![]()
Druckversion
kobinet-nachrichten
10.07.2010 - 00:37
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Berlin (kobinet) Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen hat ihre Mitwirkung in der Jury zugesagt, die über ein alternatives Motto zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Deutschland befinden soll.
„Ich bin dafür, das Motto aus dem Schatten ans Licht zu holen“, wurde die Ministerin nach einem Treffen mit dem Sprecherrat des Deutschen Behindertenrates in Berlin zitiert. Das Netzwerk Artikel 3 hatte das derzeitige Motto des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention „Mit Dir zum Wir" kritisiert und die fehlende Beteiligung der Behindertenverbände beklagt (kobinet 5.7.10).
„Ich begrüße die Bereitschaft der Ministerin, in der Jury mitzuwirken und über das bisher gewählte Motto nachzudenken“, sagte H.- Günter Heiden, Pressesprecher des Netzwerkes. „Unsere Initiative ist nach wenigen Tagen schon auf eine gute Resonanz gestoßen: Wir haben bereits Alternativ-Vorschläge erhalten und auf Ohrfunk.de konnten wir unser Anliegen per Interview erläutern.“
Ein Einsender, so Heiden, habe aber auch kritisch angemerkt, ob wir denn nichts anderes zu tun hätten. „Ich denke, dass die Wahl eines guten Mottos viel zur Bewusstseinsbildung beitragen kann“, meint Heiden, „auch wenn es nur wenige Worte sind. Die Slogans ´Es ist normal, verschieden zu sein´ oder ´Behindert ist man
nicht. Behindert wird man´ sind zu Klassikern geworden und haben gesellschaftliche Wirkung gezeigt. In diese Richtung wollen wir auch gerne gehen.“ sch
Auf viele weitere Vorschläge freut sich das Netzwerk bis zum Einsendeschluss am 30. August 2010 per email:
HGH@nw3.de oder per Fax: 030/4364442.
Mariann Weber schrieb am 16.07.2010, 11:31
Manche meinen, es sei nicht wichtig wie das Motto laute, wichtig sei, was hinten rauskommt. Natürlich ist wichtig, was hinten raus kommt. Allerdings: Mit dem Motto "Mit dir zum wir" hat die Bundesregierung, also das Sozialministerium eindrucksvoll bewiesen, das 10 Jahre Paradigemenwechsel völlig spurlos an ihm vorbeigegangen sind. Sie haben es einfach nicht verstanden. Und auf dieser Basis jetzt anzufangen, an der Umsetzung der UN-Konvention zu arbeiten ist einfach frustrierend. Worte sind eben doch wichtig, denn sie werden zu Taten. Wer hat sich denn diese "Mit dir zum wir" ausgedacht? Wer ist denn verantwortlich dafür, dass die wichtigste Phase der Behindertenpolitik für die nächsten 100 Jahre damit eingeläutet wird, dass wir behinderte Menschen duzen. Wir nicht behinderte Menschen nehmen die behinderten Menschen an die Hand, wir duzen sie und sagen: Na komm, wir nehmen dich an die Hand und werden "wir"? Vielleicht wollen die gar nicht geduzt werden. Vielleicht wollen die schon gar nicht "wir" werden, mit denen, die sie duzen. Das erinnert alles an die "Behindertenpolitik" der 50er Jahre. Es ist zum verzweifeln. Die schwarz-gelbe Koaltion hat in der Behindertenpolitik einen fulimanten Fehlstart hingelegt und fängt jetzt hoffentlich noch einmal an. Und bitte nicht wieder bei Null, sondern auf dem Stand der Bundestagswahl 2009.
Wasilios Katsioulis schrieb am 10.07.2010, 15:04
www.amnesty-eu.org/static/html/pressrelease.asp?cfid=7&id=460&cat=4&l=1
Wasilios Katsioulis schrieb am 10.07.2010, 14:37
die Umsetzung der UN BRK kann noch Jahre dauern!
Viel schneller waere die Gleichberechtigung behinderter Menschen in Europa zu erreichen, wenn die Bundesregierung ihren Widerstand gegen die Horizontale Antidiskriminierungsrichtlinie aufgeben wuerde, denn Lippenbekenntnisse alleine werden die Lebenssituation Behinderter nicht verbessern.
So wie die UN BRK auch verbessert die derzeit exklusiv von der Bundesregierung blockierte Richtlinie die Situation der Bdehinderten in allen Lebensbereichen, mit
dem entscheidenden Unterschied dass die Verbesserung nicht erst in 10 bis 15 Jahren eintreten wuerde.
Amnesty International hat sich gerade mit einem Brief an Frau Ministerin von der Leynen gewandt damit diese die alles entscheidende Richtlinie endlich freigibt, annaehernd 40.000 Betroffene haben diesen Brief unterschrieben !
Wir brauchen Diskriminierungsschutz JETZT und nicht erst in einem bis zwei Jahrzehnten!!!
Eva Liebhart schrieb am 10.07.2010, 02:26
Hallo Kobinet-Redaktion, hallo LeserInnen,
gestern war hier über die Debatte im bundestag zu lesen, dass alle Vorschläge zur vorantreibung der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention von der schwarz-gelben Koalition abgelehnt wurden. Heute nun will sich Frau von der Leyen für ein neues Motto zur Umsetzung stark machen. Das scheint zunächst ein widerspruch zu sein, passt aber tatsächlich sehr gut zusammen:. Statt dringend notwendige parlamentarische Arbeit zu leisten, damit Grundrechte für behinderte Menschen realität werden, beschäftigt sie sich lieber mit einer PR-Kampagne, die nur ein kleiner, wenn auch nicht unwichtiger Baustein sein kann. Vielleicht müßig, ständig zu wiederholen, dass die BRD 2 Jahre gebraucht hat, um sich zu einer Ratifizierung dieser UN-Konvention durchzuringen, dass die Konvention seit über einem Jahr geltendes Recht ist, sich aber praktisch kaum etwas geändert hat und dass die ständige Verzögerungstaktik der Bundesregierung bedeutet, dass für alle betroffenen wertvolle Lebenszeit verstreicht, die sonst zu einer Verbesserung der Lebensqualität aller genutzt werden würde. Statt einer flüssigen Umsetzung haben wir etwas zähes, breiartiges. Bewegung wird so effektiv ausgebremst, ohne dass gleich Mauern aufgebaut werden. Es reicht, die vorhandenen Barrieren möglichst lange zu erhalten. Gleichzeitig kann Frau von der Leyen behaupten, und zwar mit Recht, sie habe sich mit den Aktiven der Behindertenbewegung an einen Tisch gesetzt.
sprache beeinflusst das Denken, und so ist es gut, ein griffiges, aussagekräftiges Motto zu haben. Aber viele Menschen verstecken auch ihre wahre Einstellung hinter Floskeln von Political Correctness. Erleben beeinflusst das Denken viel mehr als sprache, und da gibt es keine Ausflüchte mehr.
Also: Erst Realitäten schaffen, (er)leben lassen, dann sprachlich verankern.
Allen Widrigkeiten zum Trotz mit hoffnungsvollen Grüßen
Eva
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten