
Niederstetten (kobinet) Heute berichten die Fränkischen Nachrichten (FN), dass jetzt in Niederstetten (Main-Tauber-Kreis) ein "Seniorenhaus" mit 36 Pflegeplätzen eröffnet wurde. 2,4 Millionen Euro hätten die privaten Betreiber Volker und Carola Köhler für das Haus mit 24 Einzel- und 6 Doppelzimmer zu bauen, investiert. Außer einem kostenlosen Grundstück von der Stadt habe es keine öffentlichen Zuschüsse gegeben. 6 Pflegekräfte unter der Pflegedienstleiterin und deren Stellvertretung würden beschäftigt.
Und Niederstettens Bürgermeister Rüdiger Zibold jubelt, dass nun der Wunsch nach "einer dezentralen" Einrichtung, der schon seit den 90er Jahren bestünde, nun erfüllt sei. elba
Kommentar von kobinet-Redakterin Elke Bartz
So kann einem die Woche verdorben werden. Kaum blättert man die Montagmorgen-Zeitungen auf, schon fällt der Blick auf eine erneute Getto-Einweihungsjubelfeier. Kein Begriff scheint tabu zu sein, um Aussonderungsanstalten verniedlichend als was Tolles zu verkaufen. "Seniorenhaus" klingt halt besser als Altenheim.
Wer jedoch den Bericht der FN kritisch liest, wird sich einige Fragen stellen: Was ist an einer Einrichtung, in der 36 alten Menschen leben sollen, dezentral? 6 Pflegekräfte für die Pflege von 36 alten Menschen: Sind die Zimmer noch nicht alle mit alten Menschen "befüllt", oder versorgen tatsächlich 6 Pflegekräfte - also durchschnittlich 2 pro Schicht - diese 36 Menschen. Und warum hat Heimbetreiber Köhler, der im nordrhein-westfälischen Düren nach Angaben der FN zunächst einen ambulanten Dienst und dann ein Pflegeheim betrieb, dort seine Zelte abgebrochen? Und zuletzt die sich immer wieder aufdrängende Frage, wann es endlich skandalisiert wird, Menschen - in der Regel gegen ihren Willen - in Einrichtungen zu separieren?
birgit Hinterkopf schrieb am 08.10.2009, 16:55
Seit der Eröffnung eines Plegeheimes Köhler Niederstetten anfang 2008 war ich als reinigungskraft über eine externe Firma
dort beschäftigt. Mein Verhältnis zu den Heimbewohnern und zur Leitung entwickelte sich herzlich. Am Freitag 24.07.09
endeckte ich morgens bei Arbeitsbeginn, daß eine Bewohnerin durch das Versäumen des Errichtens der Sicherung aus
dem Bett gefallen war und auf dem Boden lag.
Natürlich verständigte ich sofort das Pflegepersonal, welches auch Kurz darauf eintraf. Doch anstatt sich für meine Aufmerksamkeit zu bedanken, entwickelte sich ein immer heftiger werdender Disput,
was mir einfallen würde,mich da einzumischen, und ich solle mich doch um meine eigene Arbeit kümmern.
Als ich dann am folgenden Montag wie gewohnt zur Arbeit erschien, überraschte mich unsere Aushilfskraft,
ob ich nicht wisse, dass ich Hausverbot hätte.
Bis heute ohne jegliche Rückfrageoder Aussprache meiner seits mit der Heimleitung zum Sachverhalt wurde
mir von meiner Firma,da in der Nähe kein anderer Arbeitsplatz möglichs war, gekündigt.
Ist so ein verhalten symtomatisch für ein Plegehaus, oder sollen so fragwürdige Zustände unter
den Teppich gekehrt werden?
Es möge sich jeder so seine Gedanken üder die Loyalität in diesem Hause machen.
Gerhard Lichtenauer "Daheim statt Heim" Österreich schrieb am 11.03.2008, 14:50
Dieser Pflegeschlüssel bedeutet, es bleibt für die Beschäftigten durchschnittlich maximal eine Stunde pro Tag an Unterstützung oder Pflege je pflegebedürftiger Person. Es ist anzunehmen, dass durchwegs Bewohner aufgenommen werden, die einen höheren Bedarf bzw. Anspruch als eine Stunde, laut Pflegeversicherung haben (es handelt sich nicht nur um ein Wohnheim, sondern um Pflegeplätze). Fällt diese Diskrepanz nicht unter gewerbsmäßigen Betrug? Gibt es vielleicht mit den öffentlichen Stellen unter der Hand geheime Vereinbarungen, diesen systemischen Mangel zu dulden oder ist es schon zum Gewohnheitsrecht geworden, pflege- und assistenzedürftige Menschen einer kommerziellen Verwertung zuzuführen?
