München (kobinet) Viele Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen können ihre Schmerzen nicht in Worte fassen. Wie können Angehörige und Betreuer dennoch erkennen, ob und unter welchen Schmerzen der betroffene Mensch leidet? Und wie geht es dann weiter, wie können diese Schmerzen gelindert oder gar beseitigt werden? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt der 5. interdisziplinären Jahrestagung der Stiftung Leben pur am 11./12. April 2008 in München, teilt die Organisation in einem Nachbericht mit. Rund 400 Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Raum hatten sich mit den vielfältigen Dimensionen von "Schmerz und Schmerzbewältigung bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen" befasst. Die Stiftung sieht die hohe Besucherzahl auch als Beleg für die hohe Aktualität und Brisanz des Themas.
Eine generelle Herausforderung der Schmerzdiagnostik beschrieb Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga: "Schließlich gibt es keine objektiven Befunde, die Schmerzen bestätigen könnten, das heißt: Keine Laborwerte, keine Röntgen- oder Ultraschallaufnahmen belegen, dass und wie sehr ein Patient leidet." Das Programm der Tagung erstreckte sich von der medizinischen Schmerzdiagnostik, pädagogischen, psychologischen und theologischen Sichtweisen von Schmerz über verschiedene Methoden der Schmerztherapie bis hin zu Aspekten der Naturheilkunde und Entspannungstechniken. Begleitet wurde die Tagung von einer Ausstellung mit Werken behinderter Künstler, die sich mit dem Thema Schmerz auf ganz eigene Weise auseinandergesetzt haben.
Alle Referenten betonten die Notwendigkeit eines sich langsamen Herantastens an die individuell richtige Therapie. Dieser Prozess sei noch anspruchsvoller, wenn ein Gespräch mit der betroffenen Person nicht möglich ist. Verbleiben Mimik, Laute oder Körpersignale als alleinige Ausdrucksmittel, seien die engsten Bezugspersonen oft die besten Interpreten dieser Äußerungen. "Anfangs habe ich gedacht, meine Frau übertreibt, wenn sie wieder einmal meinte, mit unserem Sohn stimme etwas nicht, die Ärzte aber keine Veränderung feststellen konnten. Aber als sie zum dritten Mal richtig lag, habe ich das nie wieder in Zweifel gezogen", so beschrieb ein Besucher dieses Einfühlungsvermögen. Deutlich wurde auch, dass es bei der Schmerzbewältigung nicht nur um die Wahl der richtigen Medikamente und Therapien geht, sondern auch um Begleitung, Empathie und Mittragen, Mitleiden. Sich aufgehoben fühlen sei für Patienten und Angehörige von elementarer Bedeutung, denn Schmerzen gehen immer mit Ängsten und Leid einher, die wiederum das Schmerzempfinden verstärken können.
Obwohl in den letzten Jahren wesentliche Verbesserungen erreicht werden konnten und bundesweit viele Experten intensiv an einer Verbesserung der Schmerzsituation von Menschen mit schweren Behinderungen arbeiten, fehle es an fundierten wissenschaftlichen Studien und verbindlichen Behandlungsstandards. Deutliche Versorgungslücken seien festzustellen. Besonders düster sei die Situation für Erwachsene mit schweren Behinderungen. Für sie und ihre Eltern gebe es deutschlandweit keine expliziten Anlaufstellen und Kliniken. Kinder und Jugendliche dürfen nach aktueller Rechtslage nicht mehr aufgenommen werden. Die Stiftung hofft, in naher Zukunft weitere Sponsoren zu finden, mit deren Hilfe neue Forschungsarbeiten angeregt und finanziell unterstützt werden können. hjr
van Helsing schrieb am 25.04.2008, 20:43
Das "Dilemma" ist bekannt:
Sterbende bekommen keine richtige Schmerzmedikation, weil sie könnten ja süchtig werden.
Für Schmerzpatienten die sich nicht sofort oder richtig artikulieren können, meinen Nicht-Schmerzpatienten, wie Angehörige oder das Pflegepersonal reden zu müssen.
Babys, Kleinkinder- oder Jugendliche haben keine Schmerzen zu haben. Hier geistert noch das Fachwissen aus den Universitäten bis in den achtziger Jahren, in den Köpfen der "Behandler" herum.
Auch Komapatienten haben in deren Augen keine Schmerzen. Sind ja komatös.
Schmerztherapie ist kein Studienfach. Ein Anästhesist ist oft auch bei Chonischen Schmerzpatienten überfordert.
Es fehlen Hunderte von Fachärzten mit der Bezeichnung : Facharzt für Schmerztherapie.
Die wenigen Fachgesellschaften in der Manuellen oder Medikamentöse Schmerztherapie bekriegen sich wegen Kleinigkeiten.
Viele Reha- oder Physiotherapeuten machen bei Behandlungen von Schmerzpatienten ihr eigenes Ding.
Von "Nur bis zur Schmerzgrenze", oder Passiv vor Aktiv haben viele noch nichts gehört, bzw. in ihren Ausbildungen gelernt.
Die Politik, die Kostenträger und auch die ärztlichen Standesorganisationen verweigern den wenigen Schmerztherapeuten
eine anständige Bezahlung in der Behandlung von Chronischen-Schmerzpatienten.
Zum Schluss, die wenigsten Hausärzte haben BTM-Rezepte oder sind gewillt, diese auch bei Bedarf für ihre Patienten auszufüllen.
Frau Dr. med Marianne Koch, es gibt noch viel zu tun! Packen wir es gemeinsam an!
Für den Leser dieser Zeilen, helft uns dabei mit Briefen, Petionen etc. an die zuständigen Stellen, Kassenärztlichen Vereinigungen, Politikern, Heimatzeitungen usw.
oder