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25.10.2009 - 00:56

Kafka am Sprachrand.

Von kobinet-Redakteurin Anke Glasmacher

Berlin (kobinet) Die Zusammenarbeit des Theaters zum westlichen Stadthirschen mit dem Ensemble vom Theater Thikwa ist längst zum Garant für einen kurzweiligen, sprachintensiven Theaterabend geworden. Mit ihrer Inszenierung "Kafka am Sprachrand" waren sie gerade auf dem diesjährigen internationalen Theaterfestival "No Limits" in Berlin vertreten.

Dominik Bender (Theater zum westlichen Stadthirschen), Wolfgang Fliege, Karol Golebiowski und Corinna Heidepriem (Theater Thikwa) präsentierten Auszüge aus verschiedenen Kafka-Texten in einer losen und kurzweiligen Reihenfolge. Dabei wechseln sie nahtlos zwischen Rezitation, Interpretation und Improvisation. Die düsteren Passagen der Originaltexte Kafkas werden in ihrer visualisierten Darstellung auf eine ganz neue Weise zugänglich, so eine Zuschauerin hinterher im Gespräch.

Das liegt zum Großteil daran, dass sie Kafkas oft als Parabeln angelegte Texte einfach wörtlich nehmen. Und so regnet es im Text "Kleine Fabel" plötzlich Tütenweise Mäusespeck, der teilweise gegessen und sonst für eine Mäusemauer verbaut wird, aus der schließlich eine aufgezogene Stoffmaus unkontrolliert in Richtung der Zuschauer ausbricht.

Sie präsentieren uns Kafka nicht als Gott sondern in einer Plastiktüte und bewundern mehr das Knistern, das man mit der Plastiktüte erzeugen kann, denn den Literaten, den sie in den Händen halten.

Vor allem Wolfgang Flieges wundervolle Weise, mit der er dem Publikum die großen öffentlichen Gesten vorhält, erzeugt immer wieder Lacher. Seine Rolle als berühmter Kafka-Professor in einer Talkrunde verdient jede Teilnahme in einer der medial inszenierten, wöchentlichen Politschlagabtausche. Auf hervorragende Art seziert er die Show hinter dem Argument, nicht ohne versöhnliches Augenzwinkern. Man fühlt sich ertappt und darf doch mitlachen.

Nichts Zynisches liegt in diesem Spiel, grundehrlich ist es - und doch entlarvend. Wer neugierig ist, was man mit Sprache noch alles anstellen kann, der sollte sich unbedingt eine der nächsten Inszenierungen anschauen. ag


Franz Kafka: Kleine Fabel
"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." - "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.
 

 
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