
Von kobinet-Korrespondentin Anke Glasmacher
Berlin (kobinet) "Ben X" ist ein Film über Mobbing und Selbstmord unter Jugendlichen, über Freundschaft und das Anderssein und über den Ausweg in die rettende Welt der Online-Games. Dem belgischen Theaterkritiker Nic Balthazar ist damit ein bewegendes Kinodebüt gelungen.
Ben (brillant gespielt von Greg Timmermans) nennt sich in seiner Online-Welt Ben X. Als Spieler in "Archlord" genießt er auf Level 80 höchstes Ansehen. Er ist der unangreifbare Held, begleitet von seiner "Heilerin" Scarlite (Laura Verlinden). Sie ist ihm Stütze und Inspiration. Zu ihr sind Gefühle möglich. Im realen Leben ist Ben anders. Wie er fühlen und auf andere Menschen reagieren soll, guckt er sich bei ihnen ab. Er lernt Gefühle, er lebt sie nicht. Die äußere Welt ist für ihn eine ständige Reizüberflutung. Dagegen setzt er die Welt von Archlord. Dort kann er für alle Situationen die jeweils perfekte Lösungen per Mausklick auswählen und gegen seine virtuellen Gegner einsetzen. Alles hat eine immer wiederkehrende Ordnung.
Sein Leben in der wirklichen Welt dagegen ist alles andere als in Ordnung. Ben geht auf eine normale Schule. Darauf legen seine Eltern (Marijke Pinoy und Paul Goossen) Wert. Unterstützung für diese Entscheidung erhalten sie keine. Erst nach zahlreichen Exkursionen durch die Abgründe eines wenig hilfreichen und zumeist unkundigen sozialen Netzwerkes von Ärzten und Pädagogen erhalten sie für Ben die Diagnose: Asperger-Syndrom. Das ist eine leichtere Form von Autismus. Damit liefert die Wissenschaft zwar einen Begriff für Bens Distanziertheit und seine Wutausbrüche, aber Unterstützung, wie damit im Alltag umgehen, erhalten weder Eltern, noch Schule, noch Ben. Für die Mitschüler bleibt er "anders", der Marsmensch, den sie mit Freude hänseln. Für den Direktor scheint es einfacher, den Eltern nahezulegen, Ben von der Schule zu nehmen, statt gegen das immer weiter zunehmende Mobbing gegen Ben vorzugehen. Dabei: geahnt haben sie ja alle was, sagen die Lehrer später im Film.
Bens Welt bricht endgültig zusammen, als nahezu die gesamte Klasse ihn in der Pause erniedrigt und quält und die Photos davon ins Internet stellt. Ausgerechnet im Netz, seinem einzigen Rückzugsort, an dem Ort, an dem er als Ben X unangreifbarer Held ist, wird er plötzlich zum hilflosen Opfer. Nachdem alle Versuche, den Helden aus Archlord in seine tägliche Welt hinüberzunehmen, scheitern, beschließt Ben auszusteigen: Für ihn beginnt das Endgame.
"Ben X" erzählt die Welt konsequent aus Bens Perspektive. Seine Logik und sein Erleben bilden den verstörenden Rahmen für diesen sehr berührenden und sensiblen Film. Bereits als Buch und als Theaterstück in Belgien ein außerordentlicher Erfolg, hat Nic Balthazar, inspiriert von einer tatsächlichen Begebenheit, einen Kinofilm gemacht, der versucht dem Erleben eines autistischen Jugendlichen nahezukommen. Verwackelte, unscharfe Kameraaufnahmen, verwoben mit fast mikroskopischen Großaufnahmen kleinster Details deuten an, wie die Bilderwelt von Ben aussieht. Die Gesichter der Menschen verzerren sich zu Fratzen, wenn sie mit ihm sprechen. Darüber legt sich eine ineinander fließende Geräuschkulisse, die keine Distanz zulässt, die Wichtiges nicht von Unwichtigem trennt. Nur wenn die Figuren sich denen im Online-Game annähern, werden die Konturen klar und deutlich erkennbar.
Regisseur Balthazar spielt damit, beide Welten und auch beide Figuren, Ben und Ben X, ständig zu vermischen. Das macht er handwerklich so perfekt und gleichzeitig so subtil, dass bis zur letzten Minute eine ungeheure Spannung bleibt. Rasante dramaturgische Wendungen und ein ungewöhnlicher Schluss lassen "Ben X" zu einem sehr gelungenen Film werden. Außergewöhnlich, niemals pädagogisch - und in der Frage der Integration leider keinesfalls hoffnungsfroh! ag