Gerd Frank schrieb am 11.03.2008, 12:42
Bei diesem Personalschlüssel ist für mich eindeutig, das es dem Heimbetreiber nicht um das Wohl alter Menschen geht. Er denkt hier nur daran wie seine eigene Brieftasche, um sich auf Kosten von alten Menschen zu bereichern.
Uwe Barth schrieb am 10.03.2008, 17:31
Wir von Barrierefrei im Alltag unterstützen Daheim statt ins Heim. Es kann nicht unsere Intension sein, Menschen die alt, krank oder behindert sind in Pflege- und Seniorenheime abzuschieben. In der heutigen Gesellschaft verfallen wir immer weiter in die “Ab ins Heim” Methode: Tiere ins Tierheim, Senioren ins Altenheim, Kranke und Behinderte ins Pflegeheim, Asylanten ins Asylantenheim. Anstatt Integration leben wir nach einem Sortierungsverfahren, so wie wir unseren Müll sortieren, nach Glas, Dosen, Papier und Restmüll, sortieren wir die Menschen in unserer Umgebung. In ein Haus in dem Familien mit Kindern wohnen, sollen nur Familien mit Kindern einziehen, in ein Haus in dem Menschen aus dem Ausland leben, sollen auch nur solche hinein. Wir integrieren die Menschen nicht, wie früher, wo jung und alt unter einem Dach lebten, sonder wir sortieren und kategorisieren die Menschen. Wir müssen uns zurückbesinnen auf die Menschen die uns nahe sind. Nicht abschieben sondern integrieren, sollte unsere Devise sein. Hier muss in den Köpfen der Menschen ein Umdenken passieren. Aber wahrscheinlich werden die Menschen erst aufwachen wenn sie selbst in einem "Altenghetto" sitzen und tag täglich aus dem Fenster starren und warten bis der Tag vorbei ist. Ich bin selbst ein Pflegefall, aber zum Glück hat mich meine Familie nicht verlassen, da es aber keinen barrierefreien rollstuhlgerechten Wohnraum in meiner Stadt gab, bekam ich von der Diakonie eine Wohnung, angeschlossen an ein Wohn-Pflege-Therapie Zentrum. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich die alten und kranken Menschen jeden Tag wie sie am Fenster sitzen und warten bis der Tag vorüber ist. Ein Zimmer an dem anderen, jedes Zimmer gleich Bett, Schrank, Tisch und Stuhl - so lebt man im Knast auch, nur dass hier keine Gitterstäbe sind. Wollen wir wirklich so leben, wenn wir alt oder krank werden?
Gerhard Lichtenauer "Daheim statt Heim" Österreich schrieb am 10.03.2008, 16:29
Hilfe- und Assistenzbedürftige Menschen werden tatsächlich "in der Regel gegen ihren Willen" in Einrichtungen abgeschoben. Das ist eine Missachtung deren Grund- und Freiheitsrechte! Es ist eine eklatante Benachteiligung behinderter und pflegebedürftiger Menschen und Menschenrechtsverletzung, wenn bei hoher Hilfebedürftigkeit und Angewiesenseins auf umfassende fremde Unterstützung in allen Lebensbereichen laut Sozialgesetzen und Verwaltungspraxis nur mehr ein "Leben im Heim" ermöglicht wird. Die Menschenrechte haben einen höheren Wert als eine "Abschiebung" in aussondernde stationäre Einrichtungen aus scheinbar öffentlichem Interesse an einer fälschlich vorgegaukelten Ökonomie.
Bereits 1999 wurde bei Befragungen zum "Oral-History-Projekt" (www.uni-graz.ac.at/senioren/scho.htm) des Grazer Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte festgestellt, dass nur ein Drittel aller Heimbewohner freiwillig in das jeweilige Heim eintrat und mehr als die Hälfte der Heimbewohner sich ins Heim abgeschoben fühlt. Große Angst haben die älteren Menschen vor Einsamkeit und vor dem Tod, bedrückend ist auch das Gefühl der zunehmenden Abhängigkeit und Hilflosigkeit. der körperliche und geistige Verfall ist für die Meisten das Hauptproblem. Bedrückend erlebten die Befragten auch den Verlust der eigenen Wohnung.
Der Pflegeschlüssel kommt mir auch sehr aufklärungsbedürftig vor: Mal angenommen, die Pflegedienstleiterin und deren Stellvertretung gehen nicht in Administration unter, sondern machten Dienst wie die anderen sechs Pflegekräfte, dann stehen durchschnittlich nur etwa 1,5 Personen für 36 Pflegeplätze zur Verfügung (Wochenenden, Feiertage, Krankenstände etc. eingerechnet).