
Berlin (kobinet) Angehende Rehabilitationspädagogen wollen am Mittwoch die neue Zentralbibliothek der Berliner Humboldt-Universität "erstürmen" (kobinet-Termine), um auf mangelnde Barrierefreiheit aufmerksam zu machen. Der vergangene Woche mit einem Festakt eingeweihte 75,5 Millionen Euro teure Bau des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums wurde vom Land Berlin finanziert.
Der Schweizer Architekt Max Dudler hat nach Ansicht von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit ein "großes Kompliment" verdient. Uni-Präsident Christoph Markschies nannte das neue Zentrum ein "Schatzhaus der Bücher" und würdigte ausdrücklich die Berliner Senatsbauverwaltung, mit deren Hilfe der imposante Bau entstanden ist.
Die Berliner Bauordnung sieht vor, dass Barrierefreiheit in neu zu errichtenden öffentlich Gebäuden gewährleistet sein muss. Expertinnen und Experten für barrierefreies Bauen haben bei einem Rundgang im Grimm-Zentrum erhebliche Mängel festgestellt, die eine aufmerksame Bauaufsicht der zuständigen Senatsverwaltung hätte verhindern müssen. Dipl.-Ing. Klaus-Dieter Wüstermann war bei dem Rundgang dabei. "Es sind leider wieder viele Fehler gemacht worden, die Betroffene und Experten schon bei anderen Berliner Bauvorhaben moniert haben", sagte Wüstermann gegenüber kobinet. sch
Hartwig Eisel schrieb am 24.11.2009, 14:59
Sanktionen sind möglich, z. B. Verbandsklage nach § 15 Berliner Landesgleichberechtigungsgesetz. Klageberechtigt ist eine im Landesbeirat als ordentliches Mitglied vertretene Organisation. Das Problem sind die Kosten. Bei Unterliegen vor dem Verwaltungsgericht trägt der Kläger das Kostenrisiko. Hier hilft eigentlich nur kollektive Solidarität.
Alexander Grundler schrieb am 24.11.2009, 14:16
Das ist wieder ein typisches Beispiel dafür, dass all die Regelungen nur so gut sind, wie die Umsetzung. Im Endeffekt wird sich hier in Deutschland erst etwas ändern, wenn es ein es ein Einzelklagerecht gibt, mit dem man seine Benachteiligung durchsetzen kann. Aber bis wir so weit sind, wie z. B. Schweden und in Teilen Amerika werden noch gut 40 Jahre ins Land gehen. Das ist die harte Realität.
Hartwig Eisel schrieb am 24.11.2009, 13:45
Als ich dieser Tage in der Presse las: Das Grimm-Zentrum ist eröffnet, fiel mir ein, dass wir in der Arbeitsgruppe "Menschen mit Behinderung" bei der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung über diese neue Universitätsbibliothek gesprochen hatten. Das vorgestellte Projekt rief sofort Kritiken und Verbesserungsvorschläge hervor. Angeblich war noch Zeit, um Nachbesserungen vorzunehmen. Zum Beispiel nach meinem Vorschlag ein Induktionsfeld an der Info-Theke, damit Hörgeräteträger barrierefrei kommunizieren können. Zugesagt wurde, dass mit den AG-Mitgliedern Kontakt aufgenommen werden würde, die Kritiken und Verbesserungsvorschläge vorgebracht hatten. Nur tat sich danach nichts. Jetzt ist die Hütte mit allen erkannten Mängeln eröffnet.
Da fragt man sich wirklich, was bei der Planung öffentlicher Bauten passiert? Es gibt das Berliner Landesgleichberechtigungsgesetz und das Berliner Baugesetz mit einschlägigen Festlegungen. Dazu kommt, dass es in Berlin eine vergleichsweise hohe Dichte von Fachleuten im barrierefreien Bauen gibt. Und doch passiert es immer wieder, dass in der Planung und nachher beim Bau öffentlicher Bauten genau dieser wichtige Bestandteil vernachlässigt wird. So geschehen beim Reichstag, beim Neuen Museum und eben jetzt beim Grimm-Zentrum. Wann setzt sich in den Köpfen der Entscheidungsträger endlich durch, dass Barrierefreiheit ein entscheidendes Kriterium für Neubauten ist und dass man bei rechtzeitiger Planung viel Geld sparen kann?
Wie wäre es denn damit, dass sich Ästhetik am Bau an der Nutzbarkeit durch alle Menschen, eben an Barrierefreiheit, messen lassen soll?