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kobinet-nachrichten 03.08.2009 - 09:17
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Zauberwürfel - gigantische Seifenblase?

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Hamburg (kobinet) Ralph Raule vom Gebärdenwerk in Hamburg versucht heute im kobinet-Interview, die ebenso kontrovers wie leidenschaftlich geführte Diskussion um den "Zauberwürfel" zu versachlichen. Unter diesem Namen soll ein neues Zentrum für gehörlose Menschen in Hamburg und Umgebung in einem ehemaligen Autohaus am Hauptbahnhof entstehen (kobinet 21.7.09). Sollte sich dies "nur als gigantische Seifenblase" entpuppen, würde "viel Wut bei den Betroffenen entstehen".

kobinet: Wie bewerten Sie und das Gebärdenwerk die Idee des umstrittenen Zauberwürfel-Projekts in Hamburg?

Ralph Raule: Offen gesagt, wir sind gespalten. Einerseits ist es so, dass der Zauberwürfel darauf hinweist, was wirklich brach liegt. Es wird versprochen, diese Missstände zu beseitigen. Hier ist ganz besonders der Wunsch nach einem 24-Stunden-Dolmetscher-Service oder gar nur nach einer solchen Vermittlungszentrale zu nennen. Die anderen Ideen (Café, Verlag, Schulungen) sind ok. Hier entspringt der Wunsch vieler Gehörloser nach Arbeitsplätzen. Generell denken wir, eine solche Einrichtung ist auf dieser Basis interessant und zu wünschen. Am konkreten Projekt gibt es jedoch auch einige Punkte, die ich kritisch sehe.

kobinet: Aber ist so ein Zauberwürfel tatsächlich zu realisieren?

Ralph Raule: Als diplomierter Kaufmann kann ich es mir bislang nach bestem Willen nicht vorstellen, wie diese Geschichte finanziell gestemmt werden soll. Aus Jux habe ich mal gesagt: "Wenn ich es wüsste, würde ich es glatt selbst machen". Ich war auf einer der Informationsveranstaltungen und kann da nichts mitnehmen, was darauf schließt, dass es sich um ein tragfähiges Konzept handelt. Wir kennen das genaue Konzept nicht und wissen auch nicht, mit welchen operativen Zahlen hier gehandelt wird. Namen gewisser Sponsoren etc. werden nicht genannt. Wie mögliche Verträge bspw. für die Gebärdensprach-Dolmetscher, für die gehörlosen Mitarbeiter oder Kooperationspartner aussehen können, ist völlig offen. Bis gestern hieß es noch, bis zum 1. September sei die Eröffnung geplant. Nun ist es wohl der 1. Januar 2010. Damit ist in dieser Hinsicht sicherlich etwas Zeit gewonnen, aber es sind noch sehr viele Fragen zu klären, um diese geplante Servicestelle in einen Regelbetrieb zu überführen. Aus meiner Sicht eine sehr große und gewagte Herausforderung ...

kobinet: ... deren Initiatoren neben Sponsoren auch staatliche Unterstützung erwarten.

Ralph Raule: Wie gesagt, wir kennen das Konzept nicht. Dazu kann ich also nichts sagen. Wenn hier tatsächlich staatliche Mittel in die Hand genommen werden sollten, würde sich bei mir schon Einiges sträuben. Denn es handelt sich um eine privatwirtschaftliche Initiative, da sollte man schon auch ein Konzept besitzen, was langfristig sich selbst trägt und nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Anders verhält es sich mit den Kostenübernahmen üblicher Unterstützung wie bspw. Arbeitsassistenz, die jedem Arbeitgeber zustehen. Aus meiner ersten Einschätzung und von dem, was an Gerüchten gestreut wird, ist mit hohen Anlaufkosten zu rechnen. Wir reden hier wirklich von mehreren Millionen Euro. Nach derzeitigem Wissensstand fällt es mir schwer zu glauben, dass die Initiatoren es wirklich schaffen, gerade jetzt in dieser schwierigen wirtschaftlichen Zeit Sponsoren und Unterstützer zu finden, die dieses Geld beisteuern können und wollen, um das Projekt zu bewerkstelligen. Ganz nüchtern betrachtet: Investoren wollen Rendite. Ob das hier erwirtschaftet werden kann? Oder gibt es so viele Gönner, die Geld zur Verfügung haben und denen Rendite oder eine Rückzahlung eher zweitrangig ist? Hamburg ist ja auch eine Stadt mit vielen Stiftern und Spendern. Vielleicht "zaubern" die Initiatoren daraus entsprechend Mittel. Sollten sie es schaffen, dann aber Hut ab! Dann habe ich wieder etwas gelernt.

kobinet: Was halten Sie von den Befürchtungen der Kritiker des Projekts, dass ein solches privatwirtschaftlich geführtes Kommunikations- und Servicezentrum derzeit nicht zu erfüllende Wünsche der Betroffenen wecken und dabei bestehende Selbsthilfestrukturen gefährden würde?

