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kobinet-nachrichten
24.06.2008 - 14:04
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Berlin (kobinet) Die "Bahnreform" der Sozialdemokraten lässt Behinderte auf der Strecke, befürchtet die Bundesarbeitsgemeinschaft "selbstbestimmte Behindertenpolitik" der Linken in einer heute veröffentlichten Presseerklärung. Der am 21. April 2008 von den Führungsgremien der Partei "endgültig" beschlossene Kompromiss zur Teilprivatisierung der Deutschen Bahn AG (DB) führt nach Ansicht der Bundesarbeitsgemeinschaft "zu massiven Einschränkungen in der Mobilität von Menschen mit Behinderungen".
Die Absicht der Sozialdemokraten sich dem Druck von Christdemokraten und Wirtschaft zu beugen und die Verkehrssparte der DB zu 24,9 Prozent an private Investoren zu verkaufen, so deren Verkehrsexperte Arnd Hellinger, führe zu erhöhtem Renditeerwartungen an den Nah- und Fernverkehr der Bahn. "Um den Vorstellungen privater Aktionäre auch nur im Ansatz gerecht werden zu können, muss die DB dann massiv sparen. Das geht nur durch weiteren Serviceabbau", erläutert Hellinger seine Befürchtungen.
Schon heute führten Einsparungen beim Zugbegleitpersonal dazu, dass Reisenden mit Behinderung notwendige Hilfen bei Ein- und Ausstieg entweder gar nicht mehr oder nur nach mehrtägiger Voranmeldung über eine teure Service-Hotline gewährt werden könnten, zumal auch von immer mehr und größeren Bahnhöfen Mitarbeiter ersatzlos abgezogen würden, wie Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft aus eigener Erfahrung berichten. Sie kritisieren dies als massive Diskriminierung Behinderter, denen so das verfassungsmäßig verbriefte Recht auf Freizügigkeit genommen werde.
In Zukunft, so befürchtet Hellinger, könnte der Renditedruck auch die Aufhebung einiger Nachteilsausgleiche wie etwa der kostenlosen Mitnahme von Assistenten oder Blindenführhunden in Zügen der DB zur Folge haben. Auch sei die längst überfällige Beschaffung barrierefreier Fahrzeuge für das InterCity-Netz wegen des bevorstehenden Börsenganges "auf unbestimmte Zeit" verschoben. Mit alten abgeschriebenen Zügen lasse sich eben leichter Geld verdienen. Die AG lehne daher jede Form der Bahnprivatisierung grundsätzlich ab und unterstütze entsprechende Aktivitäten von Partei, Bundestagsfraktion und Gewerkschaften. sch
Markus Zimmermann schrieb am 26.06.2008, 08:50
Auch mir graust's vor der Bahn-Privatisierung. Neue Haltepunkte (richtiger wäre Fahrgast-Abwurfstelle) werden nach wie vor mit üblen Barrieren errichtet; das Rest-Personal ist zwar oft gutwillig, meist aber heillos überfordert und im Zweifelsfall maulfaul (für Blinde besonders fatal). Gefragt ist jedoch letztlich die Politik, und die sollte sich hüten, z. B. die Ausgleichszahlungen für die freie Begleitperosn zu streichen. Denn dann träten die Probleme noch eklatanter zutage. Wir sollten also nicht jetzt schon schlafende Hunde ecken, indem wir uns ausmahlen, was man alles bahnseitig noch weglassen könnte. Stattdessen müssen wir auf allen Ebenen an die Politik und im übrigen fahren, fahren und nochmal fahren - egal wie, notfalls mit dem Rollstuhl oder Blindenstock den Betrieb aufhalten. Setzen Sie sich bei überfüllten Zügen ruhig in die 1. Klasse. Mangels Personal kommt ohnehin selten wer vorbei, und wenn, dann fordern Sie ihn höflich auf, für Abhilfe zu sorgen. Vielleicht hilft uns die schleichende kollektifve Anarchie am besten weiter.
Christiane Creutzburg schrieb am 25.06.2008, 16:05
Solange Menschen wie Dorothea Moesch mit ihren Leserbriefen behinderte Menschen ins Lächerliche ziehen, können die Probleme behinderter Menschen hier zu Lande nicht gelöst werden. Erst wenn diese lächerlich machenden Leserbriefe aufhören kann es besser werden.
Arnd Hellinger schrieb am 25.06.2008, 14:56
Dass es in Bochum Hhf - zwischen 6.30 und 22.00 Uhr - soeie Düsseldorf Hbf sowie anderen Bahnhöfen mit analogem Verkehrsaufkommen (derzeit noch?) guten Service von DB-Mitarbeitern gibt, weiß ich auch. Nur hat der seine Ursache wenigstens teilweise in der per Konzerntarifvertrag mit den Gewerkschaften verabredeten Arbeitsplatzgarantie für Leute, die z.B. als Schrankenwärter, Fahrdienstleiter, Zugbegleiter etc. "freiigesetzt" werden. Verlassen sie (warum auch immer) den DB-Konzern, fallen deren Stellen i.d.R. weg.
