Berlin (kobinet) Nach dem Wechsel in der Geschäftsführung der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) erwarten die neue Bundesgeschäftsführerin Dr. Sigrid Arnade und Eileen Moritz, Referentin für Verbandskommunikation, viel Arbeit. Auch eine gebührende Feier gibt es in diesem Jahr, erfuhr kobinet im Interview mit den beiden "Neuen".
kobinet: Frau Arnade, Sie waren lange als freie Journalistin tätig und sind nun Geschäftsführerin eines Behindertenverbandes. Fühlen Sie sich jetzt weniger frei?
Arnade: Nein, eigentlich nicht. Als freie Journalistin habe ich meine Aufträge bearbeitet und zusätzlich sozusagen nebenbei ganz viel behindertenpolitische Arbeit geleistet, einfach weil ich es wichtig fand. Jetzt mache ich vieles von dem, was ich in der Vergangenheit auch bearbeitet habe, in meiner neuen Funktion als Geschäftsführerin während meiner Arbeitszeit. Das führt dazu, dass ich mich momentan viel entspannter fühle als vorher. Ob das lange anhält, weiß ich natürlich nicht. Inhaltlich vertrete ich nach wie vor mein Credo: für ein selbstbestimmtes Leben für alle Menschen mit Behinderungen!
kobinet: Mit dem Wechsel der Bundesgeschäftsstellen nach Berlin will die ISL ja auch politisch stärker wirksam werden. Wie wollen Sie das erreichen?
Arnade: Es ist gut, mit der Bundesgeschäftsstelle in der Hauptstadt vertreten zu sein. So können Termine mit VertreterInnen aus Politik und Verwaltung kurzfristig vereinbart und leichter wahrgenommen werden.
kobinet: Welche Themen stehen denn ganz oben auf Ihrer Liste?
Arnade: Die UN-Behindertenrechtskonvention muss nun zügig umgesetzt werden. Dabei liegen uns zwei Themen besonders am Herzen: Zum einen setzen wir uns im Rahmen der Reform der Eingliederungshilfe für ein einkommens- und vermögensunabhängiges Teilhabesicherungsgesetz ein. Zum anderen sind uns konkrete Schritte hin zu einem inklusiven Bildungssystem ein wichtiges Anliegen. Wir wollen auch verstärkt in der internationalen Behindertenpolitik aktiv werden. So fordern wir die Bundesregierung auf, nicht länger die neue EU-Antidiskriminierungsrichtlinie zu blockieren.
kobinet: Frau Moritz, wer kobinet in den letzten Jahren aufmerksam gelesen hat, weiß, dass Sie vorher in einer Einrichtung der Behindertenhilfe gearbeitet haben. Was hat Sie bewogen, zu ISL zu wechseln?
Moritz: In meinem vorherigen Job habe ich eher vermittelnd gearbeitet und musste zunehmend feststellen, dass die Interessen von Institutionen, die im sogenannten Behindertenbereich wirken, sich doch erheblich von den Interessen behinderter Menschen unterscheiden. Außerdem war es ermüdend, wie wenig ich aus meiner Position heraus verändern konnte. Forderungen und Begrifflichkeiten aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung wurden und werden aufgeweicht, verwässert oder als Worthülsen an die Interessen der Institutionen angepasst . Nun kehre ich zurück zu meinen eigenen Wurzeln und freue mich, mit meiner neuen Arbeit klar und deutlich Position beziehen zu können und mich einzusetzen für die Interessen behinderter Menschen, die auch meine eigenen sind.
kobinet: Sie sind bei ISL Referentin für Verbandskommunikation. Können Sie uns einmal in leichter Sprache erklären, was das bedeutet?
Moritz: Leichte Sprache, das wird schwer (lacht)! ISL hat viele Selbstbestimmt Leben Zentren in ganz Deutschland. Die Arbeit, die dort gemacht wird, will ich unterstützen und darüber allen anderen Zentren bundesweit berichten. Alle sollen sich und ihre Fähigkeiten noch besser untereinander schätzen und kennen lernen. Wenn es neue Informationen oder Gesetze gibt, will ich Weiterbildungen entwickeln, damit alle alles gleich gut wissen. Außerdem werde ich Mitgliederversammlungen und Tagungen organisieren, damit sich unsere KollegInnen aus den Zentren austauschen können.
kobinet: Und welche Ziele haben Sie sich für das Jahr 2010 vorgenommen?
Moritz: Im Jahr 2010 werde ich mich viel damit beschäftigen, dass Alle gute Möglichkeiten bekommen, ÄrztInnen, Krankenhäuser und TherapeutInnen ohne Barrieren in Anspruch zu nehmen und mit Respekt behandelt zu werden. In diesem Jahr wird die ISL außerdem 20 Jahre alt. Wir überlegen derzeit, wie wir diesen runden Geburtstag gebührend feiern können.
kobinet: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Ihre Arbeit. sch
S. Schmidt schrieb am 13.01.2010, 10:33
Sorry, das im Interview Gesagte erweckt den Eindruck, dass Behinderte Waisenknaben seien und sowas von gerecht. Ich gebe zu bedenken, dass Selbst-Gerechtigkeit bei Behinderten höher hängt als Ge-Rechtigkeit. Nachzulesen gelegentlich in Veröffentlichungen von kobinet-nachrichten.org selber und zuletzt bei dem Zurückweisen des Problems einer Frau mit Lernschwierigkeit. Der Leserin-Brief von Frau Groß aus Kassel ist als solcher nicht mehr bei kobinet-nachrichten.org nachzulesen.
Hierzu hat Frau Arnade leider geschwiegen - als Vertreterin von Behinderten.
S. Schmidt, Hamburg