Berlin (kobinet) Ein Runder Tisch hat heute im Deutschen Bundestag seine Arbeit aufgenommen, um das an Heimkindern in der frühen Bundesrepublik begangene Unrecht aufzuarbeiten. Peter Wensierski erwartet eine offene und ehrliche Abrechnung mit einem der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Spiegel-Journalist und Autor des Buches "Schläge im Namen des Herrn" sagte im kobinet-Interview: "Die Öffentlichkeit wird kritisch hinsehen müssen, wenn der Runde Tisch jetzt zwei Jahre lang tagt."
kobinet: Mit Ihrem Buch "Schläge im Namen des Herrn" haben sie das Unrecht gegenüber Heimkindern in der frühen Bundesrepublik öffentlich gemacht. Was erwarten Sie vom Runden Tisch, der heute nun seine Arbeit im Deutschen Bundestag aufgenommen hat?
Peter Wensierski: Ich erwarte eine offene und ehrliche Abrechnung mit einem der dunkelsten Kapitel, das in den 60 Jahren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland passiert ist. Menschen wurden massenhaft ihrer Lebenschancen beraubt, sie wurden misshandelt, missbraucht, zur Arbeit gezwungen. Beide Kirchen haben 14-jährige Kinder, die nur aus anderen Heimen versucht hatten abzuhauen, etwa zu ihrer Mutter zurück wollten, in straflagerähnlichen Einrichtungen tagein, tagaus im Moor schuften lassen. Es wurden Kinder blutig geschlagen, in Verließe eingesperrt, sie mussten auf Holzscheiten mit nackten Beinen knien und beten. Diese Menschen leben und leiden noch heute darunter.
Die Hilfe, die ihnen damals verweigert wurde, muss jetzt nachgeholt werden. Am Runden Tisch werden drei Vertreter der Heimkinder sein und etwa 17 Vertreter von Institutionen der Kirchen, des Bundes, der Bundesländer,vor allem solche, die heute in der Verantwortung der Betreiber von damals stehen. Anders als die Heimkinder, die nie eine Lobby hatten, sind dies alles Vertreter mit viel Gremien- und Politikerfahrung. Es gibt eine Reihe von Mitgliedern des Runden Tisches, die eine ehrliche Aufarbeitung und Wiedergutmachung wollen. Besonders bei evangelischer wie katholischer Kirche gibt es aber auch eine große Angst davor, für das was in den von ihnen geführten Heimen geschehen ist, heute in Haftung genommen zu werden.
Die Kirchen haben etwa Wissenschaftlern der Universität Bochum über eine Mittlerstelle weit über 100.000 Euro gegeben. Diese so bezahlten Wissenschaftler wollen offenbar nun die Schuld der kirchlichen Heime relativieren . Das haben sie jedenfalls kürzlich schon zu Beginn (!) ihres angeblich unabhängigen Forschungsprojektes öffentlich verraten. Das haben viele Heimkinder bitter zur Kenntnis nehmen müssen, sie bezweifeln deshalb, dass es von den Kirchen außer warmen Worten auch echte materielle Hilfe für sie geben wird. Dabei waren 80 Prozent der Heime kirchlich geführt. Sie sagen, von dem Geld hätte man zum Beispiel besser eine große Ausstellung mit ihren Lebensgeschichten und Erfahrungen in den Heimen machen können. Die Kirchen haben die Moral und den Stil der Zeit wesentlich mitgeprägt. Uneheliche Kinder, beispielsweise, galten wegen der Kirchen als Kinder der Sünde und sie wurden so wertlos und respektlos auch in deren Heimen behandelt. Die Öffentlichkeit wird kritisch hinsehen müssen, wenn der Runde Tisch jetzt zwei Jahre lang tagt.
kobinet: Sie halten auch jetzt noch enge Kontakte zu ehemaligen Heimkindern aufrecht, die mit ihrem Verein am Runden Tisch vertreten sind. Könnten Sie die wichtigsten Forderungen der Betroffenen zusammenfassen?
Peter Wensierski: Das Geschehene lässt sich nicht rückgängig machen, aber die Not heute noch lindern. Sie fordern deshalb eine Wiedergutmachung, das bedeutet einen Unterstützung bei der Aufarbeitung, freien Zugang zu ihren Akten, Hilfe bei Trauma-Therapien, Hilfe bei der Vernetzung von Kindern aus den gleichen Heimen untereinander, eine Anerkennung ihrer Arbeitszeiten für die Rente, Aufklärung des sexuellen Missbrauchs, eine schonungslose historische Aufdeckung, warum und was da eigentlich mit ihnen geschah, Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit, der Suche nach Zeugen und Tätern, eine finanzielle Entschädigung für erlittenes Leid, die öffentliche Anerkennung, dass nicht sie Schuld auf sich geladen haben, sondern diejenigen, die die Heime einst betrieben haben, die Herstellung ihrer Würde, die Aufarbeitung dieser schwarzen Pädagogik von Zucht, Ordnung und Disziplin, die sich nie wieder wiederholen darf. (Das Gespräch führte Franz Schmahl)
Berichte ehemaliger Heimkinder auf der Webseite ihres Vereins
Martin Mitchell schrieb am 08.05.2009, 06:14
Vertraute, Betroffene, Mitstreiter, Unterstützer und Interessierte ... und Kontrahenten und Dilettanten.
Kurze Zusammenfassung der diesbetreffenden Geschehen in den letzten 6 Monaten.
Neues Staatsunrecht und Verhöhnung der damaligen Heimerziehungsopfer in der Bundesrepublik Deutschland kommt täglich hinzu !
1. ) ( 26.11.2008 ) Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat sein Bedauern ausgesprochen:
"Der Petitionsausschuss sieht und erkennt erlittenes Unrecht und Leid, das Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Kinder- und Erziehungsheimen in der alten Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1945 und 1970 widerfahren ist und bedauert das zutiefst."
2. ) ( 04.12.2009 ) Der Deutsche Bundestag schließt sich schweigend und kaum bemerkbar dem Petitionsausschuss an und verspricht einen »Runden Tisch« einzurichten.
3. ) Geheimnisvolle Eröffnungssitzung des »Runder Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren« in Berlin. Noch nicht einmal eine Teilnehmerliste wird zur Verfügung gestellt ( und ist bis heute [ 08.05.2009 ] nicht zu erhalten ! ).
4. ) ( 2./3.12.2009 ) Erste Arbeitssitzung des »Runder Tisch Heimerziehung« in Berlin:
( a. ) Eine Teilnehmerliste ( auch für diese Sitzung ) steht weiterhin nicht zur Verfügung.
( b. ). Vorsitzende des »Verein ehemaliger Heimkinder e. V.« Monika Tschapek-Güntner vom »Runden Tisch« ausgesperrt.
( c. ) Verhandlungsführer des »Verein ehemaliger Heimkinder e. V.« Werner Molter vom »Runden Tisch« ausgesperrt.
( d. ) Opferbeistandsanwälte des »Verein ehemaliger Heimkinder e. V.«, Gerrit Wilmans und Michael Witti vom »Runden Tisch« ausgesperrt.
5. ) "Behinderte Heimkinder" während irgend einem Zeitraum in der Bundesrepublik Deutschland sollen in keiner Weise am »Runden Tisch« erwähnt oder berücksichtigt werden ( dies wurde kürzlich von der AGJ schriftlich bestätigt ! ).
6. ) Der »Runder Tisch Heimerziehung« hat sich strikt auf den Zeitraum zwischen 1950 bis 1969 zu beschränken.
7. ) Sitzungsprotokolle des »Runder Tisch Heimerziehung« sollen Staatsgeheimnis bleiben: "Die Protokolle der Sitzungen des Runden Tisches Heimerziehung sind nicht öffentlich einsehbar."
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Helmut Jacob schrieb am 17.02.2009, 16:34
Diese Frage stellt sich mir seit einigen Wochen, seit ich beobachte, wie denn nun der Runde Tisch besetzt werden soll. Allerdings scheint die Teilnehmerzahl auf 20 Personen begrenzt zu sein. Es kristallisiert sich heraus, dass drei Personen des Vereins Ehemaliger Heimkinder am Tisch sitzen sollen.
Erlaubt muss aber die Frage sein, ob der Verein Ehemaliger Heimkinder überhaupt befugt ist, die Interessen aller Heimopfer zu vertreten und erlaubt sein muss auch die Frage, ob er überhaupt gewillt ist, die Interessen aller Heimopfer zu vertreten.
Es ist keineswegs zu akzeptieren, dass ein einziger Verein quasi monopolistisch die Vertretung aller Heimkinder übernimmt. Einige Diskutanten im Forum des Diakonischen Werkes Deutschland haben bereits sofort nach der abschließenden Sitzung des Petitionsausschusses am 26.11.2008 den Antrag gestellt, die Herren Professor Manfred Kappeler und Dipl. Pädagoge und Psychologe Dierk Schäfer zum Runden Tisch einzuberufen. Beide Personen genießen höchstes Ansehen und höchstes Vertrauen in der Gruppe der Heimopfer. Sie haben mutig das formuliert, woran andere meinen, noch jahrelang herumforschen zu müssen. Nämlich, dass es Gewalt und Verbrechen in den Heimen gegeben und wie Prof. Kappeler geäußert hat: „Die Ausnahme war es vielmehr, wenn Erzieher vom Zwangssystem abwichen.“
Beide aufrechte Personen sprechen sich auch nicht mehr nur für eine Entschuldigung aus, sondern beispielsweise Dierk Schäfer formuliert hierzu: „Eine kirchliche Bitte um Vergebung würde um so glaubhafter, wenn die Kirchen zusammen mit den staatlichen Instanzen einen Opferfond finanzieren, aus dem dann die erforderlichen Psychotherapien bezahlt werden können, die den traumatisierten Heimkindern helfen, mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden.
Sind es solche und ähnlich mutige Äußerungen der Herren Kappeler und Schäfer, die sie vom Runden Tisch aussperren? Will der Runde Tisch oder wollen die Initiatoren dieses Tisches so viel Kritik nun doch nicht hören? Dient diese Kritik nicht eher dem Ansinnen der Opfer, immer wieder nach einem Opferfond zu schreien? Steht dieses Geschrei nicht dem Ansinnen der Familienministerin, den Kirchen und staatlichen Rechtsnachfolgern im Wege, am liebsten solche Forderungen im Nirwana verschwinden zu lassen? Wenn dies so ist, dann geschieht durch die Aussperrung dieses honorigen Opfervertreter eine weitere Misshandlung der Opfer! Dann dokumentieren jene, die über die Zusammensetzung des Runden Tisches zu entscheiden haben, dass sie die Opfer nicht ernst nehmen, dass sie nicht mit den Opfer agieren wollen, sonder über ihre Köpfe hinweg. Dies lässt für das Ergebnis des Runden Tischs nichts Gutes erwarten.
Die AGJ ist aufgefordert, jeden Verdacht auszuräumen, dass diese Runde-Tisch-Nummer nur ein Schauspiel ist, über das mehr oder weniger sporadisch berichtet wird, um ungeduldige Gemüter zu beruhigen und bei dem das Endergebnis längst abgekartete Sache ist.