
Von kobinet-Korrespondentin Anke Glasmacher
Berlin (kobinet) Die Berlinale ist für ihre Auswahl an politischen Filmen bekannt. Nicht nur in der Sektion Panorama sind sie zu finden. Im Vordergrund stehen dieses Jahr Dokumentarfilme.
Football under cover
Der deutsche Dokumentarfilm "football under cover" läuft in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. Regie führten Ayat Najafi und David Assmann. Gestern war in Berlin die Weltpremiere.
In Deutschland ist Frauenfußball spätestens seit den Erfolgen der Frauennationalmannschaft und dem Gewinn von Europa- und Weltmeisterschaftstiteln etabliert. Dass im Iran die Frauen schon Ende der 1960er Jahre Fußball spielten, als hierzulande noch dumme Sprüche über kickende Frauen gemacht wurden und es keine einzige Frauenmannschaft gab, erfährt man von der Mutter einer iranischen Nationalspielerin. Sie selbst kam nicht weit mit ihrem Sport. Es gab international kaum Gegnerinnen, gegen die die Frauen damals hätten spielen können. Ihrer Tochter Niloofar soll es besser gehen. Sie trainiert jeden Tag für ihren Erfolg. Längst ist sie Nationalspielerin. Doch das bedeutet nichts, denn heute fehlen den iranischen Spielerinnen wieder die Spielmöglichkeiten: Frauenfußball wird im Iran bestenfalls geduldet. Es gibt keine Teams, keine Trainingsmöglichkeiten, keine Unterstützung. Wenn die Frauen Fußball spielen wollen, dann müssen sie auf abgelegenen Feldern kicken - selbstverständlich verschleiert. Und kommen Männer dazu, müssen sie das Feld räumen. Fußball ist auch da nur ein Synonym für das alltägliche Leben in Teheran im Jahr 2008.
Niloofar lässt sich nicht beirren. Sie will Fußball spielen - also spielt sie Fußball. Jeden Tag, an dem sie spielt, versteht sie als eine stille Demonstration für mehr Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.
Auch Regisseur Ayat Najafi liebt Fußball. Als er hört, dass es im Iran eine Frauennationalmannschaft gibt, weiß er, dass er etwas eigentlich Unmögliches möglich machen will. Sein Projekt lautet: Die Frauen vom Kreuzberger Bezirksligaverein BSV Al-Dersimpor gegen die iranische Nationalmannschaft. Die Spielerinnen von Al-Dersimpor sind waschechte Berlinerinnen, einige davon muslimischen Glaubens. Aber Kopftuch trägt hier niemand.
Die Spielerinnen sind begeistert von der Idee und neugierig darauf, mehr über die iranischen Spielerinnen und das Leben dort zu erfahren. Nach zahlreichen Verschiebungen, Verzögerungen und trotz fehlender Unterstützung von nahezu allen Seiten findet das Spiel im April 2006 in Teheran tatsächlich statt. Nicht in der größten Fußballarena, die Asien hat, sondern auf einem kleinen holprigen Rasenplatz. Mehr als 1.000 Zuschauerinnen kommen zu dem Spiel. Männer sind nicht zugelassen. Gespielt wird mit Schleier. Überall sind Glaubenswächterinnen postiert, die den aufbrandenden Jubel während des Spiels zu unterbinden suchen. Trotzdem rufen einige Zuschauerinnen in spontanen Sprechchören nach mehr Rechten für die Frauen.
Niloofar durfte übrigens nicht mitspielen. Die Gründe dafür bleiben ungenannt.
Ayat Najafi und David Assmann haben einen engagierten Dokumentarfilm über das Leben im heutigen Iran gedreht. Dabei bleiben sie nicht als neutrale Beobachter außen vor, sondern sind selbst Protagonisten. "No politics, just passion", wollten sie mit ihrem Film zeigen, sagten die beiden Regisseure im Interview. Die Gratwanderung, sich mit ihrem Projekt für die politische Propaganda des Irans missbrauchen zu lassen, ist schmal. Es gelingt "football under cover" trotz der vielfältigen Einschränkungen, an die das Team gebunden war, einen Einblick in das alltägliche Leben von Frauen in Teheran zu ermöglichen. Natürlich ist es ein politisches Statement, dass die selbstbewusste iranische Protagonistin Niloofar am Ende nicht mitspielen durfte. Dennoch ist "football under cover" ein optimistischer Film. Er erzählt nicht nur von einem Frauenfußballspiel. Er zeigt vielmehr, mit wie viel Engagement und Leidenschaft die Frauen trotz einer allgegenwärtigen Präsens von Religionswächtern versuchen, ihr eigenes Leben zu leben. Aufbruchsstimmung und der Ruf nach Selbstbestimmung lassen einen die anderen Seiten des heutigen Iran nicht vergessen, aber sie fügen den bisherigen Bildern ein völlig neues hinzu. Und nicht zuletzt lebt der Film von den schlagfertigen, mutigen und sympathischen Frauen, die er portraitiert.
Apropos Frauenfußball …
Der Berliner Sportverein Al Dersimspor engagiert sich seit vielen Jahren für die sportliche, soziale und kulturelle Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Die Frauenmannschaft spielt inzwischen in der Verbandsliga, der höchsten Berliner Liga. Aktuell liegen sie auf Platz 3.
Be like others
Das andere Gesicht des Irans zeigt der Film "Be like others" der iranisch-amerikanischen Filmemacherin Tanaz Eshaghian. Der Film läuft in der Sektion Forum.
Im Iran steht auf Homosexualität die Todesstrafe. Wer allerdings nachgewiesenermaßen transsexuell ist, bekommt alle Hilfe des Staates und der Behörden, sein Geschlecht umzuwandeln. Dies geht noch auf eine Fatwa des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini zurück.
Eshaghian portraitiert in ihrem Dokumentarfilm junge Männer, die ihr Geschlecht umgewandelt haben bzw. kurz vor der Umwandlung stehen. Noch bevor man sich fragt, warum ein Mann in einem islamischen Land freiwillig zur Frau werden will, obwohl ihm als Frau alle Rechte und Freiheiten aberkannt werden, wird auf schockierende Weise deutlich, dass der Staat Iran mit dem vermeintlich "liberalen" Umgang mit Transsexualität seine homosexuellen Männer vor die Wahl stellt, sich entweder kastrieren zu lassen oder umgebracht zu werden. Die Männer haben nach der Geschlechtsumwandlung nicht nur massive körperliche Probleme, sie werden auch von ihren Familien und Freunden verstoßen. Viele von ihnen nehmen sich nach der Operation das Leben.
Einer der Protagonisten hat die Operation als einzige Möglichkeit gesehen, danach legal mit seinem Freund zusammenleben zu können. Nach der Operation ist der Freund unsicher, ob er seinen Partner - nun als reguläre Ehefrau - wirklich heiraten will. Er sei noch jung, er wolle sich nicht festlegen.
Der Film von Eshaghian geht unter die Haut. Keiner der Männer, die sie vor der Operation interviewt hat, ist ein Jahr nach der OP wiederzuerkennen. Aufgedunsen von Hormonen und ohne besondere Regung beantworten die meisten die Fragen mit den immer gleichen Stereotypen. Es gehe ihnen gut, die Entscheidung sei richtig gewesen. Nur einer hat den Mut offen zu sagen, dass es ihm seitdem sehr schlecht geht und dass er diese Entscheidung niemals getroffen hätte, wenn er in einem anderen Land leben würde. Rückgängig machen kann die Entscheidung keiner von ihnen. Die meisten würden es wohl auch nicht wollen, solange ein Leben als Homosexuelle mit ständiger Todesgefahr verbunden ist.
A Jihad for Love
Der Dokumentarfilm "A Jihad for Love" des indischen Regisseurs Parvez Sharma läuft in der Sektion Panorama. Auch er behandelt das Thema Homosexualität in der islamisch-muslimischen Welt.
Das Wort "Jihad" wird seit den Anschlägen vom 11. September übersetzt mit "Heiliger Krieg". Im Islam bedeute der Jihad etwas Vielschichtigeres. Es gehe darum, "sich als Gemeinschaft und als Einzelner auf dem Weg zu Gott anzustrengen und durch Taten und Lebensführung der islamischen Gesellschaft zu dienen", sagt der Regisseur in der Ankündigung zu seinem Film.
Die Protagonisten von Parvez Sharma sind gläubige Muslime und sie sind homosexuell. Damit sind sie in ihren Heimatländern von Verfolgung, Folter und Demütigung bedroht. Sie können ihre Liebe nur im Verborgenen leben, die meisten versuchen auszuwandern. Das bedeutet für sie aber auch, ihre Familien, ihre Freunde und ihre Heimat zurücklassen zu müssen.
Sharma will mit seiner Dokumentation einen Dialog über ein Thema beginnen, das in der muslimischen Welt ein Tabu darstellt. Als gläubiger Muslim über Sexualität zu sprechen ist schwer. Sich als homosexuell zu outen in den meisten Ländern mit Lebensgefahr verbunden. Und so zeigen auch einige der Menschen, die Sharma vorstellt, ihr Gesicht nicht offen. Zu groß ist ihre Angst.
"A Jihad for Love" ist kein optimistischer Film. Auch wenn er einigen wenigen Schwulen eine Stimme und ein Gesicht gibt, fast alle haben am Ende ihre Heimat verlassen müssen. sch