Kobinet Logo
Druckversion
kobinet-nachrichten 24.01.2010 - 12:21
URL:
http://www.kobinet-nachrichten.org

Schwarzer Humor hilft weiter

.

Hannover (kobinet) Über den langen Weg von Phil Hubbe zum erfolgreichen Cartoonisten berichtet jetzt die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) auf ihrer Webseite. Sind Witze über Behinderte politisch unkorrekt? Für Phil Hubbe keine Frage: "Die schwärzesten und makabersten Cartoons finden die Leute am besten", betont er im Gespräch mit der DMSG.

Das Zeichentalent wurde ihm in die Wiege gelegt, aber dass er einmal als Karikaturist mit Alleinstellungsmerkmal für Behinderten-Cartoons Berühmtheit erlangen würde, überrascht den Künstler Phil Hubbe auch heute noch manchmal. Und wahrscheinlich wäre es dazu auch gar nicht gekommen, wenn er nicht an Multipler Sklerose erkrankt wäre.

Phil Hubbe, am 30.Januar 1966 in Haldensleben geboren, wächst in dem kleinen Dorf Hörsingen in der damaligen DDR auf. Der Vater arbeitet als Angestellter im Konsum, die Mutter ist Hausfrau und kümmert sich liebevoll um die drei Söhne. "Meine Brüder sind sieben und zehn Jahre älter als ich. Mein Nesthäkchenstatus bedeutete, beinahe auch als Einzelkind aufzuwachsen. Aber da waren meine Großeltern, insbesondere mein Großvater. Mit ihm, dem Kunstmaler und Bildhauer, verband mich eine echte Seelenverwandtschaft. Stundenlang saß ich bei ihm im Atelier, schaute ihm über die Schulter, malte und zeichnete ebenfalls."

Bereits während seines Wehrdienstes als 19-jähriger macht sich eine Sehnerventzündung als erstes Anzeichen der 1988 diagnostizierten Multiplen Sklerose bemerkbar. In der Folgezeit treten immer wieder Beschwerden unterschiedlicher Art auf: das Gehen fällt ihm schwer, er stolpert über Teppichleisten, er klagt über Kraftlosigkeit in den Händen, eine Beeinträchtigung, die für ihn besonders schwer zu ertragen ist. 1988 zieht Hubbe nach Magdeburg, Freundin Ute ist Kinderkrankenschwester und veranlasst einen Besuch beim Neurologen. Dessen Rat angesichts der niederschmetternden Diagnose lautet: "Lassen Sie das Zeichnen sein, über kurz oder lang werden Sie keinen Stift mehr halten können."

Die Idee, Behinderten-Cartoons zu kreieren, nahm 1999 Gestalt an. Inspiriert von John Callahan, einem Amerikaner, den ein Unfall in den Rollstuhl zwang, und der seine Landsleute mit Karikaturen über Behinderte schockierte, begann Phil Hubbe seinen Tabubruch in Deutschland. Zunächst hagelte es Absagen, Satiremagazine wie "Titanic" und "Eulenspiegel" winkten "aus Rücksicht auf die Gefühle Behinderter" ab. Die Mitglieder in seiner Magdeburger MS-Selbsthilfegruppe waren jedoch angesichts der pointierten und scharfsinnigen Beobachtungen aus dem Alltag Behinderter, die Hubbe mit spitzer Feder zu Papier brachte, begeistert. Und sie blieben nicht die Einzigen. Seit 2004 mit dem "Stuhl des Manitou" das erste Buch mit Behinderten-Cartoons (kobinet 10.7.04) erschien, wächst die Fan-Gemeinde stetig.

"Das schönste Kompliment kam von den Gehörlosen. Sie haben sich darüber beschwert, dass ich noch kein Cartoon über ihre Behinderung gezeichnet habe". Hubbe geht weiter mit offenen Augen durch die Welt: "Ich verarbeite eigene Erfahrungen als MS-Kranker mit Behinderung und ich bekomme regelmäßig Emails mit Themenvorschlägen von Behinderten aller Art." sch
 

  Follow @kobinetev
Empfehlen Sie diese Seite Ihren Freunden bei Facebook
nächste Nachricht >>
Leserbrief schreiben
Artikel versenden

Leserbriefe zu diesem Artikel:.

S. Schmidt schrieb am 25.01.2010, 09:44

Behauptung eines Zwanges

Den Ursprung des Streits, ob Zwang oder kein Zwang, im Rollstuhl zu fahren, sehe ich hier in der Formulierung des Verfassers des Berichts begründet. Denn der Autor des Berichts zitiert Callahan, dem Zwang, im Zusammenhang mit dem Fahren im Rollstuhl zugeschreiben wird, nicht, sondern behauptet das lediglich.

S. Schmidt.

Hans-Reiner Bönning schrieb am 24.01.2010, 23:48

Stellvertretend empfindlich?

Liebe Frau Moesch und liebe/r kobinet-Artikelschreiber/-in,

das mit dem "ZWANG" ist schon ganz richtig ausgedrückt. Für die meisten Rollstuhlfahrenden ist Rollstuhlfahren jedenfalls keine selbst bestimmte Alternative zum Laufen.

Wenn wir Selbstbestimmung fordern, meinen wir keine Abkehr von der Realität (die halten wir, gegebenenfalls mit Cartoons von Phil Hubbe, schon aus), sondern ihre inklusive Veränderung.

Dorothea Moesch schrieb am 24.01.2010, 19:44

Sprache zeigt Bewußtsein (auch unwillkürlich)

"... ein Unfall in den Rollstuhl ZWANG".

Eine Formulierung, die so in jedem "Schicksalsbericht" einer jeden Dummpostille stehen könnte - der Rollstuhlfahrer als BESIEGTER und nicht als selbstbestimmter MENSCH - ein BEHINDERTER eben.

© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten

Seite drucken
Zur Online Version