Von kobinet-Korrespondentin Anke Glasmacher
Berlin (kobinet) Ist in Deutschland wieder eine Diktatur möglich? Diese Frage stellt Rainer Wenger, Lehrer an einem Brandenburger Gymnasium, seinen Schülern zum Auftakt der Projektwoche. Die Schüler beantworten die Frage einhellig mit "nein" - und werden in einem subtilen Versuch von sich selbst überrascht.
Rainer Wenger (Jürgen Vogel) ist Kreuzberger aus Überzeugung. Das Studium der politischen Wissenschaften hat er auf dem zweiten Bildungsweg absolviert. Oft denkt er, dass ihn die Kollegen deswegen nicht ernst nehmen. Er setzt seine persönlichen Lehrmethoden gegen das gefühlte Vorurteil: Ein enger und freundschaftlicher Kontakt auf Augenhöhe mit den Schülern und seine jugendliche Lebenserfahrung, mit der sich seine Schüler identifizieren können. Doch statt bei der anstehenden Projektwoche zu den verschiedenen Staatsformen das Thema "Anarchie" mit seinen Schülern bearbeiten zu können, muss er das Gegenteil unterrichten: "Autokratie" - die Herrschaft weniger oder eines einzelnen über ein ganzes Volk.
Mit der provokanten Frage, ob in Deutschland eine Diktatur wieder möglich sei, beginnt der Tag. Die Schüler sind sich einig: Eine Diktatur ist in Deutschland nicht mehr möglich. Zu bewusst sei die eigene Geschichte. Das Experiment beginnt harmlos. Lehrer Wenger beschließt, Disziplin und Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Seine Erklärung: Eine Gemeinschaft hilft, dass alle den bestmöglichen Erfolg haben. Die Stärkeren helfen ab sofort den Schwächeren. Er lässt sich von den Schülern im Unterricht wieder siezen, führt den Morgengruß und das Aufstehen nach Wortmeldungen ein, ändert die etablierte Sitzordnung und löst damit vorhandene Cliquen auf. An nur einem einzigen Vormittag hat er seine Schüler restlos verwirrt. Umso einfacher fällt es ihm, sich als Führer der Bewegung zu bestimmen. Die meisten akzeptieren seine Vorschläge. Widerspruch kommt nur vereinzelt. Richtiggehend begeistert dagegen ist Tim (Frederick Lau), der in der neu entstehenden Gruppe das zu finden glaubt, was ihm von zu Hause fehlt: Sinn, Anerkennung und Zuneigung. Bereits am zweiten Tag will der Kurs sein Gemeinschaftsgefühl auch nach außen zeigen. Ab sofort ziehen alle weiße Hemden an. Und ein Name muss her: "Die Welle". Am dritten Tag beginnt das Projekt erste Folgen zu zeigen. Karo (Jennifer Ulrich) kommt mit einem roten T-Shirt in den Unterricht. Sie hat sich gar nichts dabei gedacht, weiß stehe ihr nur nicht, sagt sie. Doch es gibt niemanden mehr, der das hören möchte. Die Klasse und ihr Lehrer schneiden sie. Karo beginnt an dem Projekt zu zweifeln. Doch selbst ihr Freund Marco (Max Riemelt) ist mittlerweile glühender Anhänger des Projektes, seit sein Namensvorschlag für die Gruppe ausgewählt wurde. Am Tag fünf ist die Idee der "Welle" längst auf die ganze Schule übergeschwappt. Beim Wasserballturnier in der Schule erscheinen die Mitglieder der "Welle" zahlreich und feuern ihre Mannschaft an. Nichtmitglieder dagegen werden mit Gewalt davon abgehalten, in die Halle zu gelangen. Während des Spiels kommt es zu einer Schlägerei. Wenger ist erschüttert und will das Projekt abbrechen. Doch die Schüler sind dazu nicht mehr bereit. Sie haben längst jegliche Distanz verloren. Stattdessen sind sie ganz ergriffen von der neuen Macht, zu der ihnen die "Welle" verholfen hat.
Der Film "Die Welle" beruht auf einem Tatsachenprotokoll des amerikanischen Pädagogen Ron Jones, der 1967 dieses Experiment mit seinen Schülern durchführte und am Ende abbrechen musste, nachdem Schüler ausgegrenzt und zusammengeschlagen wurden. Das Buch gehört heutzutage zu einer der Pflichtlektüren im Schulunterricht.
Der Film von Dennis Gansel ist spannend und stimmig erzählt. Überzeugend vor allen Dingen Jürgen Vogel als Lehrer Rainer Wenger sowie die Darsteller der Schülergruppe. Die Etablierung der Diktatur gelingt im Film (und im realen Experiment) in nur fünf Tagen, das ruft Zweifel hervor, wo denn die kritischen Gegenstimmen geblieben sind. Es geht ein wenig zu glatt und reibungslos im Film zu. Gleichzeitig sind die gewählten Instrumente durchaus stimmig: Die Diktatur kommt am Anfang als harmlos und freundlich daher. Jeder Verein lebt davon, dass es ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Mitgliedern gibt, befördert durch gleiche Kleidung, einen Schlachtruf, einen Namen, die Abgrenzung gegenüber den Anderen. Und schlimm erscheint die neue Gemeinschaft auch nicht, im Gegenteil - die, die bislang am Rande standen, blühen plötzlich auf, es gibt keine Störungen mehr, alle arbeiten mit Eifer mit, jeder findet seinen Platz. Das ganze kippt in dem Moment, in dem sich die Mitglieder als Elite erleben und als solche definieren und ab sofort versuchen, mit psychischer und physischer Gewalt alle anderen der eigenen Idee unterzuordnen.
"Die Welle" ist ein durch und durch pädagogischer Film, der - ähnlich wie das Buch - seinen Weg in die Klassenräume finden wird und finden sollte. Ein solches pädagogisches Filmprojekt kann auch gründlich misslingen, ist es bei Gansel aber nicht. Soziale Ängste, Bindungslosigkeit, Gruppendruck und die Erleichterung, Verantwortung abgeben zu können, sind Nährboden für autoritäre Strömungen. Das zeigt Gansel mit seinem Film. Und das ist kein Phänomen der Geschichte. So funktionieren autoritäre Staaten, religiöse Sekten, Jugendcliquen. Eine Diskussion über die Mechanismen für den Erfolg einer Diktatur lohnt deswegen jeden Tag. Genauso wie die Lektüre von Theodor W. Adornos "Studien zum autoritären Charakter". sch