Ralph Raule: Was heißt denn "derzeit nicht zu erfüllende Wünsche der Betroffenen wecken"? Ist es von einem Gehörlosen verkehrt, wenn er sich nachts um 3 Uhr einen Gebärdensprach-Dolmetscher wünscht, wenn er ins Krankenhaus muss? Ist es unmöglich, wenn er ein Beratungsgespräch bei der Bank mit Gebärdensprach-Dolmetscher möchte? Sind das Forderungen, die absurd sind? Wo ist sie denn, die allseits anerkannte Gebärdensprache? Gehörlose haben seit 2002 theoretisch ein Recht auf ihre Sprache, aber wirklich präsent ist sie nicht. Wenn diese Wünsche absurd sind, dann muss man auch die UN-Konvention in Frage stellen. Fakt ist: Gehörlose haben bislang sich nicht wirklich in Szene setzen können, weil sie sich kein "Gehör" verschaffen konnten. So fristen sie ein Dasein am Rande der Gesellschaft und hinken entsprechend in ihrer Entwicklung weit hinterher. Dies gilt es nun aufzuholen. Es ist bedauerlich, wenn von vielen Seiten immer wieder auf die nun entstehenden Kosten, die gehörlose Menschen verursachen werden, hingewiesen wird. Wir reden hier von Menschen, von Teilhabe. Und dann wird das Argument der Kosten gegenüber gestellt. Es ist das typische Totschlag-Argument. Mit dem üblichen und traurigen Ergebnis, dass in vielen Köpfen noch immer die Gleichung vorherrscht "taubstumm / gehörlos = dumm". Solange wir mit diesem Kosten-Argument kommen, wird sich an der tagtäglichen Situation gehörloser Menschen nichts ändern. Hier haben wir in unserer Gesellschaft noch einiges aufzuholen.

kobinet: Sicherlich bleibt jetzt auch im Licht der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen viel zu tun. Aber schafft das Zauberwürfel-Projekt nicht die Illusion, mit dem neuen Zentrum in einem ehemaligen Autohaus am Hamburger Hauptbahnhof wird alles besser, was bisher mehr oder weniger gut praktiziert wurde?

Ralph Raule: Ein bisschen Angst habe ich da schon, wenn sich diese Geschichte nur als gigantische Seifenblase entpuppt. Dann wird da viel Wut bei den Betroffenen entstehen. In Hamburg brodelt es nun gewaltig in der Szene. Ich sehe das als Vorläufer, der nun auch in andere Bereiche und auch auf andere Bundesländer rüber schwappen kann. Da hat sich mit dem Zauberwürfel etwas hervorgewagt und spaltet nun offenbar die Gehörlosen-Community. Und der Hamburger Landesverband macht momentan keine glückliche Figur, obwohl dort im Prinzip versierte Personen an der Spitze stehen. Leider ist es so, dass viele Entwicklungen verschlafen wurden und nun steht man etwas ratlos da. Um die wirklichen Probleme Gehörloser geht es vielen Verbandsfunktionären nicht. Sie kennen und verstehen sie nicht, denn sie sind oft nicht die wirklich Betroffenen. Zudem: Kluge Köpfe wurden als Querköpfe verjagt. Deren kritische Stimmen waren in den Wind geredet. Ich habe für meinen Teil auch mit meiner aktiven Mitarbeit im Verband versucht, an diesen starren Strukturen zu rütteln und letztlich dann doch aufgegeben. Es scheint verlorene Zeit, man kann sich anders sinnvoller und besser einbringen.

kobinet: So wie Sie und ihre Mitstreiter das seit einiger Zeit mit dem Gebärdenwerk tun?

Ralph Raule: Ja. Wobei man unterscheiden muss, dass wir wie auch der Zauberwürfel ein rein privatwirtschaftliches Unternehmen sind und entsprechend anders strukturiert sind. Ich will mal behaupten: privatwirtschaftliche Unternehmen können schneller und flexibler reagieren und entsprechend auch wirkliche Innovationen hervor bringen. Letztlich schaffen wir damit nachhaltig Arbeitsplätze für gehörlose Menschen und können uns auch an deren Fähigkeiten und Kompetenzen orientieren. So wie wir Gründer selbst gehörlos sind, wissen wir genau, wie wir bei diesem Thema voran schreiten. Im Gegensatz zu den Verbänden bekommen wir aber keine Subventionen etc. und schaffen es dennoch, ein tragfähiges Modell vorzuzeigen. Zudem sind wir der Auffassung, dass wir damit auch eine Vorbild-Funktion einnehmen. Schade nur, dass dies nicht von allen honoriert wird

kobinet: Wie das?

Ralph Raule: Wir beobachten Tendenzen, dass bei den Selbsthilfe-Gruppen die Meinung vorherrscht, wir vom Gebärdenwerk haben eine Geldquelle aufgemacht, welche sie selbst und besser bedienen können. Es sieht offenbar so aus, als ob ein großer Verband viele unserer potentiellen Kunden kontaktiert und sich als Anbieter für Gebärdensprach-Filme anpreist. Und damit Preise anbietet, die man nur machen kann, wenn man sich anderweitig schon die Projektmittel besorgt hat und quer finanzieren kann. Offen bleibt natürlich, wie das dann bei der Umsetzung mit der Qualität aussieht. Denn wenn die Verbände es selbst machen, entziehen sie sich die Legitimation, letztlich als politische und neutrale Instanz entscheiden zu können. Den Betroffenen fehlt dann eine Anlaufstelle, an die sie sich vertrauensvoll hinwenden können. Diese Entwicklung wäre bedauerlich, denn gerade in der jetzigen Zeit brauchen die gehörlosen Menschen starke Verbände, von denen sie sich verstanden fühlen und politisch vertreten werden. Wenn diese Signale nicht erhört werden, wird es in Zukunft weitere "Zauberwürfel" geben. (Das Gespräch führte Franz Schmahl)











 

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