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kobinet-nachrichten 03.09.2010 - 15:27
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Schildbürger von St. Pauli

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Von Gerlef Gleiss

Hamburg (kobinet) Der FC St. Pauli rühmt sich immer noch, so ganz anders zu sein als die übrigen Vereine der Fußballbundesliga. Und manchmal stimmt das sogar. Aber immer mehr drängen die rein wirtschaftlichen Interessen in den Vordergrund und verlangen ihren Tribut. Das mussten jetzt besonders die auf den Rollstuhl angewiesenen Zuschauer erleben.

Der Kiezclub brauchte dringend neue Tribünen. Nach jahrelangem Hin und Her sind sie jetzt rund zur Hälfte fertig. Im Zuge der Umbauarbeiten wurden die Rollstuhlfahrer nicht zuletzt auf Druck der Deutschen Fußballliga, die ausreichend und ungestörten Platz für die Techniker und Journalisten der Fernsehanstalten, ihrer Hauptgeldgeber, brauchte, von ihrem herrlichen Platz mitten im Geschehen direkt neben der Trainerbank verdrängt.

Jetzt, wo die Haupttribüne einigermaßen fertig gestellt worden ist, haben sie ihren endgültigen Platz am Fuße dieser Tribüne. Dort ist zwar jetzt nicht mehr der holprige Matschboden, an den sich die Rollstuhlfahrer in den letzten Jahrzehnten gewöhnt hatten, sondern ausreichend Platz auf stabilem Beton, aber ansonsten erwiesen sich die Bauherren als wahre Schildbürger.

Die Bürger von Schilda bauten ihr Rathaus bekanntermaßen ohne Fenster. Die Verantwortlichen für den Tribünenbau wollten diesen offenbar in Nichts nachstehen und setzten den Rollstuhlfahrern eine dermaßen hohe Mauer für die Werbebanner vor ihre Rollstuhlplätze, so dass ein großer Teil von ihnen nichts mehr vom Spielgeschehen mitbekommt.

Lediglich bei großen Rollstuhlfahrern auf dicken Sitzkissen reicht die Mauer nur bis zur Nasenspitze, so dass sie gerade noch einigermaßen das Spiel verfolgen können. Die Sitzplätze für die Begleitpersonen sind ebenfalls so niedrig angebracht, dass diese im Sitzen auch nichts sehen würden. Zum Glück können sie stehen bleiben ohne anderen Zuschauern die Sicht zu nehmen.

Darüber hinaus ließen die Bauherren die Rollstuhlfahrer buchstäblich auch noch im Regen stehen. Das Dach der Tribüne reicht nämlich nicht bis über die Rollstuhlplätze. Die Bürger von Schilda versuchten damals, die Dunkelheit in ihrem Rathaus dadurch zu bekämpfen, dass sie mit Eimern das Sonnenlicht ins Rathaus schütteten. Auch die Verantwortlichen des FC St. Pauli müssen sich dringend etwas einfallen lassen, um den Rollstuhlfahrern wieder freie Sicht aufs Spiel zu verschaffen.

Eimer voller Spielgeschehen oder die moderne Variante in Form von Monitoren oder großen Spiegeln sind sicher die falsche Lösung. Es müssen schon ein paar Tonnen Beton sein, damit die Rollstuhlfahrer 30 cm höher sitzen. Die Rampen zu den Rollstuhlplätzen müssen dann allerdings auch umgebaut werden, damit sie nicht zu steil werden.

Das Dach der Tribüne lässt sich mit vertretbarem Aufwand wohl nicht mehr verlängern. Aber Schnee und Regen sind die Pauli-Fans ja seit Jahrzehnten gewöhnt und hat sie nicht davon abgehalten, ins Stadion zu kommen. Und es stärkt zumindest das Gefühl, dass bei St. Pauli doch alles noch irgendwie anders
ist. sch
 

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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Gunther H. Schweickert schrieb am 06.09.2010, 00:43

Sachlich bleiben wäre hilfreich!

Weder der alberne Vorschlag mit Bw-Ferngläsern noch das Herumreiten auf i.d.R. (!) sachlich falschen, aber nun mal üblichen Redewendungen (und das noch unter Verwendung des ortographisch falschen Binnen-I's) helfen in der Sache weiter. Viel interessanter ist die Frage, ob der Umbau dieses öffentlichen Gebäudes vorher hinsichtlich der nach DIN- und anderen Normen gebotenen Barrierefreiheit geprüft wurde und wer ggf. bei dieser Prüfung schlicht gepennt hat. Abgesehen davon: Hat der FC St. Pauli keine(n) Behindertenbeauftragte(n) wie z.B Fortuna Düsseldorf?

Lese Brille schrieb am 04.09.2010, 13:42

Echt??

Da weiss einer von RollstuhlfahrerInnen die an den Rollstuhl gefesselt sind? Is ja furchtbar!!

Sofort losbinden! Hört Ihr? SOFORT!!

Lothar Epe schrieb am 04.09.2010, 12:25

Über Dummheit und wie man ihr gegegnen könnte

Da das Kind ohnehin schon in den Brunnen gefallen ist, hilft wohl nur noch eine gehörige Portion Pragmatismus, frei dem Motto geschuldet" "Für jedes Problem gibt es auch eine Lösung".

Wenn man also nun die Rollstühle einfach ein bisschen höher plazierte, etwa über so eine Art Rampenlösung, wobei ich die genauen örtlichen und baulichen Verhältnisse leider nicht kenne, damit auch die nicht so hoch gewachsenen Rollstuhlfahrer wieder etwas vom Spielgeschehen erblicken könnten, stände dem möglicherweise nur noch entgegen, dass die "Werbeflächen-Verantwortlichen" sie (die Rollstuhlfahrer) als so eine Art "Rampensäue" betrachten, die die Blicke der vermeintlichen Kunden von der Werbung weg und zu den Rollstuhlfahrern hin ziehen würden und eine solche Lösung deshalb nicht praktikabel wäre.

Ich behaupte im übrigen gerne, das derjenige, der sich ein Fußballspiel anschaut, ob im Stadion oder im Fernsehen, seinen Blick auf das Spiel und nicht auf die Werbebanner richtet, und damit im konkreten Fall auch nicht auf die Rollstuhlfahrer.

Aber in einem solchen Fall würde es dann wohl ohnehin, sagen wir einmal Sinn machen, die hiefür Verantwortlichen zumindest vorübergehend ihrer Freiheit zu berauben und zu fesseln, denn soviel Dummheit gehört eindeutig bestraft etwa so wie die Rollstuhlfahrer an den Rollstuhl gefesselt sind, beispielsweise um ihnen einmal ganz praktisch vor Augen zu führen, wie sich Gefangenschaft anfühlt, was dem einen oder anderen, so bleibt zumindest zu hoffen, den Blick für das Wesentliche öffnen könnte, vielleicht kann man dadurch das immense Ausmaß an Dummheit ein wenig einschränken.

Bleibt vielleicht noch die Frage, was denn hier das Wesentliche überhaupt ist, aber das sollte ohnehin jeder für sich selbst heraus finden müssen.

Lothar Epe
Eika e. V.
Polio-Forum

Karin Kestner schrieb am 04.09.2010, 07:02

Lach

Danke für den Lacher am morgen :-) da kann ich den Tag doch gut anfangen.
Viele Grüße Karin

P. Patzig schrieb am 03.09.2010, 22:25

@ St. Pauli

Hallo Gerlef,
bis die Betonwerker hoffentlich erfolgreich waren, könntet ihr euch Scherenfernrohre besorgen lassen. Zwei in der Hamburger Behindertenszene bekannte Bundeswehroffiziere der Reserve, die sich schon für einen Zauberwürfel engagiert haben, sollten dabei helfen. Die Dinger müssten aus dem überflüssigen Arsenal einer demnächst kleiner werdenden Bundeswehr leicht zu beschaffen sein.

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