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kobinet-nachrichten
14.06.2010 - 00:05
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Berlin (kobinet) Mit einem Essay von Ilja Seifert will die Berliner Behindertenzeitung in diesem Sommer eine Diskussion um die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und ihre Potenzen anregen, die gesamte Gesellschaft zu verändern und zu verbessern. Der Essay Visionen & Taten erscheint in der Ausgabe Juli/August und wurde vorab auf der Webseite des Berliner Behindertenverbandes veröffentlicht. Der Bundestagsabgeordnete der Linken ist Vorsitzender des Verbandes „Für Selbstbestimmung und Würde“.
Seifert erwartet auch Widerspruch auf die von ihm vorgebrachten Thesen und hofft, dass sie eine Debatte in einem Land auslösen können, das von Lethargie gelähmt scheint. Die Talk-Shows empfindet er als personifizierte Lethargie, die wie Mehltau alles Lebendige befallen hat und jede wirkliche Tat erstickt.
„Dabei täte Veränderung so Not. Dabei bräuchten wir nichts dringender als neue Ideen. Dabei fehlt uns nichts mehr als eine weittragende Vision, für die einzusetzen sich lohnt“, so Seifert. „Steht also die Frage: Gibt es vielleicht nichts Visionäres? Sind wir womöglich dem Schicksal unausweichlich ausgeliefert? Bleibt uns wirklich nichts anderes, als sehenden Auges auf falschen Wegen weiterzutraben? Kurz vor dem Abgrund talkend & pfeifend auch die letzten Schritte zu gehen?“
Was könnte an einer UN-Konvention so visionär sein, dass sie geeignet wäre, der um sich greifenden Lethargie zu begegnen, fragt der Bundestagsabgeordnete. „Die Konvention kann weitgehend innerhalb des bestehenden Systems umgesetzt werden. Sie ist in Deutschland seit fast anderthalb Jahren Gesetz. Getan wurde bisher so gut wie nichts. Dabei ist ihre Grundphilosophie dem Würde-Konzept des Grundgesetzes sehr verwandt. Es geht darum, auch Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen – seien sie körperlicher, psychischer, geistiger oder von der Art der Sinnesbeeinträchtigung bzw. chronischer oder erblicher Erkrankungen – jederzeit die volle Teilhabe am Gemeinschaftsleben zu ermöglichen. Das setzt umfassende Persönlichkeitsentfaltung voraus“, meint Seifert. „Taten werden gebraucht. Keine Ausflüchte.“ sch
Stephanie Claire Weckesser schrieb am 30.06.2010, 21:22
Der Kritik an der Aufbereitung politischer Themen ist zweifelsohne zuzustimmen. Tatsächlich werden Zuschauer mehr und mehr mit politischen Diskussionen konfrontiert, ohne vorher tiefer gehende Informationen oder gar eine umfangreiche Aufbereitung des Diskussionsthemas zu erhalten.
Ich gehe ebenso wie Frau Angstmann-Koch davon aus, dass diese Vorenthaltung von wichtigen Informationen oftmals kein Zufall ist. Je mehr wirtschaftliche Gewinne in einem Bereich zu realisieren sind oder auch Verluste durch den Wegfall von Begünstigungen zu befürchten, desto mehr erfolgt ein Aufgebot von „ Experten“, die dem Zuschauer vermitteln, dass es zu diesem oder jenem Zustand keine Alternativen gäbe. Tatsächlich werden jedoch diese Experten zum Teil mit immensen Honoraren versorgt, um diesen oder jenen „Sachverstand“ in Diskussionen einzubringen. Es erfolgt eine gezielte Irreführung des Publikums.
Doch sicherlich haben auch die Zuschauer selbst ihren Beitrag für diese Entwicklung geleistet. Sind nicht sie es, die sich am Abend müde vor den Fernseher setzen und eigentlich nicht bereit sind, eine Sendung anzuschauen, deren Informationsinhalt eine ernsthafte Herausforderung darstellt? Ist es nicht so, dass erwartet wird, Probleme innerhalb von 45 Minuten aufbereitet und gelöst zu erhalten?
Die These, dass Menschen mit Behinderungen sozusagen besonders geeignet seien, den zur Diskussion gestellten Fehlentwicklungen entgegenzutreten, vermag ich ebenso wie Frau Angstmann-Koch nicht zu teilen. Ich kann nicht bestätigen, dass behinderte Menschen umsichtiger oder sozial kompetenter sein sollten. Den vermehrten Erfahrungen mit Assistenten stehen häufig Defizite an Erfahrungen durch freiwillig entstandene persönliche Beziehungen gegenüber.
Besonders bedauere ich jedoch, dass die behinderten Menschen untereinander sich selten einig sind, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit nur zwischen Betroffenen mit ähnlichen Beeinträchtigungen und ähnlichem Schicksal besteht. Wie viele körperlich behinderte vermögen sich auch nur ansatzweise mit geistig behinderten oder auch seelisch behinderten Menschen tatsächlich zu identifizieren und wollen mit diesen gleichgestellt werden? Was und wie viel wissen wir von den alltäglichen Problemen und Barrieren, welche Menschen mit andersartigen Beeinträchtigungen treffen? Wie viel Geduld und Verständnis bringen wir im alltäglichen Leben auf, uns für Probleme von Menschen mit anderen Behinderungen zu begeistern, die nichts mit unseren eigenen zu tun haben?
Wollen wir das auch aus meiner Sicht erstrebenswerte Menschenbild der Behindertenrechtskonvention vorbildlich nach außen hin transportieren, so liegt insoweit sicherlich noch ein großes Stück Arbeit an uns selbst vor uns. Doch sollte dies gelingen, wäre die UN-Behindertenkonvention als neue Chance zu begreifen, Menschen mit Behinderungen unter ihrem Dach zu vereinigen. So könnte zumindest ein Beitrag geleistet werden, den oben aufgezeigten Fehlentwicklungen entgegenzuwirken.
Renate Angstmann-Koch schrieb am 16.06.2010, 23:21
Als ich Ilja Seiferts Essay „Visionen & Taten“ zum ersten Mal las, wurde mir erst nach einigem Nachdenken klar, weshalb er meinen Widerspruch provoziert, obwohl ich dem Autor in vielem Recht gebe.
Es fängt mit der Beschreibung der aktuellen Lage an. Ich bezweifle, dass Mehltau und Lethargie unser Land lähmen. Im Gegenteil: Die zerstörerischen Kräfte, die den Sozialstaat ärmer machen und immer mehr gemeinsam erwirtschaftete, der Allgemeinheit zustehende und so dringend benötigte Mittel in die Taschen einiger weniger scheffeln - sie sind ausgesprochen agil und absolut nicht lethargisch.
Ich bezweifle auch, dass diesen Kräften die Visionen fehlen. Sie haben das klare Bild eines „schlanken Staats“ vor Augen, der Spitzenverdiener und Vermögende begünstigt und Arme gerade noch vor dem Verhungern oder Erfrieren rettet. Ihnen schwebt eine Gesellschaft vor, in der die Reichen den Schwachen nach Gutdünken Almosen zustecken, damit sie Ruhe geben.
Ohnmacht befällt allenfalls unsere demokratisch gewählten Abgeordneten, die sich den Finanzmärkten hilflos ausgesetzt fühlen; und sie befällt die Schwachen, die keinen Weg finden, sich gegen die beschriebenen Untaten zu wehren.
Dazu benötigten sie in der Tat eine Vision, die Vorstellung einer besseren und gerechteren Welt. Ich stimme dem Autor zu, dass die UN-Behindertenrechtskonvention den Weg weisen könnte. Sie ist ein wunderbares Dokument.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte betont, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten sind. Die UN-Behindertenrechtskonvention hat einen anderen Ansatz. Sie bekräftigt nicht nur, dass die jedem Einzelnen zustehenden Rechte selbstverständlich auch für Menschen mit Behinderungen gelten. Sondern sie richtet den Blick auf die Gesellschaft. Es ist ihre Aufgabe und es liegt in ihrer Verantwortung, die Voraussetzungen für Teilhabe und freie Entfaltung zu schaffen. Die UN-Konvention rückt die Zusammengehörigkeit aller in den Vordergrund, mögen sie noch so verschieden sein. Hinter ihr steht die „Vision vom Segen der Vielfältigkeit“, schreibt Ilja Seifert – und schrieb früher einmal an anderer Stelle: „In der Konvention waltet das Prinzip des Dazugehörens.“
Diese Vision bereichert nicht nur Menschen mit Behinderungen. Sondern auch Arme, Alte, Eingewanderte, Schwache oder Starke – alle, die sich eine menschliche und solidarische Gesellschaft Gleichberechtiger statt immer tieferer Spaltung wünschen.
Hier ist ein weiterer Punkt, der meinen Widerspruchsgeist weckt. Ob Menschen mit Behinderungen über jenes „zusätzliche Quentchen mehr an Sozialkompetenz“ verfügen, das Gruppen-Egoismus überwinden hilft, mag dahingestellt bleiben. Klar ist aber, dass nicht nur sie aufgerufen sind, die UN-Konvention in die Tat umzusetzen. Sondern alle, die für diese zugegebenermaßen idealistisch klingende Vision einer solidarischen und gerechten Gesellschaft kämpfen wollen, die eine solche Gesellschaft ersehnen. Alle! Auch hier darf es keine Ausgrenzung geben.
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