
Von kobinet-Korrespondent Keyvan Dahesch
Köln (kobinet) Nach den jüngsten Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche und in Schulen fordern Behindertenverbände, sexuelle Übergriffe auch in Pflegeeinrichtungen und Heimen lückenlos aufzuklären.
"Wir fordern alle auf, die Tradition des Wegschauens und Vertuschens zu beenden", sagte Dr. Sigrid Arnade, Geschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL). Sexueller Missbrauch in den Einrichtungen der Behindertenhilfe müsse "ohne Tabus" aufgedeckt und bekämpft werden. Wegen ihrer Hilflosigkeit seien behinderte Menschen häufiger von sexueller Gewalt betroffen. Das Risiko, Opfer von Missbrauch zu werden, sei bei behinderten Frauen etwa dreimal so hoch wie bei nicht-behinderten, sagte Dr. Sigrid Arnade. Sie kritisierte, dass die Behindertenverbände nicht an dem von der Bundesregierung eingesetzten Runden Tisch gegen Missbrauch teilnehmen können. Lediglich die Wohlfahrtsverbände als Träger von Einrichtungen der Behindertenhilfe seien eingeladen. Um "nachhaltige Lösungen» zu erarbeiten, müssten jedoch "auch behinderte Menschen über ihre Organisationen einbezogen werden". Der Runde Tisch hat diese Woche zum ersten Mal getagt. moh
Heidi Liebchen schrieb am 27.04.2010, 15:07
Ich war als Kind von 1960 - 1964 im Krankenhaus. Da man Angst vor Ansteckung hatte, durften die Eltern nicht in die Zimmer zu ihren Kindern, sondern mussten vor der Tür bleiben und durften durch eine große Fensterscheibe ihren Kindern zuwinken. Damit war Mißhandlung und Mißbrauch Tür und Tor geöffnet. Auch mir wurde das Essen gewaltsam, mit Nase zuhalten, eingedrückt und wenn ich das dann erbrochen habe, bekam ich halt das Erbrochene wieder reingeschaufelt. Noch heute kann ich einige Lebensmittel noch nicht mal sehen, ohne einen Brechreiz zu bekommen. Auch wurde ich ans Bett gefesselt, da ich sehr lebhaft war oder ins Säuglingszimmer geschoben weil ich nicht "lieb" war. Die Kuscheltiere wurden auch weggenommen und nur zu Besuchszeiten wieder ins Bett gesetzt. Einmal wurde ich für zwei oder drei Wochen ins Badezimmer "verbannt". Da ich nicht laufen konnte (Gips bis zur Taille) war ich auf die Bettpfanne angewiesen. Die wurde aber nur gebracht, wenn es den Schwestern gefiel und schon gar nicht während ihrer Pausen. Ich wurde gut 20 mal operiert, aber nie wurde mir vorher etwas gesagt und ich somit vorbereitet. Plötzlich bekam ich nichts mehr zu essen, wurde rasiert und kam am nächsten Tag in den OP. Einmal hat man mich dort mehrere Stunden alleine auf dem Flur liegen lassen. Die fast vier Jahre meiner Kindheit habe ich entwicklungsmäßig verloren und trotzdem habe ich heute als über 50jährige noch immer damit zu tun. Wohlgemerkt, es war ein Krankenhaus, in dem ich gesund werden sollte! Aber so ist man früher mit Kindern umgegangen.
ursula lehmann schrieb am 25.04.2010, 23:13
Aktuell wird immer noch die Situation ehemaliger behinderter Heimkinder bagatellisiert. Der Ausdruck der kirchlichen Norm heisst hier Züchtigung. Ich bin mir sicher, dass der Herrgott das nicht wollte, dass wir Kinder so gequält wurden. Aber auch ER war machtlos gegenüber den Peinigerinnen. Ich war 7 Jahre alt und habe das über 5 Jahre durch gemacht. Mit Gewalt und Machtmissbrauch zwang man uns Erbrochenes zu essen, unter Androhung nichts zu Essen zu bekommen, wenn wir gehunfähigen Kinder täglich die Treppe runter und wieder rauf mussten, obwohl keiner laufen konnte. Unsere Schulferien wurden für Zwangsarbeit umgewidmet. Viele Säcke grüne Bohnen für das ganze Stift mussten wir Kinder täglich schnibbeln, oder alte Tageszeitungen in die Form für Toilettenpapier zerschneiden. Toilettengänge waren zeitlich vorgeschriben. Zur Züchtigung gehörten Schläge mit dem Teppichklopfer auf das nackte Gesäss auf dem Boden hinter verschlossener Tür. Nachts wachte ich regelmäßig mit Panickattacken auf, weil die Macht der Täterinnen unbegrenzt war. Damit diese Gewalttaten nicht nach Außen drangen, waren Besuche von Angehörigen unerwünscht und wurden möglichst verhindert. Geschlossene Systeme haben die Macht, dass alles das, was im System passiert, im System verborgen bleibt. Schockierend ist heute das Schweigen dieser Diakonischen Einrichtung.
Inge Rosenberger schrieb am 25.04.2010, 14:26
Das Risiko, missbraucht oder misshandelt zu werden, ist für Menschen mit einer (so genannten geistigen) Behinderung wesentlich höher als für Menschen ohne (so genannte geistige) Behinderung. Ein sehr großes Faktor sind sicherlich die starren Strukturen in Einrichtungen. Man spricht nicht umsonst von einem "besonderen Gewaltverhältnis".
[...] Für Menschen mit einer geistigen oder schweren körperlichen Behinderung erhöht sich aufgrund spezifischer Gefährdungsfaktoren das Risiko, Opfer einer Sexualstraftat zu werden, erheblich.
Sie leben in vielen Fällen in besonderen, hierarchisch geordneten, Abhängigkeitsverhältnissen. Das Machtgefälle zwischen Eltern und Kind, sowie zwischen den Behinderten und den betreuenden Personen löst sich auch im Erwachsenenalter nicht auf. Außerdem ist das Abhängigkeitsverhältnis durch die Notwendigkeit von Betreuung und Pflege extremer als bei nicht behinderten Menschen. [...]
Quelle und kompletter Text: www.dunkelziffer.de/information/wasistsexmissbrauch/faq.html#behinderungen
S. Schmidt schrieb am 25.04.2010, 14:09
Um sich zu an anderen Menschen zu vergehen, müssen diese erst erniedrigt werden, weil gleichberechtigte Menschen sich wohl kaum; korrekt: gar nicht erniedrigen (werden).
S. Schmidt
S. Schmidt schrieb am 25.04.2010, 13:58
Hilflosigkeit - Status wird herbei geredet
Der Status der Hilfslosigkeit wird m. E. herbei geredet und dient oftmals als Vehikel für Menschen (Anstaltsmitarbeiter_innen), damit ein 'Grund' hergestellt ist, um Anstaltsbewohner_innen zu vergewohltätigen und anderweitig zu drangsalieren.
Die Strukturen in Anstalten tun ihr Übriges.
S. Schmidt, Hamburg
Dorothea Moesch schrieb am 25.04.2010, 12:49
"Wegen ihrer Hilflosigkeit" seien sog. Behinderte also von sexueller Gewalt besonders betroffen? - Da geht Dr. Arnade imho der Nichtbehindertenideologie auf den Leim.
Die "Hilflosigkeit" sog. Behinderter in Anstalten geht weniger von ihrer Behinderung, sondern von den von vornherein entmündigenden und gewaltförmigen STRUKTUREN aus - Vereinzelung, Bevormundung, Nichtglauben, Für-Dumm-Halten.
"Hilflos" sind sog. Behinderte nicht, sie werden dazu gemacht. Bekämen sie die Assistenz und Ermutigung, die sie benötigen, wären sie nicht mehr "hilflos".
Sog. Behinderte werden wegen ihrer VERHILFLOSUNG von sexueller Gewalt besonders betoffen - so wird ein Schuh draus. Sie wird mal wieder GEMACHT, die Situation sog. Behinderter - sie liegt NICHT in der sog. "Behinderung" begründet.