Kassel (kobinet) «Zeit für Veränderungen - Persönliche Zukunftsplanung als
Chance für mehr Selbstbestimmung» lautet der vielversprechende Titel einer
neuen Aufklärungskampagne des Netzwerk People First Deutschland e.V., das
von Kassel aus koordiniert wird. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach
mit Stefan Göthling und Susanne Göbel vom Netzwerk über das Projekt und
seine Ziele:
kobinet-nachrichten: Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?
Susanne Göbel: Wir sind eigentlich schon länger mit dieser Idee schwanger,
denn in der täglichen Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten merken wir
immer wieder, wie wichtig es gerade für diesen Personenkreis ist, einmal
richtig träumen zu dürfen, sich konkrete Ziele zu setzen und Pläne für die
Zukunft zu schmieden. Die Methode und Philosophie der Persönlichen
Zukunftsplanung bietet hierfür einen guten und sehr praktischen Rahmen, denn
sie belässt es nicht nur beim Träumen, sondern mit ihrer Hilfe werden auch
konkrete Umsetzungspläne entwickelt und ein UnterstützerInnensystem
gefördert. Es ist also eine sehr persönliche und kraftvolle Idee, die wir
schon mehrfach innerhalb des Netzwerkes People First genutzt haben. Und
diese Idee wollen wir jetzt bekannter machen.
kobinet-nachrichten: Warum ist es wichtig, Zukunftsplanungen für Menschen
mit Lernschwierigkeiten anzubieten?
Stefan Göthling: Gerade Menschen mit Lernschwierigkeiten wird immer wieder
gesagt, dass sie wenig Chancen haben, über die bestehenden Hilfen froh sein
können und sich möglichst in die traditionellen Einrichtungen einpassen
sollen. Träume und Wünsche dürfen oft keine Rolle spielen; entweder fehlt
die Zeit dazu oder man geht davon aus, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten
unrealistische Träume äußern könnten, vor denen man ja - vermeintlich
gutmeinend - "nur schützen will". Oftmals sind die natürlichen
Unterstützungsnetzwerke von Menschen mit Lernschwierigkeiten auch wesentlich
kleiner als die von nichtbehinderten Menschen, weil Menschen mit
Lernschwierigkeiten meist in Sonderwelten leben.
Mit dieser Aufklärungskampagne wollen wir Menschen mit unterschiedlichen
Behinderungen dazu ermutigen, ihre Träume zu träumen, diese auszusprechen
und sich auf den Weg zu Veränderungen zu machen. Hierfür wollen wir ihnen
modellhaft die Ermunterung und Unterstützung geben, die dafür nötig ist,
denn der Drang nach einem selbstbestimmteren Leben ist bei allen Menschen
vorhanden.
kobinet-nachrichten: Welche Erfahrungen haben Sie in der Praxis gemacht?
Stefan Göthling: In der Vergangenheit haben wir unheimlich gute Erfahrungen
bei der Anwendung der Idee der Persönlichen Zukunftsplanung gemacht.
Persönliche Zukunftsplanung bleibt eben nicht bei einer theoretischen
Betrachtung der Lebenssituation eines Menschen stehen, sondern entwickelt
ganz praktische Handlungsschritte.
«Ich rufe am Dienstag an und erkundige mich, ob es im Betreuten Wohnen einen
Platz gibt», «ich spreche morgen Abend mit meinem Nachbarn ob er mich am
Sonntag in die Kirche mit nehmen kann» oder «ich gehe am Samstag zum Treffen
der Selbstvertretungsgruppe und frage die Leute danach, wie sie wohnen und
wie das klappt». Dies sind nur einige Beispiele für konkrete Schritte, die
innerhalb einer Zukunftsplanung entwickelt werden können, um Menschen mit
Lernschwierigkeiten dabei zu unterstützen, selbstbestimmt Leben zu können.
Außerdem bietet diese Methode die Möglichkeit auch die Erfolge zu erkennen,
denn alle Ziele werden genau aufgeschrieben, so dass man diese stets vor
Augen hat und nach einer Weile auch sehen kann, was alles erreicht wurde.
Die Erfolge, die wir dabei bisher erreichen konnten reichen vom Finden eines
Außenarbeitsplatzes außerhalb der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen
bis zur Umsetzung eigenständigerer Wohnformen.
kobinet-nachrichten: An wen richtet sich die Kampagne? Wer kann daran
teilnehmen?
Susanne Göbel: Die Kampagne richtet sich erst einmal an Menschen mit
Lernschwierigkeiten, aber eigentlich insgesamt an Menschen mit den
unterschiedlichsten Behinderungen, denn wir wollen ja zeigen, dass die
Persönliche Zukunftsplanung ein recht umfassendes Konzept ist. Die Kampagne
richtet sich aber auch an Angehörige, Behindertenorganisationen
und -einrichtungen und letztendlich an alle, die ein selbstbestimmteres
Leben behinderter Menschen unterstützen wollen, denn gute UnterstützerInnen
kann es nicht genug geben.
Weil diese Kampagne die Idee der Persönlichen Zukunftsplanung aber nur
modellhaft erproben und öffentlichkeitswirksam darstellen kann, werden wir
sicher nicht alle Wünsche nach Unterstützung erfüllen können. Die Kampagne
wird nur modellhaft zeigen können, was Persönliche Zukunftsplanung bewirken
kann.
kobinet-nachrichten: Welche Schwerpunkte sollen dabei gesetzt werden?
Stefan Göthling: Als erstes wollen wir mit dieser Aufklärungskampagne
Bewusstsein für die Idee der Persönlichen Zukunftsplanung schaffen und
zeigen, dass es besonders für Menschen mit Behinderungen wichtig ist, ihre
Zukunft zu planen und dabei positiv unterstützt zu werden. Eine der
wichtigsten und ersten Aufgaben ist deshalb, dass wir in Kassel eine
Koordinationsstelle aufbauen. Diese Koordinationsstelle soll eine
Anlaufstelle für all diejenigen sein, die sich in diesem Bereich engagieren
(wollen). Wir werden in der Koordinationsstelle Informationen sammeln und
verbreitet, ReferentInnen vermittelt und Tipps gegeben.
Susanne Göbel: Die Entwicklung von Informations- und Schulungsmaterialien
ist ein zweiter Schwerpunkt des Projektes. Andere sollen es leichter haben,
diese Methode zu erlernen und anzuwenden. Dazu werden wir dann in einem
dritten Schritt modellhafte Schulungen zur Persönlichen Zukunftsplanung entw
ickeln und durchführen. Wir finden es zum Beispiel sehr wichtig, dass
möglichst nur Personen dieses Konzept mit Anderen anwenden, die selbst schon
einmal eine Zukunftsplanung für sich selbst gemacht haben und im wahrsten
Sinne des Wortes erfahren und erlebt haben, wie das ist.
Stefan Göthling: Dann wollen wir natürlich auch ganz praktisch arbeiten und
mit ganz unterschiedlichen behinderten Menschen und Organisationen
Persönliche Zukunftsplanungen durchführen. Wir wollen die Methode etwas
breiter testen, bekannter machen und vor allem weitere Erfahrungen damit
sammeln.
Susanne Göbel: Last but not least soll die Aufklärungskampagne «Zeit für
Veränderungen» durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden,
denn diese Idee hat ein großes Potential für die Behindertenarbeit und vor
allem für die Verbesserung der Selbstbestimmung Behinderter, denn hier ist
es schon längst Zeit für Veränderungen. Und schließlich sollen damit auch
die bestehenden Angebote in der Behindertenarbeit herausgefordert werden,
umzudenken und selbstbestimmtere Lebensformen zu ermöglichen.
kobinet-nachrichten: Welche Methoden oder Vorgehensweisen werden angewandt?
Susanne Göbel: Die Methode der Persönlichen Zukunftsplanung ist eigentlich
nicht eine einzige Methode, sondern eine Sammlung von Methoden, die man
nutzt, um mit Menschen, bei denen z.B. Lebensveränderungen anstehen, zu
überlegen, wo die Lebensreise hin gehen soll. Wir vergleichen die
Persönliche Lebensplanung deshalb auch immer wieder mit einer Schatzkiste,
in der es viel zu entdecken gibt und die ganz unterschiedliche Schätze /
Methoden in sich birgt.
Stefan Göthling: Bei der Persönlichen Zukunftsplanung geht es ja darum, über
Stärken und Fähigkeiten, über Träume, Wünsche und Ziele einer Person zu
sprechen. So gehört es bei der Zukunftsplanung einfach dazu zu träumen und
Träume zu entwickeln, sich klare und machbare Ziele zu setzen und dann
Schritte zu planen, wie man den eigenen Zielen (und damit vielleicht auch
Träumen) näher kommen kann.
Susanne Göbel: Jede Persönliche Zukunftsplanung wird so gestaltet, wie es
die planende Person für sich will; deshalb sehen die Planungen dann auch
immer ganz unterschiedlich aus. Es werden mal mehr Worte, mal mehr Bilder /
Symbole zur Dokumentation genutzt; mal ist der UnterstützerInnen-Kreis, der
bei der Planung hilft, größer, mal kleiner - ganz abhängig davon, wen die
planende Person dabei haben möchte. Die entstehenden Unterstützungsnetzwerke
sind jedoch ein wichtiger Schlüssel; sie sind sozusagen die zusätzlichen
Ideengeber für die planende Person.
kobinet-nachrichten: Wo werden die Seminare, Beratungen stattfinden? Zeit,
bzw. Dauer?
Susanne Göbel: Wir befinden uns ja gerade noch in der Vorphase für die
Kampagne. Deshalb haben wir noch nicht den vollen Überblick über die genauen
Termine. Wir werden aber versuchen, Termine an verschiedenen Orten in
Deutschland anzubieten und damit auch verschiedene Zielgruppen anzusprechen.
Wir werden die Termine dann im Rahmen der begleitenden Internetpräsentation
bekannt geben und laufend aktualisieren.
kobinet-nachrichten: Können Sie noch etwas zur Geschichte sagen? Warum wird
das Projekt der Persönlichen Zukunftsplanung im Rahmen des Netzwerk People
First angeboten?
Susanne Göbel: Die Idee der Persönlichen Zukunftsplanung, wie wir sie
nutzen, stammt ursprünglich aus den USA und Kanada und wurde von
unterschiedlichen Personen entwickelt, die alle irgend wie im Bereich der
Behindertenhilfe oder Integrationsbewegung tätig waren. John O'Brien, Judith
Snow, Marsha Forest und Jack Pearpoint waren zum Beispiel einige dieser
Pioniere. Neben Judith Snow gab es noch andere Menschen mit Behinderungen,
die stark an der Entwicklung dieser Idee mit gearbeitet haben; oft aus einem
ureigensten Bedürfnis oder einer Notsituation heraus. Auch wenn die
Persönliche Zukunftsplanung nicht aus der People First Bewegung heraus
entstanden ist, so greift die Zukunftsplanung doch auch einige zentrale
Elemente der Selbstvertretungs- und Selbstbestimmungsbewegung von Menschen
mit Lernschwierigkeiten auf. Dass die Persönliche Zukunftsplanung hier in
Deutschland gerade im Rahmen des Vereins Netzwerk People First Deutschland
e.V. angeboten werden soll, hängt stark damit zusammen.
Hier drei Beispiele:
kobinet-nachrichten: Gibt es ähnliche Projekte in Deutschland von anderen
Institutionen?
Stefan Göthling: Uns ist bisher nicht bekannt, dass es in Deutschland direkt
Projekte gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Idee der
Persönlichen Zukunftsplanung bekannter zu machen und dazu gezielt Schulungen
anzubieten oder neue Materialien zu entwickeln. Wir wissen aber zum
Beispiel, dass innerhalb der Bundesvereinigung Lebenshilfe an einem Buch zu
dem Thema gearbeitet wird.
Susanne Göbel: Es gibt inzwischen aber durchaus schon einige
Behindertenorganisationen oder Träger, die versuchen, Teile der Persönlichen
Zukunftsplanung in ihrer Arbeit umzusetzen (zum Beispiel die Stiftung
Alsterdorf) oder Schulungen zu dem Thema anbieten(Bundesvereinigung
Lebenshilfe).
kobinet-nachrichten: Welche Chancen haben Menschen mit Lernschwierigkeiten,
ihre Träume zu realisieren, zum Beispiel außerhalb der Werkstätten einen
Arbeitsplatz zu finden?
Stefan Göthling: Das ist schwer zu beantworten. Die Chancen sind bei der
derzeitigen Arbeitsmarktsituation sicherlich nicht rosig; wenn man eine
Person aber nie nach ihren Träumen fragt und wenigstens versucht
herauszufinden, was sie möchte, sind die Chancen gleich null. Es wäre auch
falsch zu glauben, dass die Persönliche Zukunftsplanung einfach so jeden
Traum erfüllen kann; das wäre vermessen und gefährlich. Was die
Zukunftsplanung aber tut, ist Menschen zu fragen, wie sie sich ihr Leben,
ihre Arbeit oder ihre Freizeit vorstellen, um dann der Person dabei zu
helfen, diesen Wünschen näher zu kommen oder zu erkennen, was es noch für
andere Möglichkeiten gibt. Die Zukunftsplanung kann Menschen dabei helfen,
Lebensrichtungen für sich zu erkennen oder Probleme mit Hilfe Anderer zu
lösen ... oder doch zumindest Lösungsansätze zu finden.
Susanne Göbel: Damit alle Menschen mit Lernschwierigkeiten wirklich Chancen
haben, ihre Träume zu realisieren, z.B. außerhalb der Werkstätten einen
Arbeitsplatz zu finden oder so zu wohnen, wie sie es wollen, müsste sich in
erster Linie politisch etwas verändern; z.B. müssen alle behinderten
Menschen an Anrecht auf dauerhafte und ausreichende Assistenz am
Arbeitsplatz oder im Wohnen haben.
kobinet-nachrichten: Was soll mit der Kampagne erreicht werden?
Stefan Göthling: Wir wollen mit dieser Kampagne die Möglichkeiten der
Persönlichen Zukunftsplanung vorstellen und gleichzeitig erproben, welche
Möglichkeiten die Idee für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen
bietet.
Susanne Göbel: Mit der Persönlichen Zukunftsplanung sollen Menschen neue
Türen zu mehr Selbstbestimmung geöffnet werden, soziale Netzwerke gestärkt
und die Behindertenpolitik dahingehend verändert werden, dass die Wünsche
und Ziele der Betroffenen in Zukunft mehr im Mittelpunkt stehen.
kobinet-nachrichten: Dabei wünschen wir Ihnen viel Erfolg.
(Das Interview führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul)