![]()
Druckversion
kobinet-nachrichten
02.02.2009 - 00:05
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Berlin (kobinet) Jürgen Bünte vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin - ABSV setzt sich kritisch mit dem kontrovers diskutierten Bohmter Verkehrskonzept ohne Regeln (kobinet 29.11.08) auseinander. Seinen der Redaktion übermittelten Beitrag veröffentlicht heute kobinet - ein wenig, aber unwesentlich gekürzt:
Wieder einmal habe ich Anlass, mich über die Missverständlichkeit von Begriffen auszulassen. Das Wort Barriere bezeichnet allgemein ein Hindernis, das ich entweder mit mehr oder weniger Aufwand überwinden kann oder das mir das Erreichen eines Ziels verwehrt. Ein Hindernis kann gegenständlich oder informell sein. Es kann mich so an Informationen, an gesellschaftlichen Zusammenkünften, kurz am Erreichen meiner Ziele hindern. Sind diese Barrieren überwindbar, sprechen wir von Barrierefreiheit.
Seit Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten selbstbewusst ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einfordern, ist "Barriere" zu einem Schlüsselbegriff für die Hinderung an dieser Teilhabe geworden. Eine Treppe, eine hohe Bordsteinkante, eine schmale Tür wird noch unmittelbar als eine Barriere für Menschen im Rollstuhl wahrgenommen. Vergessen dagegen wird, dass Barrieren auch dann vorhanden sind, wenn blinde und sehbehinderte Menschen keine Hilfen für eine selbständige Orientierung auf Wegen und in Gebäuden vorfinden. Typisch für die Vorstellung vieler Sehender ist, dass sie den Blinden alles aus dem Weg räumen müssten. Dass dabei auch hilfreiche Orientierungspunkte verloren gehen können und so zu einer Barriere werden, wird dabei nicht mitbedacht.
Mich graust die Vorstellung, ich stünde allein auf einem großen leeren Platz, mein Langstock würde nur glatte Flächen signalisieren, kein Anhaltspunkt für eine Orientierung - völlig barrierefrei - sollte man denken?
Vor kurzem äußert sich erstaunt ein Journalist, als er die Bedenken der Blinden und Sehbehinderten gegen das Verkehrsprojekt "shared space" vernimmt: "Von Behinderten wird doch aber immer wieder gerade die Barrierefreiheit gefordert." Das Gespräch dreht sich um die faszinierende Vorstellung von Straßenverkehr ohne Schilder, Ampeln und der Verständigung vernünftiger Verkehrsteilnehmer über den Blickkontakt.
Hier entsteht das große Missverständnis: Barrierefreiheit im Straßenverkehr kann für uns niemals bedeuten, dass Ampeln mit Zusatzeinrichtungen zur sicheren Straßenüberquerung entfallen und orientierende Gehwegsstrukturen fehlen oder zugestellt werden können.
Ich kann mir zu "shared space" nur ein Nein, Danke! vorstellen, denn diese Art von Barrierefreiheit baut tatsächlich neue Barrieren für mich auf. Shared space wird von seinen Befürwortern als "ideale Umsetzung" des Paragraphen 1 der Straßenverkehrsordnung verklärt, dort heißt es:
§1 Grundregeln
(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder
belästigt wird.
Weiter lese ich dann in den Kommentaren von Selbstverantwortung - Eigenverantwortlichkeit - Bürgernähe - gegenseitiger Rücksichtnahme - sozialem Verhalten - Gleichstellung - entspanntem Miteinanderumgehen - Vorsicht durch Verunsicherung - Sicherheit durch Umsicht - Sicherheit durch Verunsicherung - Sicherheit durch Gefahr - Abnahme von Chaos und Aggression - Umdenken - Fairness - Abbau von Regeln und damit Abbau von Bürokratie - einer freiwilligen Verhaltensänderung aller und immer dem Nachdruck auf Verständigung durch Blickkontakt und Gestik.
Hier drängt sich bei all dem die leidige Realität auf: das ungleiche Kräfteverhältnis von Muskel- und Motorkraft - die Chancenlosigkeit eines Blinden beim Blickkontakt im Kräftemessen auf der Straße - die alltägliche Aggressivität - das geringe Maß der Einsichtsfähigkeit - die zunehmende "Unhörbarkeit" von Motorgeräuschen - die Schuldfrage bei Unfällen, wenn als Verkehrsregel nur mehr der § 1 anwendbar ist.
Die ersten positiven, gar überschwänglich lobenden Erkenntnisse aus Bohmte können nicht verallgemeinert werden. Sie sind meiner Ansicht nach einer Ausnahmesituation geschuldet, die dort entstanden ist, wo Kamerateams aus aller Welt ihre Objektive auf die schöne neue Verkehrswelt richten und einige Blinde zeigen, was sie können, und alle Verkehrsteilnehmer ihre Rücksicht demonstrieren. Machen wir uns nichts vor: Die Rücksicht entfällt und wird einer allgemeinen Rücksichtslosigkeit Platz machen, sobald "shared space" seinen Eventcharakter verloren hat. Barrierefreiheit wird da selbst zur Barriere, wo sie zu Orientierungsfreiheit, d. h. zur Orientierungsbarriere, verkommt ... sch
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten