![]()
Druckversion
kobinet-nachrichten
16.01.2003 - 10:17
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org
Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul
Kassel (kobinet) Ein englisches Sprichwort besagt, dass der Weg zur Hölle
mit guten Absichten gepflastert ist. Auf die Behindertenpolitik bezogen könnten
wir dabei eine Vielzahl von Beispielen der Aussonderung und Bevormundung
behinderter Menschen anführen, die ja immer nur «zu unserem Besten» sind.
Dass nun ausgerechnet die eigentlich sehr begrüßenswerte Initiative für eine
«Enquete der Heime», die von der Universität Bielefeld aus entscheidend
voran getrieben wird, sich in die Reihe dieser Entwicklungen einreiht, ist
nicht nur bedauerlich, sondern auch in höchstem Maße ärgerlich.
Was ist geschehen? Am Freitag, den 17. Januar findet in Berlin eine
«hochkarätige» Fachtagung unter dem Motto «Mit weniger Geld mehr Menschen
versorgen? Scheitert 'ambulant vor stationär' an der Bezahlbarkeit?» ein
Workshop der Initiative zur Einrichtung einer «Enquete der Heime» statt.
Prima, würde man da eigentlich sagen, endlich widmet sich jemand den big
points in der Behindertenpolitik und fordert die viel kritisierten Betreiber
von aussondernden Einrichtungen mal richtig heraus. Bei genauer Betrachtung
des Programms glaubt man jedoch seinen Augen nicht zu trauen, denn dort
geben sich Professoren und Doktoren förmlich die Klinke in die Hand ohne dass dabei nur ein
Schimmer der Beteiligung von in diesem Bereich engagierten behinderten
Menschen in den Vorträgen und Diskussionen zwischen 10.00 und 17.00 Uhr am
Horizont erscheint. Also in einfachen Worten ausgedrückt, diese Initiative
scheint vom Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen unter dem Motto
«Nichts über uns ohne uns» anscheinend noch nichts gehört geschweige denn
verstanden zu haben.
Dies ist nicht nur ärgerlich und im Europäischen Jahr der Menschen mit
Behinderungen keineswegs akzeptabel, sondern vor allem im Hinblick darauf
besonders schade, da die Deinstitutionalisierung Behinderter und der Aufbau
von alternativen gemeindenahen Unterstützungsformen zur Zeit wohl eine der
größten und finanzträchtigsten Herausforderungen für die deutsche
Behindertenpolitik und die Würde der davon Betroffenen darstellt. Diese
Unart von «wohlmeinenden MacherInnen» nicht die Bäume vor lauter Wald zu
sehen und diejenigen außen vor zu lassen, um die es eigentlich gehen sollte,
ist jedoch vor allem politisch äußerst dumm. Denn wie wollen die Damen und
Herren Professoren - gegen die wir ja gar nichts haben, wenn sie mit uns
anstatt über uns hinweg arbeiten - es denn schaffen, die
Deinstitutionalisierung ernsthaft voran zu treiben, wenn sie nicht an einem
Strang mit den Betroffenen ziehen? Oder besser gesagt, welche Integration
wird uns dann unter unserem weitgehenden Ausschluss präsentiert werden? Wie
auch immer, so geht´s nicht!
Auf jeden Fall zeigt dieses Beispiel in erschreckender Weise auf, wo wir in
Deutschland in dieser Frage immer noch stehen und dass wir noch längst nicht
die vom Beauftragten der Bundesregierung, Karl Hermann Haack, eingeforderte
und in einigen wichtigen Bereichen schon vorbildhaft praktizierte «Begegnung
auf gleicher Augenhöhe» erreicht haben. Bedauerlich ist dabei besonders,
dass dies aus einer Ecke kommt, aus der wir es nicht erwartet hätten, und die
OrganisatorInnen durch warnende Zwischenrufe aus der Behindertenbewegung
sogar noch die Möglichkeit gehabt hätte, den Fehler zu korrigieren.
Frust und Ärger hin oder her, trotz Europäischem Jahr der Menschen mit
Behinderungen zeigt dieses Beispiel einmal wieder in sehr praktischer Weise
auf, dass wir unser Ziel der Selbstbestimmung und Selbstvertretung noch
längst nicht erreicht haben, und es entscheidend an uns selbst liegen wird,
immer wieder den Finger in die Wunde zu legen und Mißstände, wie diese zu
kritisieren. Doch viel lieber würden wir mit denjenigen streiten, die die
Einrichtungen betreiben und finanzieren, denn dort spielt die Musik. Bleibt
also nur zu hoffen, dass die schrägen Zwischentöne «unserer Partner» eine
einmalige Vorstellung dieser Art bleiben, und es uns gelingt, verstärkt die
Sichtweise, Erfahrungen, Wünsche und Forderungen der von der Aussonderung
Betroffenen ins Zentrum der Diskussion zu rücken.
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten