
Berlin (kobinet) Mit dem heute vorgestellten Gutachten von Prof. Dr. Eibe Riedel zum Recht auf gemeinsames Lernen nach der UN-Behindertenrechtskonvention sehen sich die Grünen in ihren Forderungen bestätigt. Priska Hinz (bildungspolitische Sprecherin) und Markus Kurth (behindertenpolitischer Sprecher) erklärten: "Kinder mit Behinderungen müssen jetzt in die Regelschulen. Das muss zum Normalfall werden, weil Kinder mit Behinderungen dort mehr Potentiale entfalten können als ihnen heute zugestanden wird."
Bislang bewegten sich zu wenige Bundesländer. Es sei beschämend, dass das von den Bundesländern gestaltete deutsche Schulsystem Kinder mit Behinderungen systematisch in die Förderschulen verweist. Von Chancengleichheit könne hier keine Rede sein. Für diese Kinder mit besonderem Förderungsbedarf würden Schul- und Berufskarrieren für ihr gesamtes Leben festgeschrieben.
"Gemeinsame Beschulung kostet Geld, aber lohnt sich langfristig. In den USA machen Kinder mit Down-Syndrom sogar den High School-Abschluss. Deshalb müssen die Länder investieren und ihre Regelschulen mit Lehrern ausstatten, die dem besonderen pädagogischen Förderbedarf von Kindern mit Behinderungen gerecht werden. Auch die Kommunen müssen als Schulträger ihren Beitrag zur integrativen Beschulung leisten und verstärkt in barrierefreie Schulen investieren", so die beiden Bundestagsabgeordneten.
Die Bundesregierung ist aufgefordert, ihre passive Haltung aufzugeben. Sie müsse sich stärker in die Debatte einbringen. Die Bundesregierung stehe als Unterzeichnerin der UN-Behindertenrechtskonvention in der Pflicht. sch
Alexander Drewes schrieb am 06.02.2010, 16:47
Ich will nur einige wenige Beispiele nennen, die einem förmlich ins Auge springen, sieht man sich die Bildungsdiskussion in den letzten Jahren an:
- Kleingruppenarbeit statt Frontalunterricht. Das fördert nicht nur das kreative Denken jedes Einzelnen, es schafft auch ein Gruppenbewusstsein, dass beim Frontalunterricht überhaupt nicht entstehen kann.
- Epochenunterricht statt sturem Unterricht nach Lehrplan. Damit kann man erreichen, dass die Bildungsinhalte en bloc bei den Schülern ankommen und nicht übers Jahr verteilt. Das fördert z.B. die eigene Inspiration, sich Lerninhalte auch tatsächlich eigenständig zu erarbeiten.
- Schulhelfer, wobei ich diese nicht nur für behinderte Kinder eingesetzt haben möchte.
Dass die Abschaffung der Sondereinrichtung im Ergebnis auch Geld sparen würde, ist ein Argument, mit dem ich gar nicht großartig hausieren gehen möchte, könnte das das politische Establishment doch noch auf die Idee bringen, die Einrichtungen zwar zu schließen, ansonsten aber alles so (schlecht) zu belassen, wie es gegenwärtig ist.
Natürlich kann man die Diskussion um die Sonderschuleinrichtungen nicht so eindimensional führen, wie das - zumindest nach meinem Dafürhalten - bei den Pflegeeinrichtungen der Fall ist. Heißt es bei Letzterem zurecht: Schafft die Einrichtungen ab würde ich bei Thema sonderpädagogische Einrichtungen - und nichts anderes fordern die GRÜNEN - doch sagen wollen: Schafft die Einrichtungen soweit als irgend möglich ab. Bei dem "so weit als irgend möglich" habe ich allerdings auch schon wieder Bauchschmerzen, da die dann dort beschulten Kinder und Jugendlichen sich hernach noch mehr als Resterampe vorkommen müssen als dies im sonderpädagogischen Bereich heute schon der Fall ist.
Ich gebe ehrlich zu, ich hatte während meiner Zeit der segregativen Beschulung - zumindest während der Sekundarstufe II - durchaus ein gewisses Elitebewusstsein, ging ich doch auf das einzige damals in (West-)Deutschland vorhandene Gymnasium, das es für mein Schädigungsbild gab. Wie krachend viele von uns vom Betüddelt-Werden in der Realität angekommen sind, zeigten dann die Abbrecherquoten an der Uni. Und dabei durfte "meine" Einrichtung noch als relativ fortschrittlich gelten.
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Alexander Drewes, LL.M.
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Alexander Drewes schrieb am 06.02.2010, 16:45
Zunächst: Ich kann Hrn. Staars Bedenken - zumindest teilweise - nachvollziehen. Allerdings argumentiere ich aus der entgegen gesetzten Richtung.
Wir haben in Deutschland ein seit langen Jahrzehnten tradiertes Sonderschulsystem. Dieses Sonderschulsystem hat im Ergebnis dazu geführt, dass mindestens 80% aller in Sondereinrichtungen beschulten Kinder überhaupt keinen Schulabschluss erwerben, also nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Das stellt für sich genommen bereits ein diskriminierendes Element dar, weil die meisten der in Sondereinrichtungen beschulten Kinder und Jugendlichen ja nicht weniger intelligent sind als nicht behinderte Kinder.
Das Sonderschulsystem in Deutschland ist auch überhaupt nicht darauf angelegt, schulische Qualität zu produzieren. Es ist per definitionem darauf angelegt, abzusondern und aus zu gliedern. Damit wird jedoch bereits in einem frühen Stadium sowohl den behinderten Kindern nahezu jegliche Karrierechance genommen als auch den nicht behinderten Kindern die Illusion vorgelebt, sie seien sozusagen alleine auf der Welt, die ungefähr 10% der behinderten Menschen gäbe es im Alltag also gar nicht. Dem ist ja auch der gesamte politische Ansatz bis in die Arbeitsmarktpolitik hinein bis in die 1990er Jahre hinein gefolgt, indem es den behinderten Menschen als jemanden gesehen hat, den es "einzugliedern" gelte.
Sowohl die neuere Gesetzgebung und ihr - langsam - folgend nahezu die gesamte Rehabilitationswissenschaft (führend hier zu nennen Prof. Welti in Neubrandenburg) gehen in den letzten Jahren jedoch zunehmend mehr davon aus, dass auch der (und eben gerade auch der schwerst) behinderte Mensch die gleichen Teilhabechancen haben muss wie jeder nicht behinderte Mensch.
Wir sind uns - glaube ich - nahezu sämtlich darüber einig, dass das deutsche Bildungssystem in seiner Gesamtheit weitgehend eine Katastrophe darstellt; da helfen auch die eher kosmetischen Korrekturen nach den beiden PISA-Studien nicht sonderlich weiter.
Das kann aber auf keinen Fall heißen, eine völlig verfehlte (Des-)Integrationspolitik einfach deshalb fortzusetzen, weil sie zwar in den letzten Jahrzehnten schon nicht funktioniert hat, aber sowohl den politische Tätigen als auch manchen Eltern das beruhigende Gefühl vermittelt, das vermeintlich beste für ihr Kind getan zu haben.
Wir müssen weg vom Frontalunterricht, wir müssen weg von einem vorgeblichen Humbolt'schen Bildungsideal, bei dem sich Alexander v. Humboldt im Grabe umdrehen würde, wüsste er, dass der momentan Bildungsnotstand von denjenigen, die gerne schon nach fünf Schulklassen aussondern, bis heute hoch gehalten wird. Das hat mit Bildung nichts zu tun, das ist sinnlose Bestenauslese, wobei die dort geforderten Qualifikationen mit denjenigen selten übereinstimmen, mit denen ein Mensch hernach halbwegs gut durchs Leben kommt.
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Alexander Drewes, LL.M.
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Thomas Staar schrieb am 05.02.2010, 22:10
Teil 2
Die Klassen sind jetzt schon anhand der mangelnden Lehreranzahlen total überfüllt.
Meiner Meinung nach ist das eine künstlich geschaffene Art und Weise neues Personal zu beschäftigen. Der Gedankengang ist sehr gut, aber leider die falsche Gangart. Es müssten mehr Personal in den bereichen der Behindertenstätten eingestellt werden. Ein Kind, welches einen normalen Werdegang vor sich hat, kann durch ein wenig Fleiß und Eigeninitiative seinen Weg finden und Meistern. Ein Kind, welches diese Fähigkeit nicht besitzt hat es da schwer.
Das Kind, welches die Möglichkeiten nicht hat, wird nie richtig verstehen, was von Ihm verlangt und gefordert wird. Es wird sich unter den anderen Kindern nicht wirklich wohl fühlen………(da die Meisten Kinder Ihnen voraus sind)
Ein Kind, welches die Möglichkeiten hat, wird immer wieder gebremst und muss zurück stecken. Auch dieses Kind wird sich nicht wohl Fühlen
Die Lehrer haben nicht die Ausbildung und die Kompetenz, die geistig schwächeren Kinder zu schulen, sonst gäbe es ja keine spezielle Ausbildung für Therapie – Lehrer.
Die werden sich auch nicht wohl fühlen.
Wem bringt dieses Vorhaben denn wirklich was?
Hat mal jemand die Kinder gefragt?
Kommen z.B. Autisten in einer großen Klasse klar? – Wem steht es zu so etwas zu entscheiden?
Ps.: Der von mir geschilderte Fall in unserer Familie ist natürlich sehr „grenzwertig“, dass steht außer Frage. Ich finde die Förderung in allen Bereichen der Kindheit eine der wichtigsten Angelegenheiten der Regierung, aber nicht so.
Die Kinder sind unsere Zukunft und die Waage des Lebens, aber wenn die Aufhängung der Waage bricht, dann ist das nicht mehr gewährleistet……..und wir in unserer Entscheidungskraft, sind die Aufhängung.
Vielen Dank für Ihre Mühe, die Meinung der Eltern und auch „nicht“ Eltern anzuhören.
Thomas Staar schrieb am 05.02.2010, 22:08
Sehr geehrt Damen und Herren,
wenn ich so einen Vorschlag lese, dann frage ich mich wer so etwas beschließt. Ich lebe mit meiner Lebensgefährtin zusammen und wir haben drei Jungen. 7,15 und 16. Das ist genau das extrem Beispiel für Ihre Bildungspolitik. Der Jüngste und der Älteste sind völlig normale Kinder. Der Mittlere ist ein Autist, er kann nicht sprechen und kann sich kaum ohne die sprachliche Gabe verständigen. Er zeigt auf ein Glas, wenn er durst hat, kann nicht alleine(obwohl er gehen und sich normal bewegen kann) auf die Toilette. Demnach trägt er eine Windel und macht sich in regelmäßigen abständen in die Hose. Er zerreißt sich je nach Laune die Kleidung und zieht sich nach Lust und Laune aus. In der Schule in der er jetzt ist, wird er dementsprechend versorgt. Er wird gewickelt und sauber gemacht. Jetzt kommt aber der entscheidende Faktor der beweißt, wie unlösbar Ihr Vorschlag, eine behindertengerecht Integration zu vollziehen. Der älteste Junge besucht die Realschule. Er hat ein Jahr wiederholt. Gesetzt der Fall, dass wäre nicht passiert, wären beide in der selben Klasse.
Das ist eine Vorstellung, die keiner mit normalem Menschenverstand nachvollziehen kann. Der Älteste hat schon viele Stunden die in einem Schuljahr ausfallen. (wegen mangelndem Lehrpersonal) Er hat ein sehr hohes Potential und wird schon auf Grund dieser Tatsache extrem in seinem Lehrprozess gestört. Wenn man sich mit dem Gedanken anfreundet, dass ein Kind mit einer Behinderung, welches noch mehr Aufmerksamkeit braucht, in diese Schulklasse integriert wird, kann man sich doch denken, dass die anderen Kinder in allen Belangen gebremst werden.
Das kann doch nicht Ziel eines fördernden Lehrplans sein. – Lächerlich.
Dann kommt auch noch dazu, dass viele Kinder mit Defiziten im körperlichen – und geistigem Bereich in gewissen Abständen mit Medikation versorget werden müssen.
Weiß das Lehrpersonal mit dieser Thematik umzugehen? Arzt und Lehrer……..?