätzlichen Übernachtungskosten freuen. Die Rollstuhlfahrer werden bereits zu gewissen Zeiten ausgeschlossen - vgl. dazu die Weimar-paradiesischen und Erfurter Berichte.
Welches Recht hat die DB AG, unseren Personenkreis allmählich vom regulären Bahnverkehr auszuschließen, wenn andererseits Ausgleichszahlungen des Bundes geleistet werden? Wie verträgt sich diese Praxis zudem mit dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz?