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14.02.2008 - 16:02

Berlinale 2008 - Im Dickicht der Städte.

Von kobinet-Korrespondentin Anke Glasmacher

Berlin (kobinet) Menschen schaffen Städten, aber was machen die Städte mit den Menschen? Einige Filmemacher haben versucht, dieser Frage eine Geschichte zu geben.

HELDEN AUS DER NACHBARSCHAFT
Der Spielfilm von Jovan Arsenic läuft in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. "Helden aus der Nachbarschaft" präsentiert sechs miteinander verwobene und ganz verschiedene Lebensgeschichten aus einem dieser klassischen modernen Altbauten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Da ist der Feuerwehrmann Attila (Marc Zwinz). Der kann Glas und Metall essen. Seine Freundin Sabine (Myriam Schröder) hat einen anderen und zieht aus. Da beißt er wieder in ein Glas. Das sieht Fernsehmoderatorin Erika (Nina Hoger). Für ihre TV-Talksendung "Helden aus der Nachbarschaft" wollte sie eigentlich die Bäckerin von nebenan interviewen. Rosine (Eva Löbau) hat vor Jahren mit ihrem Vater den weltgrößten Pfannkuchen gebacken und ist dafür ins Guinness Buch der Rekorde gekommen. Doch Rosine traut sich nicht und sagt Erika ab. Stattdessen spricht sie bei Erikas Mann Ulf (Christopher Bucholz) über ihre Ängste. Ulf ist Psychologe und hat eine eigene Praxis. Erika hat keinen Gast mehr. Ihr Produzent (Samuel Finzi) sitzt ihr im Nacken. Also rettet sie Attila. Doch das braucht sie gar nicht. Der isst seit seiner Kindheit Glas und ist damit natürlich der ideale Gast für Erikas nächstes Interview. Attila findet das eine gute Idee. Live auf Sendung ruft er Sabine auf, zu ihm zurückzukommen. Das sieht Bäckerin Rosine. Die beiden sind sich näher gekommen. Rosine hat Attila alles über den Guinnessbuch-Pfannkuchen erzählt. Jetzt steht sie auf dem Fenstersims, denn sie hat Attilas Liebeserklärung an seine frühere Freundin im Fernsehen gesehen. Alles liegt an Ulf, ihrem Psychologen, sie zu retten. Und da ist noch der Sohn von Ulf und Erika, 16 Jahre alt und seiner Hormone überdrüssig. Alles wäre ganz normal, hätte er nicht bei den Eltern seiner Freundin auf den Teppich gepinkelt.

Diese absurden Geschichten erlebt man in "Helden aus der Nachbarschaft". Jeder von ihnen ist ein Held des Alltags. Und alle haben sie etwas miteinander zu tun, auch wenn sie es noch gar nicht wissen.

Regisseur Arsenic stellt uns mit seinem Film ganz schön skurrile Geschichten und Figuren vor, die man so oder so ähnlich in jeder Nachbarschaft einer Großstadt findet. Manchmal prallen Welten aufeinander. Manchmal treffen sich auch einfach nur die richtigen Menschen an einem Nachmittag beim Bäcker und fangen an, miteinander zu reden. Die Idee ist originell und die Figuren gut gezeichnet. Trotzdem hat der Film Längen. Das liegt zum Teil an den konstruierten Dialogen, die aufgesetzt und stereotyp wirken. Die Dichte und Authentizität der Berlin-Filme eines Andreas Dresen erreicht "Helden aus der Nachbarschaft" nicht.


LOVE AND OTHER CRIMES
"Love and other crimes" ("Liebe und andere Verbrechen”), der Spielfilm des serbischen Regisseurs Stefan Arsenijevic, hatte seine Weltpremiere in der Sektion Panorama.

Anica (Anica Dobra) lebt in einer tristen Hochhaussiedlung in Belgrad. Die Menschen dort sind arm und die wenigsten haben eine reguläre Arbeit. Anica ist die Geliebte von Milutin (Fedja Stojanovic), der im Viertel die Schutzgelder eintreibt. Offiziell betreibt er ein Solarium. Anica sieht für sich in diesem Viertel keine Zukunft. Sie beschließt, das Geld aus Milutins Safe zu nehmen und damit das Land für immer zu verlassen. Als ihr Entschluss feststeht, beginnt sie, ihre Freunde mit kleinen Geschenken zu verabschieden. Stanislav, die rechte Hand Milutins und gleichzeitig die gute Seele des Viertels, merkt, dass Anica dabei ist zu gehen. Er nimmt seinen Mut zusammen und gesteht ihr, dass er sie schon seit Kindertagen liebt. Bis zum Abend müssen sich beide entscheiden, ob sie eine gemeinsame Zukunft wollen und ob diese in Serbien sein wird.

Der Film spielt an einem Tag und folgt mit eindringlichen Bildern seinen Figuren durch ihren Alltag. Ihre gemeinsame Perspektivlosigkeit bindet sie aneinander.
"Love and other crimes" ist eine Liebesgeschichte und zugleich das Portrait großer Hoffnungslosigkeit und Leere. Der Aufbruch der Protagonistin ist ein Signal und doch scheint Veränderung kaum möglich. Zukunft, diese Botschaft legt uns Regisseur Arsenijevic mit seinem Film nahe, scheint es im Moment nur außerhalb Serbiens zu geben. Das ist das wirklich Traurige an "Love and other crimes".

SWEET FOOT CITY
Den wohl entschiedensten Film über die destruktive Symbiose zwischen Stadt, Architektur und dem Leben der Menschen liefert der chinesische Regisseur Gao Wendong mit "Sweet foot city", der seine Weltpremiere in der Sektion Forum gefeiert hat.

Der Film spielt in einer nordchinesischen Vorstadt. Das Viertel ist heruntergekommen, den Häusern fehlen zum Teil die Wände, Fensterscheiben gibt es kaum. Das Leben spielt sich selten in den viel zu kleinen Wohnungen ab, sondern auf den gemeinsamen Balkonen und im Innenhof. Jede Häuserzeile ist ein eigener kleiner Mikrokosmos. Darin leben eine Prostituierte (Huang Jingbo) und ihr arbeitsloser Freund (Quan Chao). Wie die anderen Bewohner auch, haben sie sich mit ihrem Leben eingerichtet und trotzen der Trostlosigkeit und dem Verfall jeden Tag ein Stück Leben und Zukunft für sich ab.

Gao Wendong wollte mit seinem Film der Frage nachgehen, wie die rasant wachsenden Vorstädte in wenigen Jahren aussehen werden. Er präsentiert dazu dokumentarische Schauplätze, und seine beiden Hauptdarsteller agieren so echt, als wären sie Teil des dortigen Lebens. Faszinierend an dem Film sind seine ruhigen, poetischen Bilder und die fast photographischen Kameraeinstellungen. Nahezu unbeweglich ist die Kamera. Als Zuschauer hat man das Gefühl, als würde man selbst hindurch sehen und entscheiden, was man entdecken möchte. Es sind die Personen vor der Kamera, die für Bewegung und den Fortgang der Handlung sorgen. So bleiben die Bilder trotz der Statik ungeheuer spannend. Fast, als würde man lange ein Photo anschauen und im Laufe der Zeit immer neue Aspekte darin entdecken, je nachdem, wohin man seine Aufmerksamkeit lenkt.

Durch diese sensible und sich selbst zurücknehmende Kameraperspektive schafft es Wendong die Bewohner des Viertels zu den wahren Akteuren ihres eigenen Lebens zu machen. Ein Film für Filmfans. sch


 

 
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