Kobinet Logo
Druckversion
kobinet-nachrichten 07.09.2008 - 00:52
URL:
http://www.kobinet-nachrichten.org

Ein Kalender im Kino: NoBody's Perfect

.

Von kobinet-Korrespondentin Anke Glasmacher

Berlin (kobinet) 12 durch das Schlafmittel Contergan geschädigte Menschen sind die Hauptakteure in Niko von Glasows Dokumentation "NoBody's Perfect", die am 11. September 2008 in die deutschen Kinos kommt. Sie alle haben sich bereit erklärt, für einen Kalender als Aktmodell mitzuwirken.

Die 12 sind es gewohnt, jeden Tag und bei jeder neuen Begegnung erst einmal angestarrt zu werden, weil sie mit verkürzten Gliedmaßen auf die Welt gekommen sind. Doch nun drehen sie den Spieß um und posieren ihren Körper nackt vor einer Kamera. Eingeladen sind alle, dieses Mal genau hinzuschauen.

Die Menschen, die Regisseur von Glasow gefunden hat, haben ihren Platz im Leben gefunden. Selbstbewusst, wenn auch bisweilen nicht ohne eine Spur von Sarkasmus erzählen sie ihre persönlichen Lebensgeschichten, die sich in so vielen Punkten ähneln. Wie man sie ihren Müttern nach der Geburt erst einmal wegnahm und versteckte, wie sie es geschafft haben, ihren Körper anzunehmen, von ihrem Kampf um Entschädigungszahlungen, von Trauer, Wut und Liebe und davon, wo sie in ihrem Leben heute stehen.

Der Film hat eine Menge eindrücklicher Szenen, z.B. als der Regisseur während eines Interviews auf der Straße von einer Gruppe Kinder nachgeäfft wird und sich daraus eine kurze (wenn auch gestellt wirkende) Diskussion mit den Kindern über "normal" und "anders" ergibt.
Doch der Film verfolgt diese Geschichten nicht weiter. Selbst die Frage an einige seiner Protagonisten, ob sie schon einmal daran gedacht hätten, sich das Leben zu nehmen, bleibt mitten im Raum stehen. Niko von Glasow schafft es nicht, aus den Antworten seiner Interviewpartner ein Gespräch zu entwickeln. Das hätte den Film zu einem einzigartigen Dokument gemacht, weil endlich einmal die Protagonisten selbst erzählt und die richtigen Fragen gestellt hätten.

So bleibt bis zum Schluss unklar, was der Film, dessen Grundidee ("Kalender Girls") nicht neu ist, eigentlich will. Will er 12 interessante Persönlichkeiten vorstellen und für eine Weile ihr alltägliches Leben mit allen Hindernissen, Kämpfen, mit ihren Erfolgen und in ihren Beziehungen begleiten? Ist er ein politisches Statement gegen die Ignoranz des Pharmaunternehmens Grünenthal? Oder steht im Mittelpunkt des Films der selbst Contergan geschädigte Regisseur Niko von Glasow, der selbst Modell steht und mit dem Kalenderprojekt nach einem Weg gesucht hat, mit seiner eigenen Behinderung umzugehen? Bisweilen scheint es so, dass die anderen Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller doch lediglich Statisten sein sollen. Sigrid Kwella, eine der Mitwirkenden, meinte im Interview mit dem Berliner Magazin tip nicht ganz unzutreffend: "Im Grunde, etwas unfreundlich formuliert, hat er uns dafür benutzt, seine eigene Behinderung aufzuarbeiten."

Vielleicht wäre es besser gewesen, diese wunderbaren Portraits für sich sprechen zu lassen. ag


Der DIN A3 große Kalender 2009 mit 12 Hochglanzphotos kann zum Preis von 19,95 Euro (zuzüglich Portokosten von 3,95 Euro) ab sofort unter info@palladiofilm.de bestellt werden.
 

Website zum Film 

  Follow @kobinetev
Empfehlen Sie diese Seite Ihren Freunden bei Facebook
nächste Nachricht >>
Leserbrief schreiben
Artikel versenden

Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Conti0815 dito schrieb am 09.09.2008, 00:58

Werden die Conterganopfer nicht oft benutzt?!?

Zitat >>>Wir wurden wie entmündigte behandelt,durften nicht sagen wie wir es gern hätten,wir wurden als Lockmittel benutzt und entschieden hat der Verbandsvorstand!Dahingehende Fragen von mir an Frau H.wurden nicht einmal beantwortet! <<<

Vielleicht wurde es einfach nicht von den OVen oder LVen weitergeleitet? Oder das was vom BV an die OVen oder LVen kam an die Mitglieder weitergeleitet? Wie lange haben die Betroffenen im Untergrund gesessen ohne einen Mucks von sich zu geben?

BV Hin oder Her Verbände Hin oder Her, die Komunikation funktioniert doch schlicht weg nicht, das von unten nach oben klappt nicht und umgedreht klappt es auch nicht, die LVen und OVen sind eher unfähig, da findet doch nur ein Pöstchengeschacher statt. Vielleicht fassen sich die Kritiker schlicht weg selber mal an die Nase?
Moppern geht ja immer, einfacher. Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, wenn ein Aufruf zu einer Veranstaltung gemacht wurde, waren von den Betroffenen eher wenige da!
Gut Claudia hat nen Schuldigen gefunden?!

Zitat >>>In diesem Sinne habe ich gerade mit dem Aufbau einer Selbsthilfegruppe begonnen,wo wir versuchen,IM SINNE ALLER CONTERGANGESCHÄDIGTER Hilfe und Unterstützung zu gewähren,ZUSAMMENHALTEN STATT GEGENEINANDER <<<

Noch eine Selbsthilfegruppe? Und dann? Vielleicht sollte man das bestehende stärken?


Zitat >>>Bisweilen scheint es so, dass die anderen Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller doch lediglich Statisten sein sollen. Sigrid Kwella, eine der Mitwirkenden, meinte im Interview mit dem Berliner Magazin tip nicht ganz unzutreffend: "Im Grunde, etwas unfreundlich formuliert, hat er uns dafür benutzt, seine eigene Behinderung aufzuarbeiten." <<<

Ich kenne den Film, habe ihn in Köln gesehen, und kann die Kritik so nicht ganz teilen, nur soviel, man kann es eh nicht allen Recht machen!

Einen netten Gruß
Conti0815



Gerda Kaviani schrieb am 08.09.2008, 14:56

Mehrfachbehinderung durch Contergan

Liebe Claudia,
ich finde , dass in der Öffentlichkeit viel zu wenig auf die durch Contergan geschädigten Personen mit einer Mehrfachbehinderung hingewiesen wird. Ich bin das Sprachrohr meines Sohnes, denn er ist mit einer Innenohraplasie ( Fehlen des Innenohrs beidseitig , Fehlen des linken Ohrläppchen ) Facialislähmung usw. geboren worden.
Aufgrund dieser Behinderung war er nie schulfähig und muss in einer beschüzenden Werkstatt für monatlich 72€ arbeiten.
Mit freundlichen Grüssen
Gerda Kaviani

© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten

Seite drucken
Zur Online Version