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kobinet-nachrichten
03.07.2009 - 09:01
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Von Andrea Schatz
Berlin (kobinet) Dies ist die Lebensgeschichte von Dien, der sich nicht unterkriegen lässt. Es ist zugleich die Schilderung einer ungewöhnlichen Freundschaft. Und es ist die Beschreibung eines fernen Landes zwischen Tradition und Moderne, das noch immer von Kriegen gezeichnet ist.
Bruni Prasske war nach Vietnam gekommen, um das Land kennen zu lernen und an einer Geschichte über ehemalige Vertragsarbeiter aus der DDR zu arbeiten. Auf der Suche nach einer kundigen und deutschsprachigen Kontaktperson in Saigon trifft sie Dien, den Rollstuhlfahrer mit dem umwerfenden Lächeln und dem Jackie-Chan-Charme. Diese Begegnung ändert ihre Pläne. Diens Lebensgeschichte, seine Stärke und sein Mut lassen sie nicht mehr los und die beiden beschließen, sich näher kennen zu lernen und zusammen zu reisen, um gemeinsam Diens unbekannte Heimat zu erforschen.
Fast 2 Monate verbringen sie miteinander, in Saigon und unterwegs. Täglich warten neue Herausforderungen in diesem Land, in dem Straßen keine Selbstverständlichkeit sind und Behinderung als Schande und Strafe Gottes angesehen wird.
Spannend und bewegend ist die abenteuerliche Reise dieser ungleichen Weggefährten: Bruni, die Langnase aus Hamburg, studierte Pädagogin, Sozialarbeiterin in Asylunterkünften, Einwanderer- und Flüchtlingsprojekten, Iranreisende, Autorin, Marathonläuferin - und Dien, der Kriegsverletzte aus dem Mekongdelta, von terre des hommes gerettet und zur Behandlung und Rehabilitation nach Deutschland ausgeflogen, der dort sechs glückliche Kindheitsjahre verlebt und mit 11 Jahren zurück muss in eine Heimat, die keine mehr ist, der Uhrmacher wurde, weil er die Zeit zurückstellen möchte, zurück auf schöne Stunden.
Auch nach 34 Jahren hat Dien Heimweh nach Deutschland: "Ich will noch immer nicht wahrhaben, dass ich für immer hier leben muss." Dies zu lesen ist bitter, aber verständlich angesichts der geschilderten Bedingungen. Das Leben ist hart für einen Querschnittsgelähmten in Vietnam: Es gibt keine barrierefreien Orte, Einrichtungen oder Verkehrsmittel. Viele Themen, vor allem persönlicher und hygienischer und erst recht sexueller Art, sind tabu. Behinderte Menschen werden bestenfalls bemitleidet, oft wird hinter ihrem Rücken geredet oder gewitzelt.
Ein nach Amerika ausgewanderter Vietnamese und Rollstuhlfahrer bricht in Tränen aus, als er hört, dass Dien in Saigon lebt: " I can' t believe it. How can he live in Saigon? In a wheelchair! That's almost impossible". Aus Angst vor Unheil werden Behinderte gemieden und ausgegrenzt.
Einmal möchte ein 5-jähriges Mädchen neben Dien sitzen, weil sie der Rollstuhl fasziniert. Dien findet, dass sei keine gute Idee. Da er nicht weiß, wie ihre Mutter darüber denkt, ist er lieber vorsichtig: "Es könnte als schlechtes Omen gewertet werden, wenn Lisa in einem Rollstuhl sitzt. Sollte ihr etwas zustoßen, würde es mit diesem Moment in Verbindung gebracht werden." Ein starker und weit verbreiteter Aberglaube.
Bruni Prasske beschreibt einfühlsam das Leid, aber auch die Momente des Glücks in Diens Leben - ohne Gefühlsduselei und ohne Schuldzuweisungen. "Mutter Theresa", schimpft sie mit Dien, wenn er wieder mal viel zu nachsichtig mit seinen Landsleuten ist. Auf der Reise wachsen Nähe und Vertrautheit, die es Dien ermöglichen, Empfindungen und Erlebnisse preiszugeben, die er sonst, wie für Vietnamesen üblich, für sich behalten hätte. Die Freundschaft zu Bruni bringt ihm neue, positive Erfahrungen und gibt ihm Gelegenheit, sich selbst besser kennen zu lernen. Nach fast vier Jahrzehnten schwimmt er das erste Mal wieder im Meer und schreit sein Freude hinaus.
Bruni genießt das Reisen und das Zusammensein mit Dien, seine Offenheit und sein großes Herz. Neugierig, feinfühlig und energiegeladen ist Bruni und aufgeschlossen für alles. Unerschrocken steigt sie auf den Rücksitz von Diens dreirädrigem Moped und setzt sich hautnah dem Verkehrswahnsinn in Saigon aus, den überfüllten Nationalstraßen und unwegsamen Pisten im Delta. Im tiefsten Nirgendwo des Mekongdeltas wohnt sie mit Diens Großfamilie in der einfachen Behausung. Um sich in Diens Fortbewegung hineinversetzen zu können, übt sie das Rollifahren - vorzugsweise auf zwei Rädern - und sie rennt, Dien im Rolli schiebend, im Rhythmus des Marathons kilometerweit durch Hoi An. Dien ist ihr dabei ein gefühlvoller, intelligenter, witziger Gefährte und "manchmal sogar charmant".
Anschaulich schreibt Bruni Prasske über Land und Leute. An Sehenswürdigkeiten hat sie weniger Interesse, dafür umso mehr an Menschen. Sie schildert, was sie sieht und was die Leute erzählen auf den Märkten und Feldern, in Garküchen und Schneidereien, beim Essen, in den Familien. Mit Respekt und Humor beschreibt sie Traditionen der vietnamesischen Gesellschaft, kulturelle Unterschiede und jede Menge Fettnäpfchen, in die man tappen kann. So gibt es eine Unmenge an Verhaltensregeln und korrekten Anreden, die man unbedingt beachten muss und natürlich Themen, die man keinesfalls in Gesellschaft anschneiden sollte.
Von Seite zu Seite zog es mich mehr in den Bann und den Sog dieser Lebens- und Reisegeschichte. Natürlich, weil es ein toll geschriebenes Buch ist, aber auch weil ich einige Orte und Begebenheiten selbst erlebt hatte. Ich bin Rollstuhlfahrerin und gemeinsam mit 2 blinden Frauen, einem Fußgänger, einer Rollifahrerin und 2 Assistenten reiste ich 2007, im gleichen Jahr wie Bruni und Dien, für 3 Wochen durch Vietnam. Als Touristin traf mich keine Ablehnung, sondern wie Dien es nennt, der "helle Schein, der auf eine Langnase fällt". Auch konnte ich dank tatkräftiger Unterstützung unserer Assistenten und Reiseleiter unbeschwert das Land erleben.
Aber oft genug fragte ich mich, ob es überhaupt behinderte Menschen gibt (denn ich sah so gut wie keine) und wie sie wohl in Vietnam leben. Jetzt weiß ich es. "Hier in diesem Land, wo Behinderte nur als kaputte Maschinen und Last angesehen werden, leben wir wie Schnecken, die sich bei jedem Geräusch vor Angst in ihren Häusern verstecken, so wie auch ich es oft genug getan habe", schreibt Dien. Er hofft, dass dieses Buch anderen Menschen Anregung, Kraft und Hoffnung geben kann. Ich auch. sch
Bruni Prasske
Immer noch träume ich von Deutschland
Reise in ein Leben zwischen Deutschland und Vietnam
Ehrenwirth Verlag in der Verlagsgruppe Lübbe
348 Seiten
ISBN 978-3-431-03784-5
heike oldenburg schrieb am 21.08.2009, 12:25
durch einen kontakt mit Malta (410.000 bewohnerInnen auf 3 inseln mit 316 qm) ist mir bekannt, dass dort eine art blindengeld 1964 eingef+ührt wurde. aus fairness wurde ca. 1973 (74? 75?) eine geldsumme für alle behinderten eingeführt. erst zu diesme zeitpunkt wurden viel behinderte - sprichwörtlich "aus dem keller" geholt -, um dieses geld abrufen zu können. es ist erschütternd, dass viele menschen in diesem kleinen staat bis zu diesem zeitpunkt behinderte familienmitglieder togeschwiegen und versteckt haben. meinem kontakt - und auch mir - ist es unbegreiflich, wie "gute Katholiken" ihre eigenen kinder aus scham wegverstecken konnten. so viel zur macht von stigma und mal eins einer "guten" wirkung von gegenmacht von geld.
Ilona Falkowski schrieb am 08.07.2009, 12:12
Das ist ja höchst interessant! Ähnlicher Umgang bzw. das "Verstecken" von Behinderten wird manchmal ebenfalls in anderen Entwicklungsländern (z. B. Peru) praktiziert. Ich war einige Jahre in einem Verein mit Peruanerinnen engagiert, der durch den Verkauf von Kunsthandwerk, durch Spendensammlungen sowie Sammlung von gebrauchten Hilfsmitteln wie Rollatoren u. Rollstühlen Behinderten in Lateinamerika - Schwerpunkt Peru - half. Wir gaben auch finanzielle Unterstützung, um Behinderten das Leben zu erleichtern bzw. ihnen eine bessere Teilhabe zu ermöglichen. Z. B. erhielt ein Junge, der wegen Polio nicht mehr laufen konnte (Er wurde von seiner Familie auf dem Dachboden "versteckt" und nur manchmal von seinen Brüdern in einer Schubkarre transportiert), einen Rollator, der es ihm ermöglichte, sich mit viel Willenskraft wieder selbst fortzubewegen.
Es ist wichtig, neben dem Engagement für Behinderte in Deutschland auch darauf hinzuweisen, dass Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern doppelt diskriminiert werden.
Bei meinen Reisen nach Mexiko merke ich, dass auch dort noch Nachhilfe zu diesem Thema notwendig ist. Z. B. war ich im Februar d. J. bei einer Freundin zu Besuch, ca. 2 Autostunden von Mexico-City entfernt. Ein traumhafter Ort (Valle de Bravo) .... Die Freundin lud mich zum Essen in ein Luxushotel ein; zu diesem gelangt man nur über eine zwar neue, aber wacklige Holzbrücke ca. 5 m über dem Boden schwebend ohne Geländer, und dann steht man vor vielen unzugänglichen Treppchen und Terrassen. Zu den Toiletten kommt man auch nur über Treppen ohne Fahrstuhl.
Gott sei Dank habe ich immer helfende Arme, wo ich mich einhaken kann.
In Mexico-City ist schon viel verbessert worden, auch in Touristenorten. Seit 2 Jahren fahre ich in einen Pazifikort, der vor ca. 25 Jahren neu angelegt wurde und zu 95% für mexikanische Verhältnisse barrierefrei ist. Allerdings gehen die Mexikaner mit Behinderten "selbstverständlich" um, d. h. sehr liebevoll kümmert sich der Familienclan um sie. Auch mir wird aufmerksam und taktvoll eine Hand gereicht, wenn ich Manches nicht so flott wie Nichtbehinderte machen kann.
Ilona Falkowski
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