Wohin das führt, sieht man bereits heute in Kiel, Weimar, Jena, Schwerin oder Görlitz, wo Servicepersonal nur noch für wenige Stunden pro Tag anwesend ist. Ohne Anmeldung über die MSZ mit mindestens zwei Werktagen Vorlauf läuft hier rein gar nichts mehr. Und dann gibt es noch 3.900 weitere Bahnhöfe/Halteppunkte ganz ohne Eisenbahner vor Ort, wobei die dort verkehrenden Züge selbst auch oft im Einmannbetrieb (=nur Triebffahrzeugführer) gefahren werden mit der Folge, dass jede geleistete Ein-/Ausstieghilfe gleich eine Verspätung von 3-5 Minuten verursacht...
Der durch den Börsengang ausgelöste Kostendruck wird - das zeigen Großbritannien und Svhweden - diese Tendenz noch verstärken. Nicht umsonst haben Neuseeland und einige US-Staaten ihre Bahnen wieder verstaatlicht.
Infantile Unmutsbekundungen wie jene von Frau Moesch bringen uns in der Sache jedoch nicht weiter.
Bernd Masmeier schrieb am 25.06.2008, 12:59
Zunächst einmal: auch ich sehe die Privatisierung der DB AG mit einigem Unbehagen. Einfach deshalb, weil sich bei ähnlichen Aktionen in anderen Ländern gezeigt hat, dass für die Reisenden mehr Nach- als Vorteile dabei herauskamen. Meine derzeitigen Erfahrungen mit der DB bzw. dem Personal auf den Bahnhöfen sind jedoch weit besser als in dem Artikel beschrieben. Erst am 16. Juni 2008 war es überhaupt kein Problem, in Bochum Hbf. zum Service zu rollen, sich dort zu melden und mit der Einstiegshilfe in den nächsten ICE nach Düsseldorf gesetzt zu werden. Und auch die Abholung dort war trotz der kurzen Fahrzeit von weniger als einer halben Stunde kein Problem. Richtig ist allerdings, dass sich u.U.nach einer Privatisierung der Service durch Personaleinsparungen verschlechtern könnte; hier ist sicherlich Wachsamkeit geboten.
Überhaupt nicht zustimmen kann ich dem Leserbrief von Dorothea Moesch. Sie tut mit diesen absolut unsachlichen Äußerungen nicht nur dem durchaus bemühten Personal der DB sowie vielen hilfsbereiten Mitreisenden in deren Zügen unrecht, sondern auch zumindest einigen Selbsthilfeorganisationen behinderter Menschen, die z.T. erhebliche Anstrengungen unternehmen, um die "Wohnlandschaft" für behinderte Menschen zu verändern und mehr ambulant betreute Angebote in diesem Bereich zu schaffen. Da dies hier nicht das Thema ist, will ich hierauf nicht weiter eingehen. Anmerken möchte ich jedoch, dass sich Menschen mit Behinderung wie alle anderen Menschen um sachliche Kritik bemühen sollten: aus historischen Gründen ist es nun einmal so, dass behinderte Menschen von Teilen der Bevölkerung (immer noch) misstrauisch beäugt werden. Daher muss Kritik sachlich vorgetragen werden, will man ernst genommen werden, es sei denn, es handle sich um eine Reaktion auf einen absolut polemischen und unsachlichen Angriff: dieser sollte dann auch mit entsprechenden Mitteln zurückgewiesen werden dürfen.
Dorothea Moesch schrieb am 25.06.2008, 11:35
Wie, mit der Bahn?
Können die das denn überhaupt? Die sind doch soooo krank!
In den Abschiebeknästen, äh, natürlich liebevoll geführten Heimen, haben sie doch Abwechslung und Ablenkung genug - aus dem Fenster gucken, den Vöglein beim Fliegen zuschauen, sich über Gänseblümchen im Park freuen, wenn der Pflegeralllalla mal gerade Bock hat auf Rausschuckeln - reicht doch.
Wie, mobil wollen sie sein, die Behindis? Sind sie doch - findet sich doch bestimmt immer ein Pfleger, ein mitleidiger Angehöriger oder ein Kirchenvereinsmitglied, das so jemanden hübsch ins Dorf schiebt zum Alteleutecafe, Kuchen schluckern und Kamilletee schlürfen - wenn der Alteleutecafebesitzer sichtbar Behinderte duldet, natürlich.
Ansonsten sind Altencenter doch immer hübsche Ausflugs- äh, schiebeziele.
Und dafür braucht man nichtmal die Bahn, was den Vorteil hat: Reisende werden durch den Anblick der Diedas nicht weiter belästigt, und die bedauernswerten Behindis entdecken wieder die Ästhetik ihrer Zimmerdecke oder der Parkblümelein.
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