
Berlin (kobinet) Uwe Frevert vom Vorstand der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland eröffnet heute in Berlin zusammen mit Bundesminister Olaf Scholz und der Beauftragten für die Belange behinderter Menschen, Karin Evers-Meyer, die Informationskampagne "alle inklusive! Die neue UN-Konvention". Im kobinet-Interview hob der Sozialpädagoge aus Kassel die Bedeutung der Behindertenrechtskonvention für die gesamte Gesellschaft hervor.
kobinet: Welche Veränderungen bringt die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen für Deutschland mit sich?
Frevert: In keiner UN-Konvention kommt der Macht verschiebende Ansatz (Empowerment) so prägnant zum Tragen wie in diesem Übereinkommen. Es geht um die Abkehr von der traditionellen Behindertenhilfe, die auf vermeintliche Fürsorge und Ausgleich der Defizite abzielt. Unser Leben in Deutschland ist all zu oft durch systematische Aussonderung in so genannte Heime, Sonderfahrdienste, Sonderschulen, Werkstätten für Behinderte und separate Berufsbildungswerken geprägt.
kobinet: Du sprichst von einem System der Selektion in Deutschland ...
Frevert: … das Zahlen in schockierender Weise belegen: Nur ca. 12% der behinderten Kinder in Deutschland können eine Regelschule besuchen, im restlichen Europa sind es dagegen nahezu 80%. Nahezu 90% der Gelder für die Eingliederungshilfe nach dem SGB XII werden in die Institutionen gesteckt und nicht für die Hilfe zur Beteiligung am Leben der Gemeinschaft, wie sie zum Beispiel für die Schulassistenz erforderlich ist. Ebenso verhält es sich mit der Hilfe zur Pflege nach dem SGB XII mit ca. 70% für die "Heime" und nur zu ca. 30% für ambulante Hilfen.
kobinet: Was ist zu tun?
Frevert: Mit der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention müssen wir erreichen, dass Behinderung als normaler Bestandteil menschlichen Lebens und als Quelle kultureller Bereichung in der Gesellschaft verstanden wird. Aufgrund ihres Macht verschiebenden Ansatzes hat diese Konvention eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Die Gesellschaft muss Behinderung als Bestandteil menschlichen Lebens und Zusammenlebens anerkennen und somit zu ihrer Humanisierung beitragen. Dabei sollen die Betroffenen selbst ein Bewusstsein ihrer eigenen Würde ("sense of dignity") ausbilden. Da diese positiv stimulierende Selbstachtung jedoch durch die abschiebende Praxis in Sondereinrichtungen kaum entstehen kann, ist diese Machtverschiebung erforderlich, die von uns seit vielen Jahren gefordert wird.
kobinet: Die Konvention hat also Bedeutung für die Humanisierung der Gesellschaft im Ganzen.
Frevert: Ja, das ist genau der Punkt. Indem sie Menschen mit Behinderungen davon befreit, sich selbst als "defizitär" sehen zu müssen, befreit sie zugleich die Gesellschaft von einer falsch verstandenen Fixierung, durch die all diejenigen an den Rand gedrängt werden, die nicht den Normkörper einer Modellagentur haben. Oder für die es unrealistisch ist, permanente Leistungsfähigkeit zu erlangen. Das Leben mit Behinderungen wird als Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt positiv gewürdigt. Die geforderte Anerkennung gilt demnach nicht nur den behinderten Menschen und ihrer Würde, sondern erstreckt sich eben gerade auf unsere durch die Behinderung bedingten besonderen Lebensformen.
Dahinter steht die Einsicht, dass die eigenen Kommunikationsformen, die Menschen mit spezifischen Behinderungen ausgebildet haben (etwa die mit Gebärdensprache oder das Lesen und Schreiben mit Braille), nicht nur ein Notbehelf sind, mit dem kommunikative "Defizite" kompensiert werden, sondern Kulturerrungenschaften darstellen, die gesellschaftliche Wertschätzung und staatliche Förderung verdienen.
(Das Gespräch führte Franz Schmahl)