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07.01.2010 - 06:28

Mehrfach behindert und doch Arbeitgeberin.

Ludwigshafen (kobinet) Melanie ist mehrfach behindert, sie kann nicht sprechen. Und dennoch ist die 24 Jahre alte Frau aus Ludwigshafen eine Art Unternehmerin - für sie arbeiten ein halbes Dutzend Frauen. So beginnt das Porträt von Marc Strehler, das dieser für die Deutsche Presseagentur (dpa) vor kurzem über die behinderte Arbeitgeberin geschrieben hat, deren Eltern sich stets für die Integration ihrer Tochter stark gemacht haben. Mit freundlicher Genehmigung der dpa dürfen wir das Porträt von Marc Strehler im folgenden veröffentlichen. omp

Mehrfach behindert und doch Arbeitgeberin

Von Marc Strehler, dpa

Ludwigshafen (dpa/lrs) - Melanie ist mehrfach behindert, sie kann nicht sprechen. Und dennoch ist die 24 Jahre alte Frau aus Ludwigshafen eine Art Unternehmerin - für sie arbeiten ein halbes Dutzend Frauen. Die nennen sich Assistentinnen und helfen ihr durchs Leben. Möglich ist das, weil Melanies Eltern ein ausgeklügeltes Konzept entwickelt haben, das der jungen Frau ein Leben zu Hause und in größtmöglicher Selbstständigkeit ermöglichen soll. Bernadette Bros-Spähn und Wolfgang Spähn gelten deshalb als Pioniere bei der Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft.

Es war kurz vor ihrem vierten Geburtstag, als Melanie an einer Gehirnentzündung erkrankte «schwerstmehrfachbehindert», lautete die anschließende Diagnose, unter anderem wurde bei dem Mädchen eine schwere geistige Behinderung und Epilepsie festgestellt. Ihr weiterer Weg schien vorgezeichnet: Sonderkindergarten, Sonderschule und eines Tages vielleicht ein Leben im Behindertenheim. Doch ihre Eltern wollten nicht, dass Melanie stur in ein vorgegebenes System gepresst wird, sie probten den Aufstand, machten eigene Vorschläge. «Wir wollten als Familie zusammenbleiben», erinnert sich die Mutter.

Gegen alle Widerstände setzten sie durch, dass Melanie in eine Kindergruppe mit nichtbehinderten Kindern und später auch in eine reguläre Schule kam, wo sie auch auf nichtbehinderte Kinder traf - und das zu einer Zeit, wo diese Form der Integration noch nicht verbreitet war. Heute drängen viele Eltern darauf, dass ihre behinderten Kinder auf eine allgemeine Schule gehen können.

Melanie geht sogar arbeiten. Sie besucht Kindergärten, Altenheime und ähnliche Einrichtungen und beschäftigt sich dort mit den meist nichtbehinderten Menschen. «Arbeit heißt ja nicht unbedingt, dass am Ende ein greifbares Produkt herauskommt», sagt ihr Vater. «Auch Melanie gibt ja etwas von sich, auf ihre Art.»

Ein prägendes Erlebnis für die Familie war es, als Melanie in einem Altenheim auf einen Mann zusteuerte, der sich zuvor von den Mitbewohnern absonderte. «Melanie setzte sich auf seinen Schoß, der Mann wusste gar nicht, wie ihm geschah. Seit diesem Moment gehörte er dazu», erzählt ihr Vater. «Sie hat keinerlei Berührungsangst, geht auf die Menschen zu und schafft es, viele Herzen zu öffnen», sagt ihre Mutter.

Melanie geht heute tanzen, baden oder auf Ferienfreizeiten. Ihre Eltern haben einen Wochenplan erarbeitet, in dem alles geregelt ist. Sie können heute beruhigt für ein paar Wochen in den Urlaub fahren, Melanie wissen sie bei ihren Helferinnen in den besten Händen. Finanziert werden die Assistentinnen über ein persönliches Budget, über das behinderte Menschen heute verfügen können.

Das Konzept der Familie erspart Melanie ein Leben im Heim oder die tägliche Fahrt zu einer Behinderteneinrichtung - und verhindert zugleich, dass die Eltern an der aufwendigen Pflege und Betreuung ihres Kindes kaputtgehen. «Ich habe auch ein Leben - und davon will ich auch etwas haben», sagt Wolfgang Spähn, der auch Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft «Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen» Rheinland-Pfalz ist. Seine Frau denkt auch an die Zukunft: «Was ist, wenn ich mal 80 bin - wer kümmert sich dann um Melanie?»

Die Familie hat schon weitergehende Pläne. Sie arbeitet an einer Wohngemeinschaft behinderter und nichtbehinderter Menschen, in die Melanie ziehen könnte. Damit auch andere Familien den Weg der Spähns gehen können, bräuchte es mehr Beratungs- und Anlaufstellen. Melanies Eltern mussten sich vieles selbst beibringen. «Ich hatte zum Beispiel von Buchhaltung keine Ahnung», erzählt Bernadette Bros-Spähn. Die Familie hatte mit ihrem Modell lange Zeit einen schweren Stand bei verschiedenen Behörden und Institutionen. In den 90er Jahren empfahl man den Eltern eine Psychotherapie, weil sie die Krankheit ihrer Tochter angeblich nicht richtig verkraftet hätten. Die Zeiten haben sich geändert: 2005 bekam Wolfgang Spähn den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz, die höchste Auszeichnung des Landes - weil er sich erfolgreich für die Integration von Menschen mit Behinderung eingesetzt habe, so die Begründung.

Internet:
www.melaniespaehn.gemeinsamleben-rheinlandpfalz.de
www.gemeinsamleben-rheinlandpfalz.de
 

 
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